Krise

Berlins Restaurants in Zeiten des Coronavirus

Die Ausbreitung des Coronavirus hat auch teils massive Auswirkungen auf Berlins Restaurants. Wie die Gastronomen bislang mit der Krise umgehen.

Eine geschlossenes Restaurant und Weinbar an der Piazza Navona in Italien. Auch Berlins Restaurant geraten in der Coronavirus-Krise teils massiv unter Druck.

Eine geschlossenes Restaurant und Weinbar an der Piazza Navona in Italien. Auch Berlins Restaurant geraten in der Coronavirus-Krise teils massiv unter Druck.

Foto: VINCENZO PINTO / AFP

Die Verbreitung des neuartigen Corona-Virus hat auch starken Einfluss auf die Gastronomie Berlins. Veranstaltungen werden storniert, Geburtstagsfeiern ebenso, aber auch lukrative Firmenevents. Selbst mittags sind weniger Gäste da. Manche sprechen von „dramatischen“ oder sogar „katastrophalen“ Rückgängen, andere trifft es offenbar nicht ganz so hart.

„Die Situation ist dramatisch“, sagt zum Beispiel Sternekoch Björn Swanson vom „Golvet“ an der Potsdamer Straße in Tiergarten. Aufgrund der Stornierungsrate von bis zu 60 Prozent hat er sogar schon seine Öffnungszeiten auf Donnerstag bis Sonntag reduziert. Alle Mitarbeiter seien in Teilzeit, die Verdienstausfälle decke das Arbeitsamt. Swanson bemüht sich, positiv zu bleiben: „Zur Not stelle ich mich mit dem Würstchengrill auf den Alexanderplatz“, so der Berliner. Für den 31. Mai ist zum dritten Geburtstag des „Golvet“ außerdem eine große Corona-Survivor-Party geplant. Als Gastköche werden Christian Lohse, ehemals aus dem Zwei-Sterne-Restaurant „Fischers Fritz“, Alexander Dressel aus dem „Bayerischen Haus“ in Potsdam, Felix Dietz aus dem „Rive“ in Hamburg und Markus Pape aus dem „Meisenheimer Hof“ in Meisenheim mit dabei sein. Serviert wird dazu jede Menge Corona-Bier. „Man darf den Humor nicht verlieren“, sagt Swanson.

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Die Berliner und Freunde kommen weiterhin - trotz Coronavirus

Positiv bleiben, so sieht es auch Ivo Ebert vom Sternerestaurant „einsunternull“. Er steht jeden Tag selbst in der Küche, um für seine Mitarbeiter frischen Obstsalat zuzubereiten. „Man hat ja auch eine Verantwortung“, sagt der Berliner. Ein Mitarbeiter werde von ihm derzeit sogar jeden Tag aus Spandau zur Arbeit abgeholt, damit er nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren müsse. Die Berliner und Freunde kämen weiterhin, das halte den Betrieb derzeit trotz Stornierungen aufrecht, sagt Ebert. „Da gibt es eine große Unterstützung.“ Mit seinem Team nutzt Ebert die Zeit für die Planung nach der Krise, so werden gerade beispielsweise neue Gerichte kreiert. Ähnlich sieht es im „Cookies Cream“ aus, dort sind es rund 100 Gäste am Abend weniger.

„Im ‘Schmidt Z & KO’ ist es drastisch“, sagt Anja Schmidt, der mit ihrem Mann Carsten Schmidt sowohl der Weinhandel mit Restaurant in Friedenau als auch das „Alte Zollhaus“ und das „Rutz“ gehören. Selbst mittags kämen deutlich weniger Gäste in das Geschäft an der Rheinstraße. Und Events seien bis zum Mai alle gestrichen. „Dabei waren wir gut gebucht“, sagt sie. Gleiches im „Alten Zollhaus“, das sie erst vor wenigen Monaten von Herbert Beltle übernommen haben und nach Umbau im April öffnen wollen. „Viele Aufträge wurden abgesagt“, sagt Schmidt.

Im "Rutz" sind die Reservierungsbücher voll

Besser sieht es dagegen im „Rutz“ aus. „Wir haben gut zu tun, auch die Stimmung ist gut“, sagt Berlins einziger Drei-Sterne-Koch Marco Müller. Tatsächlich seien die Reservierungsbücher voll, das Restaurant auch. Der Grund: Die internationalen Gäste bleiben zwar weg, das wird aber durch Berliner Gäste im Moment ausgeglichen. Die bekommen plötzlich einen Tisch in Restaurants, die sonst auf Monate hinaus ausgebucht sind. Müller will jedenfalls weitermachen, so lange es in seinem Team keinen Verdachtsfall gibt. „Berlin würde ohne Gastronomie auseinanderbrechen“, sagt Müller.

Ähnlich ist es bei Tim Raue in seinem gleichnamigen Restaurant in Kreuzberg. Auch hier werde der Wegfall des internationalen Publikums bislang durch Berliner aufgefangen. Daneben halte man sich noch strenger an die ohnehin sehr hohen Hygiene-Standards, heißt es. Freie Tische gebe es, ja, aber es sei nicht leer. Und wer auf der Website der „Villa Kellermann“ von Günther Jauch und Tim Raue in Potsdam vorbeischaut, kann mit Stand Freitag im Reservierungssystem frühestens für den 13. Mai einen Tisch bekommen. Das Restaurant hat allerdings auch Betriebsferien vom 13. bis 28. April.

