Genießen in Berlin

Freimeisterkollektiv bietet hochprozentige Kunst

Angeregt vom Dramatiker Strindberg widmet sich Theo Ligthart handgemachten Spirituosen aus natürlichen Zutaten.

Theo Ligthart machte sich zunächst als bildender Künstler einen Namen und gründete 2016 das Freimeisterkollektiv.

Theo Ligthart machte sich zunächst als bildender Künstler einen Namen und gründete 2016 das Freimeisterkollektiv.

Foto: Maurizio Gambarini

„Hier gibt es alles“, verspricht der blinkende Schriftzug an der weiß gestrichenen Backsteinwand im Hinterhausloft des Freimeisterkollektivs am Kreuzberger Erkelenzdamm. Was aussieht wie eine überdurchschnittlich aufwändige Leuchtreklame, ist tatsächlich Kunst. Ein echter Theo Ligthart, um genau zu sein. Der gebürtige Niederländer und Wahlberliner machte sich in den 90er-Jahren als Bildender Künstler und Regisseur einen Namen, bis er sein Herz an den Alkohol verlor.

2012 gründete er das Craft Spirits Festival Destille Berlin, 2016 gemeinsam mit dem ehemaligen Manufactum-Geschäftsführer Manfred Ritter das Freimeisterkollektiv. Beide widmen sich – als Messe und als Netzwerk für unabhängige Brenner, Gastronomen und Experten – handgemachten Spirituosen aus natürlichen Zutaten, die regional und nachhaltig produziert sind.

Aus Kunst wurde eine Geschäftsidee

Dass Theo Ligtharts Leben eine so unerwartete Wendung nahm, ist dem Dramatiker August Strindberg zu verdanken. Als er sich mit dem fotografischen Werk des Schweden beschäftigte, stieß Ligthart auf die einstige Berliner Institution „Weinhandel und Probierstube, Inhaber Gustav Türk“ Unter den Linden, im Volksmund auch „Zum Schwarzen Ferkel“ genannt. Dort traf sich Ende des 19. Jahrhunderts die skandinavisch-deutsch-polnische Künstlerszene der Hauptstadt. „Heute würde man sagen, ein Hotspot“, sagt Ligthart und lässt dabei einen Wienerischen Einschlag erkennen, den er seiner Jugend und dem Studium in der österreichischen Hauptstadt verdankt. Dort habe es keine Menükarten gegeben, stattdessen nur ein vollmundiges Versprechen an der Wand.

Das bunte Kreuzberger Pendant stehe für den Anfang seiner intensiven Auseinandersetzung mit Spirituosen und erinnere ihn gleichzeitig an sein vorheriges Leben. Anders als für manchen Künstler des Expressionismus führte das Eintauchen in den Rausch einer extatischen Zeit für Theo Ligthart nicht in den Wahn, sondern zu einer Geschäftsidee. Noch als Kunstprojekt gründete er 2008 „Das Korn” in Kooperation mit der Preussischen Spirituosen Manufaktur: Ein Kornbrand aus drei naturbelassenen Weizensorten, hergestellt nach traditioneller Methode in der Gutsbrennerei im brandenburgischen Sellendorf, sechs Monate in Steingutfässern gereift. Präsentiert wurde das Ergebnis erstmals in einer New Yorker Galerie in einer Flasche, die an einen Parfümflakon erinnert und einer Kampagne, die in der “Vogue” stehen könnte.

Es habe ihn gereizt, eine Spirituose mit denkbar schlechtem Ruf zu einem Premiumprodukt zu machen, sagt der 53-Jährige. „Ich wollte Irritation schaffen, die Bildsprache der Premiummarken ironisch zitieren.” „Das Korn” wurde 2009 für einen Mixology Bar Award als “Spirit of the Year” nominiert und ist bis heute erhältlich.

2016 gründete er das Freimeisterkollektiv

Ligthart beschäftigte sich immer intensiver mit der Handwerkskunst des Brennens und sondierte den Markt. “Ich bin der Meinung, dass man nicht zwei Sachen gleichzeitig gleich gut machen kann”, sagt er. Deshalb traf er 2012 eine Entscheidung und verabschiedete sich von der Kunst. Im gleichen Jahr rief er in der Markthalle IX das Craft Spirits Festival Destille Berlin ins Leben, das mittlerweile in der Heeresbäckerei an der Köpenicker Straße stattfindet und sich sich zu Europas größter Messe für handgemachte Spirituosen entwickelt hat. Aus den Kontakten des Festivals und auf der Suche nach kleinen Brennern, die sich in einem Markt, der von wenigen Global Playern dominiert wird, neu erfinden wollen, gründete Ligthart 2016 das Freimeisterkollektiv. Ein unabhängiger Zusammenschluss handwerklich arbeitender Destillateure, unter deren Marke hochwertige Craft-Spirituosen von Gin über Wodka bis Rye Whisky und Kaffeegeist entwickelt und vertrieben werden.

Alle Produkte werden einheitlich in einer schlichten Gradhalsflasche mit Basisinformationen über Name, Brenner, Inhaltsstoffe, und Geschmack verkauft. „Die Verpackung der Flaschen ist sehr einfach, der Fokus soll auf dem Produkt liegen”, sagt Ligthart. Die Brennereien werden vom Gründer handverlesen, produziert wird nur so viel, wie es ein Betrieb ohne einen Ausbau leisten kann. Unter anderem haben die Freimeister einen Rhabarberlikör von Gerald Schroff (Preussische Spirituosen Manufaktur) und Matthias Schulz (Diesdorfer Edeldestille), einen Dinkel-, Quinoa- und Amaranth-Wodka von Georg Hiebl (ein „Superstar der Brennerszene” aus Niederösterreich) und einen Mezcal der mexikanischen Brennerin Karina Abad (Destilería Los Danzantes) im Angebot.

Während letzterer gerade erst ausgeliefert wird, hat Theo Ligthart schon wieder neue Produkte und Kooperationen im Kopf. Ein Rum steht aktuell ganz oben auf seiner Wunschliste. „Es ist die Idee, dass man eines Tages eine ganze Bar ausschließlich mit unseren Produkten betreiben kann”, sagt er. Schließlich haben der Künstler und sein Werk ein Versprechen zu erfüllen.