Führungswechsel

Neun Fragen und Antworten zur Situation am BER

Mit Karsten Mühlenfeld ist der dritte Chef am BER-Projekt gescheitert. Nun soll es Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup richten.

Zeit, dass sich was dreht: Nach wie vor ist unklar, wann der BER in Betrieb geht

Zeit, dass sich was dreht: Nach wie vor ist unklar, wann der BER in Betrieb geht

Foto: Bernd Settnik / dpa

Berlin.  Auf dem langen Weg zum neuen, funktionierenden Hauptstadtflughafen sind die Karten einmal mehr neu gemischt worden: Ein politischer Beamter wird der nunmehr vierte Flughafenchef seit Baubeginn des BER, Aufsichtsratsvorsitzender Michael Müller geht. Technikchef Jörg Marks kommt zurück, Karsten Mühlenfeld, der Mann, der ihn loswerden wollte, ist selbst aus dem Spiel. Die Berliner Morgenpost ordnet die Ereignisse und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wer ist der neue Chef?

Der 60 Jahre alte Stadtplaner Engelbert Lütke Daldrup gilt schon lange als Müllers Mann für heikle Aufgaben. 2014 holte ihn der damalige Bausenator Müller in sein Ressort, um den bis dahin schleppenden Wohnungsbau in Berlin voranzubringen. Er ersetzte den von Müller als zu wenig dynamisch eingeschätzten Ephraim Gothe, und es gelang ihm, das Tempo von Baugenehmigungen und begonnenen Projekten gerade der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften zu beschleunigen. Als Müller Klaus Wowereit als Chef des BER-Aufsichtsrates ablöste, setzte er Lütke Daldrup als seinen Flughafenkoordinator ein. Einen Posten, den es – anders als in Brandenburg – in Berlin nicht gegeben hatte. Lütke Daldrup, den sie auch den Professor nennen – er bekleidet einige Gastprofessuren in seinem Fachgebiet – gilt als fachlich versiert und auch durchsetzungsstark, in der Kommunikation gilt er aber bisweilen als schwierig.

Zu Anfang seiner Laufbahn leitete er in der Berliner Stadtentwicklungsverwaltung das Referat Hauptstadtgestaltung. 1995 wechselte er nach Leipzig und prägte als Stadtbaurat für zehn Jahre die Wiedererstehung der sächsischen Messestadt. Als sein Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee zum Bundesbauminister avancierte, machte er Lütke Daldrup zu seinem Staatssekretär. 2009 musste er nach dem Regierungswechsel seinen Posten räumen, einer seiner Nachfolger wurde Rainer Bomba, der heute mit im BER-Aufsichtsrat sitzt. Zwischendurch war der Planer freiberuflich tätig, ehe er zur Internationalen Bauausstellung Thüringen ging und dort Geschäftsführer wurde. Müller holte ihn dann wieder nach Berlin. Und als die SPD das Stadtentwicklungsressort an die Linke abgab, nahm der Regierende ihn mit ins Rote Rathaus. Dort kümmerte er sich bislang um das Flughafen-Projekt und sollte darüber hinaus Strategien für Berlin entwickeln.

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Was hat zur Ablösung von Flughafenchef Karsten Mühlenfeld geführt?

Ein Vertrauensverlust. Der Geschäftsführer der Flughafengesellschaft ist eigenmächtig vorgegangen und hat gegen den ausdrücklichen Rat der Aufsichtsräte Technikchef Jörg Marks freigestellt. Gleichzeitig hat er als Nachfolger den früheren Bahn-Manager Christoph Bretschneider verpflichtet – für 1700 Euro Tageshonorar. Damit hat er seine Kompetenzen formal überschritten. Bei der Aufsichtsratsitzung im Fe­bruar sprach Mühlenfeld nach Aussagen von Teilnehmern die Unzufriedenheit mit Marks nicht an. Er ging auch weiter ungeschickt vor.

Indem er lediglich die Flughafenkoordinatoren Engelbert Lütke Daldrup, Berlin, und Rainer Bretschneider, Brandenburg, über den Rauswurf von Marks informiert haben soll. Die Info kam auch noch per SMS. Der Regierende Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende Müller erhielt keine Nachricht. Dann behauptete Mühlenfeld in einem Interview, zumindest dem Berliner Anteilnehmer sei bekannt gewesen, dass er schon ein paar Wochen nach einem Nachfolger für Marks gesucht habe. Müllers Sprecherin wies dies zurück.

