Restaurant-Neueröffnungen

Die neue Leichtigkeit

Nach der Coronapause ist die Berliner Gastronomie nicht nur zurück, sondern mit neuen Eröffnungen und Ideen in kreativer Höchstform.

Lode van Zuylen (r.) und Stijn Remi in ihrem Restaurant „Remi“ an der Torstraße in Mitte.

Lode van Zuylen (r.) und Stijn Remi in ihrem Restaurant „Remi“ an der Torstraße in Mitte.

Foto: Robert Rieger

Die Berliner Gastronomie steht nicht still. Und das ist nach den überstandenen Coronaschließungen der vergangenen Monate doch wirklich eine gute Nachricht. Beinahe jede Woche eröffnet irgendwo in der Stadt ein neues Restaurant oder erfinden sich alt Bekannte neu. Die schlechte Nachrichten für alle Foodies: Man kommt mit dem Essen kaum hinterher. Ein Trend, der sich dabei beobachten lässt, ist eine neue Unkompliziertheit. Produktfokussierte Küche und moderne Brasseriekonzepte sind die Protagonisten der Stunde.

„Remi“, „Anouki“ und „La Côte“: Brasserieküche von Mitte bis Neukölln

Bereits in der ersten Jahreshälfte wollten Lode van Zuylen und Stijn Remi, Inhaber des „Lode & Stijn“ an der Lausitzer Straße 25 in Kreuzberg, ihr zweites Restaurant „Remi“ an der Torstraße 48 in Mitte eröffnen. Ausnahmsweise war einmal nicht das Berliner Chaos Schuld daran, dass es nun Mitte August wurde. Weil Suhrkamp-Direktor Jonathan Landgrebe Stammgast der beiden Holländer war, fragte er sie Ende 2018, ob sie sich vorstellen könnten, im Erdgeschoss des neuen Verlagshauses ein zweites Restaurant zu eröffnen. Entstanden ist in Zusammenarbeit mit Ester Bruzkus ein lichtluftiger Raum mit kunstvollem Lichtkonzept, offener Küche und einer großen Terrasse in Richtung Rosa-Luxemburg-Platz. Auf der Karte gibt es mittags und abends eine saisonale À-la-carte-Auswahl, die sich auf Wunsch zu einem Menü kombinieren lässt. Gerichte wie Sommerlicher Salat mit Bohnen, Minze und Liebstöckel (12 Euro), Kabeljau, Fenchel, Paprika und Sauce Bourride (23 Euro) oder Joghurteis, Sommerbeeren und Verveine Granité (8 Euro) sind geradlinig wie das Interieur und stellen die hochwertigen Zutaten lokaler Produzenten in den Mittelpunkt.

Verspielter ist das ebenfalls Post-Corona-eröffnete „Anouki“ an der Gervinusstraße 43 in Charlottenburg. Auch hier wird der Brasserie-Ansatz verfolgt, jedoch sehr viel bunter in der Einrichtung und klassisch-französischer auf der Karte. Dafür verantwortlich ist Sascha Lissowsky, ehemals Küchenchef im Drei-Sterne-Restaurant „La Vie“ in Osnabrück. Mittags stehen Flammkuchen (ab 12 Euro) und Croque Monsieur (ab 8 Euro) auf dem Menü, abends eine Mischung aus Steak Tartare (ab 14 Euro), Käse (ab 9 Euro) und unerwartetem Ceviche (18 Euro). Für die Nachbarschaft ganz sicher eine Bereicherung.

Gleiches gilt für das „La Côte“ an der Kienitzer Straße 95 für den Neuköllner Schillerkiez. Optisch mit weißen Kacheln, Neonnamenszug und Terrazzotischen ein echtes Highlight. Genau so wie die Speisen, die mit Pfirsich mit Stracciatella, Basilikum und Haselnuss (10 Euro) oder Pulpo mit Kartoffeln, Petersilie und Aioli (17 Euro) eine echte geschmackliche Innovation sind und mit Austern (ab 3,5 Euro) und Schnecken in Knoblauchbutter (ab 8 Euro) verlässlich-französische Klassiker.

„Aufwind“: Leichte Küche im ehemaligen „Alt Luxemburg“

Die Windscheidstraße 31 in Charlottenburg ist für Berliner Feinschmecker keine unbekannte Adresse. 36 Jahre lang betrieb Sternekoch Karl Wannemacher hier sein „Alt Luxemburg“. Wenzel Büchold und Vedad Hadziabdic haben den Ort nun mit dem „Aufwind“ wiederbelebt. Der Name ist Programm – auf der Karte und bei der Einrichtung. Das Interieur wurde entstaubt und ist jetzt hell, offen und trotzdem gemütlich mit einer verwunschenen Terrasse zum Hinterhof. Eine kulinarische Entsprechung ist die Appetitzentriker-Küche von Büchold. Er verzichtet sowohl auf Fleisch als auch auf jegliche Convenience-Produkte, Zusatzstoffe und Chemikalien. Seine leichten und doch intensiv aromatischen Gerichte wie Zander mit Erbsenpüree, wildem Brokkoli, Zuckerschoten, Kimchimousse und Dashi-Meerrettich (33 Euro) kommen mit von Hadziabdic handverlesenen Weinen mit dem Schwerpunkt Italien auf den Tisch.

Nicht neu, aber trotzdem einen Wiederbesuch wert ist das „Bricole“ an der Senefelderstraße 30 in Prenzlauer Berg. Als Inhaber Fabian Fischer, Barchef Jan Rethemeier und Küchenchef Steven Zeidler 2017 ihren ersten eigenen Laden eröffneten, gaben sie sich noch den Zusatz „Bar Hors D’Oeuvre“ – eine Bar für Vorspeisen also. Dem Tapaskonzept ist das gemütliche Restaurant mit Straßenterrasse in den beschaulichen Kiez hinein, mittlerweile entwachsen. Dafür gibt es nun Casual Fine Dining – wobei lässig und hochwertig hier wirklich gleichwertig nebeneinander funktionieren – eine ambitionierte Weinkarte und zwei miteinander kombinierbaren Menüs mit vier (49 Euro) bis sechs (69 Euro) Gängen. Als aktuell besonders empfehlenswert sind der geflämmte Lachs mit grünem Apfel, Joghurt-Dashi und Wakamechip als frischer Auftakt sowie die Pfifferlinge mit Kartoffel und Schnittlauch als würzig-vegetarische Überraschung hervorzuheben.

„Ora“: Moderne Weine in historischem Gemäuer

Mit neuer Inhaberin und neuer Küche an etablierter Stelle ist seit Juni auch das „Ora“ am Oranienplatz 14 in Kreuzberg zurück. Nach der vorübergehenden Schließung Ende des vergangenen Jahres wurde die historische Apotheke mit erhaltener Inneneinrichtung von 1860 unter Sommelière und Wein-Consultant Emily Harman zu neuem Leben erweckt. Die geballte Kompetenz findet sich dann auch auf der Karte mit einem Fokus auf modernen- und Naturweinen. Zum Lunch (ab 19 Euro) oder Zwei- (35 Euro) bis Vier-Gang-Dinner (49 Euro) stehen leichte mediterrane Kompositionen wie Burrata mit gegrillten Aprikosen, Chili und Minze oder Orecchiette mit Erbsen, Ziegenkäse und Sommertrüffel zur Auswahl.