Alle Restaurants wollen offen bleiben

Das Berliner Publikum stützt die Restaurants offenbar bislang in der Krise. Das bestätigt auch das Hotel „Ritz-Carlton“. Vor allem abends kämen Berliner in das Restaurant „Pots“, heißt es. „Pots“ und die Bar „The Curtain Club“ bleiben regulär geöffnet. Mittags sei es dagegen leerer. Grund: Viele arbeiten inzwischen im Home Office. Vincent Garcia vom „Pastis“ am Rüdesheimer Platz in Wilmersdorf und dem „Le Paris“ am Kurfürstendamm spricht von rund 20 Prozent Rückgang. Das „Pastis“ sei aber auch sehr etabliert.“ Bislang also alles gut? „Wer weiß, wie es kommt“, sagt der Südfranzose.

Offen bleiben, das wollten alle. Das „Le Faubourg“ im Hotel „Sofitel“ in der City West lässt nur den Shoppinglunch am Sonnabend ausfallen. Jonathan Kartenberg, Inhaber des „Irma La Douce“ an der Potsdamer Straße in Tiergarten und des „eins44“ in Neukölln plädiert dafür, dass schöne Restaurants und ein hochwertiges Essen unter Freunden eine wunderbare Alternative seien, um eine gute Zeit miteinander zu verbringen: „Dabei müssen wir uns nicht gleich in den Armen liegen, aber wir können uns mit Freunden beim Dinner und einem Glas Champagner auf das Gute besinnen und unsere Freundschaft genießen. Und das bei ohnehin höchsten hygienischen Standards.“

Hygienestandards werden noch einmal verschärft

Das „The NOName“ passt dagegen seine Öffnungszeiten ab April an: von Dienstag bis Sonnabend auf Freitag und Sonnabend. Auch das „Cell“ an der Uhlandstraße in Charlottenburg reduziert seine Öffnungszeiten: auf Donnerstag bis Sonnabend. 70 bis 75 Prozent beträgt hier die Stornierungsrate. Das Coronavirus habe das Potenzial, zerstörerisch für das Gastgewerbe zu sein, heißt es aus dem Restaurant.

Am Sonntag hat sich dann das erste Sternerestaurant entschieden, seine Türen zu schließen. Das "Savu" am Kurfürstendamm bleibt ab Montag, 16. März, bis einschließlich Mittwoch, 29. April, geschlossen.„Zum Schutz unserer Gäste und unserer Mitarbeiter gehen wir diesen verantwortungsvollen Schritt – unabhängig von unseren bereits getroffenen erhöhten Schutzvorkehrungen. Auch wir sind der Meinung, Genuss und Unbehagen gehen nicht zusammen“, sagt Sternekoch und Inhaber Sauli Kemppainen.

Beim „India Club“ an der Behrenstraße in Mitte sind es bislang 50 Prozent Rückgang. Auch hier werden die Hygienestandards noch einmal verschärft. So wird jeder Tisch nach jedem Gast mit Desinfektionsmitteln gereinigt und ausreichend Abstand zwischen den Tischen eingehalten. So manche Hotels und Restaurants bieten Mitarbeitern bereits an, Überstunden abzubauen oder Urlaub zu nehmen.

Anstrengende Zeiten sind es auch für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband in Berlin. Dehoga-Hauptgeschäftsführer Thomas Lengfelder nennt den Rückgang in Hotel- und Gaststättengewerbe „teilweise katastrophal“. Auf zwei Buchungen kämen vier Stornierungen. Und Neubuchungen gebe es praktisch nicht. Hier berät man Gastronomen und Hoteliers zu Kurzarbeitergeld, Überbrückungskrediten oder auch zu Verhandlungen mit dem Vermieter, um die Miete für ein oder zwei Monate zu stunden.

Dehoga schaltet Info-Portal für alle frei

„Von der Kanzlerin bis zum Azubi hat das so noch keiner erlebt“, sagt Lengfelder, lobt aber auch die Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, der Investitionsbank Berlin, der Bürgschaftsbank und den Verbänden. Die sei wirklich hervorragend. Der Dehoga berät sogar Nicht-Mitglieder, die anrufen, kleine Unternehmen, die, so Lengfelder, seit 20 Jahren einen tollen Job machten, und deshalb noch nie Kurzarbeitergeld beantragen mussten oder auch mit dem Vermieter sprechen.

Der Dehoga hat seit Freitag sein Info-Portal (www.dehoga-berlin.de), welches normalerweise nur Mitgliedern zur Verfügung steht, für die gesamte Branche freigeschaltet. Hier gibt es Informationen über Anträge für Kurzarbeitergeld, schnelle Liquiditätshilfen und eine Checkliste für Krisenmanagement.

Eine „Zerreißprobe“ nennt es Anja Schmidt, sie ist überzeugt, dass Berlins Sternegastronomie von dem internationalen Publikum lebt. Der Berliner gehe zwar jetzt in die Restaurants, aber wie lange noch. „Das wird ausdünnen“, ist sie sich sicher. Oder wie es das „Cell“ formuliert: „Wir wünschen Berlins brillanter Gastronomie-Szene viel Stärke.“