Warum kommt Technikchef Marks zurück?

Die Gesellschafter und Aufsichtsräte haben schlechte Erfahrungen damit, die Verantwortlichen aus dem operativen Geschäft zu werfen. Nach der gescheiterten Eröffnung des Airports im Juni 2012 musste der Generalplaner gehen, daraufhin herrschte fast zwei Jahre Stillstand auf der Baustelle. Das Chaos war perfekt. Der Neue braucht einen eingearbeiteten Bauleiter. Und mit Marks wäre wohl auch sein Team weg. Was mit dem von Mühlenfeld angeheuerten Berater passiert, ist offen. Dessen Rahmenvertrag gilt zunächst. Christoph Bretschneider wird tagesweise bezahlt, kann also auch mal ein paar Tage aussetzen. Ob er weiter arbeitet, muss der neue Chef in Absprache mit Marks entscheiden.

Warum wollte Mühlenfeld seinen Technikchef überhaupt loswerden?

Er wirft ihm vor, als Bauleiter jeden Termin in den letzten Monaten gerissen zu haben. Er habe kein Vertrauen mehr in dessen Aussagen. In einem anonymen Papier, das vor der Aufsichtsratsitzung am Montag kursierte und auch der Berliner Morgenpost vorliegt, werden Marks angebliche Verfehlungen detailliert aufgelistet. So soll er falsche Angaben zu jeweiligen Baufortschritt gemacht haben und die immens hohen Baunebenkosten nicht eingedämmt haben.

Was bedeutet der Führungswechsel für den Eröffnungstermin?

Es gab bisher keinen klaren Zeitplan bis zu einem Start des BER. An dieser Lage wird auch der Rauswurf Mühlenfelds und die Bestellung des neuen Chefs zunächst nichts ändern. Die Frage, warum auf der Baustelle die bisherigen Termine nicht eingehalten wurden und wie schwerwiegend die technischen Probleme sind, kann auch jetzt nicht schlüssig beantwortet werden. Das Mühlenfeld-Lager bemühte sich noch einmal, die Leistungsfähigkeit des gefeuerten Bauleiters Jörg Marks in Frage zu stellen. Von mangelhafter Baukoordination und fehlender Präsenz auf der Baustelle war die Rede. Auch bisher unbekannte Schnittstellenprobleme zwischen der Brandmeldeanlage und der Sprinkleranlage wurden Marks angelastet.

Zudem habe der frühere Siemens-Mann Firmen Nachschläge bewilligt, obwohl diese nicht sauber nachgewiesen worden seien. Marks wollte so die Motivation erhalten. Die Marks-Freunde im Aufsichtsrat halten den Bauleiter nicht für einen "Helden", sind aber überzeugt, dass sie sein Team aus einer Handvoll Ingenieuren halten müssen, wenn nicht wieder wertvolles Know-how die Baustelle verlassen soll. Inzwischen muss man hoffen, dass es mit einer Eröffnung 2018 überhaupt klappt.

Was wird aus Karsten Mühlenfeld?

Der 53 Jahre alte Maschinenbauingenieur war knapp zwei Jahre Chef der Flughafengesellschaft. Jetzt hat er mit den Gesellschaftern einen Auflösungsvertrag ausgehandelt, um einen Rechtsstreit mit ungewissem Ausgang zu vermeiden. Dem Vernehmen nach bekommt er 800.000 Euro. Dass Mühlen-feld arbeitslos wird, ist eher nicht zu erwarten. Nach seinen Jahren in der Geschäftsführung des Triebwerkbauers Rolls Royce hatte er gerade beim Schienenfahrzeughersteller Bombardier als Zentral- und Osteuropa-Chef angeheuert, ehe er auf Vorschlag Brandenburgs an die Spitze des BER rückte.

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Wie sieht es auf der Baustelle aus?

Seit Ende Januar dieses Jahres liegen alle erforderlichen behördlichen Baugenehmigungen vor. Aber noch sind viele Probleme zu lösen: So funktioniert die Steuerung von rund 1000 Türen nicht, die Sprinkleranlage ebenso nicht.

Was wird vom Neuen erwartet?

Er muss dafür sorgen, dass die Termine auf der Baustelle eingehalten werden und einen belastbaren Zeitplan zur Fertigstellung des BER vorlegen. Nötig ist zudem Perspektivplanung für die Erweiterungen. Dazu muss er vor allem die Zusammenarbeit der Führungskräfte verbessert werden.

Wie geht es im Aufsichtsrat weiter?

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller verlässt das Gremium. Den Vorsitz könnte sein Vize, der Brandenburger Staatssekretär Rainer Bretschneider, übernehmen. Dies hätte wohl zur Folge, dass auch die Berliner Vertreter, Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne), nach nur zwei Sitzungen den Aufsichtsrat verlassen, weil sie dem Gremium als Senatoren nicht unter der Führung eines Staatssekretärs angehören wollen. Müller konnte am Montag noch nicht sagen, wer aus der SPD-Staatssekretärsriege seinen Sitz übernimmt. Als Lederer-Ersatz sind dessen Europa-Staatssekretär Gerry Woop oder auch Bau-Staatssekretär Sebastian Scheel im Gespräch. Die Grünen erwägen, den Platz mit einem sachverständigen Experten zu besetzen.

Die Alten und der Neue - Das waren die Chefs am BER

2006 bis Juni 2013: Rainer Schwarz: Der Schönredner

Rainer Schwarz, promovierter Betriebswirtschaftler, sollte den BER im Juni 2012 ans Netz bringen. Er war bei Aufsichtsräten und Abgeordneten nicht beliebt, viele warfen ihm arrogantes Auftreten vor. Er verbreitete stets Zuversicht über den Baufortschritt am BER. Der Aufsichtsrat gab ihm eine Mitschuld an der verschobenen Eröffnung des BER und kündigte ihm. Laut Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses hatte Schwarz eine entscheidende Rolle bei dem Debakel um Eröffnungstermine und Kosten. Das Landgericht Berlin sprach ihm aber seine Gehaltszahlungen bis zum Vertragsende zu. Schwarz leitet heute den Flughafen Münster-Osnabrück.

März 2013 bis März 2015: Hartmut Mehdorn: Der Extrovertierte

Zwei Jahre stand der frühere Vorstandschef bei der Deutschen Bahn und bei Air Berlin, Hartmut Mehdorn an der Spitze der Flughafengesellschaft. Im März 2013 hatte er den Posten von Rainer Schwarz übernommen, der wegen der geplatzten Eröffnung 2012 gehen musste. Im März 2015 kam der aufbrausende Mehdorn mit seinem Rücktritt nach Konflikten mit dem Aufsichtsrat womöglich seinem Rauswurf zuvor. Er begründete seine Entscheidung mit Spekulationen um seine Person im Umfeld des Aufsichtsrats, die das vertretbare Maß überstiegen. Bei seinem Abgang hinterließ er einen Zeitplan, wonach der BER in der zweiten Jahreshälfte 2017 eröffnet werden sollte.

März 2015 bis März 2017: Karsten Mühlenfeld: Der Sachliche

Der ehemalige Manager bei Rolls Royce, Karsten Mühlenfeld, übernahm die Leitung der Flughafengesellschaft im März 2015 als Nachfolger von Hartmut Mehdorn. Anders als der ex­trovertierte Mehdorn legte er einen leisen Start hin. Der Maschinenbauingenieur ließ stets offen, ob er den noch vom Aufsichtsrat unter Mehdorn abgesegneten Zeitplan halten kann. Der BER sollte danach im zweiten Halbjahr 2017 endlich an den Start gehen. Anfang 2017 gestand Mühlenfeld ein, dass auch dieser Termin nicht gehalten werden kann. Er überwarf sich mit dem Aufsichtsrat, weil er BER-Technikchef Jörg Marks auswechselte – gegen den Willen der Kon­trolleure.

Ab März 2017: Engelbert Lütke Daldrup: Die Notlösung

Ein externer Manager fand sich auf die Schnelle nicht für den BER, deshalb übernimmt nun der Beamte Lütke Daldrup das Ruder am Hauptstadtflughafen. Der verheiratete Niederrheiner blickt auf eine lange Behördenlaufbahn zurück. Sie führte den gelernten Raumplaner zur Wendezeit schon einmal in die Berliner Senatsverwaltung, wohin er vor drei Jahren zurückkehrte. Regierungschef Michael Müller (SPD) holte den Staatssekretär in die Senatskanzlei und machte ihn zu seinem Flughafenkoordinator. Beobachter schildern den Gelegenheitsraucher Lütke Daldrup als gut informiert, zum Teil aber auch als verschlossen und gelegentlich impulsiv.

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