Berlin. Steht Berlins neue Berliner Hauptstadtflughafen vor dem zwischenzeitlichen Aus? Die Gewerkschaft Verdi zumindest fordert, den Betrieb am erst Ende Oktober eröffneten Terminal 1 schon wieder einzustellen. Grund sind anhaltende Arbeitsunfälle durch Stromschläge bei Sicherheitsmitarbeitern an den Passagierkontrollen. Wie die Gewerkschaft mitteilt, berichteten die Beschäftigte von starken Schmerzen, Taubheitsgefühl und Benommenheit als Folge der elektrostatischen Entladungen an den Geräten der Handgepäckkontrollen der Passagiere.
Flughafen BER: Stromschläge versachten laut Verdi bislang 60 Arbeitsunfälle
Die Stromschläge seien teils so stark, dass Mitarbeiter per Rettungswagen in die umliegenden Krankenhäuser hätten transportiert werden mussten. Die behandelnden Ärzte hätten bei einigen Betroffenen eine Arbeitsunfähigkeit aufgrund der Stromschläge festgestellt und die Mitarbeiter krankgeschrieben. Insgesamt, so die Gewerkschaft, soll es bereits mehr als 60 Unfälle gegeben haben. Alleine am 6. Januar habe es demnach elf dokumentierte Fälle gegeben, in vier davon sei es zu entsprechenden Rettungseinsätzen gekommen.
Wie es sich anfühlte, als es ihn Mitte Dezember traf, weiß Martin W.* noch genau. Er wollte sich gerade an das Gepäckkontrollgerät setzen, als zwischen seiner Hand und dem Pult ein heller Lichtbogen aufleuchtete. „Das war schon sehr heftig.“ Mit einem Rettungswagen wurde W. ins Krankenhaus gebracht. Geblieben sei von dem Unfall eine Taubheit in der Hand, sagt er – und ein ungutes Gefühl: „Wir haben alle mittlerweile jeden Tag auf Arbeit Angst, etwas anzufassen.“
Flughafen BER - lesen Sie auch:
- Fluglärm vom BER belastet Berliner Süden
- Im Flughafen BER regnet es rein
- Flughafen BER: Wie die Verluste begrenzt werden sollen
- Flughafen Schönefeld soll im März schließen
Stromschläge am Flughafen BER: Entladungsstifte und Spezialschuhe ausgegeben
Die Unfälle seien an allen Geräten der Gepäckkontrollen im Terminal 1 am neuen Flughafen BER aufgetreten, erklärt Verdi. Verantwortlich für die vom Unternehmen Securitas durchgeführten Sicherheitskontrollen und Geräte ist die Bundespolizei. Auf bereits im Dezember bekannt gewordene Fälle von Stromschlägen hatten die Bundespolizei und das Unternehmen Securitas reagiert. An die Mitarbeiter wurden Entladungsstifte ausgegeben, auch Spezialschuhe und erdende Fußmatten hat ein Teil der Belegschaft bereits erhalten. Dadurch solle die schmerzhafte Entladung verhindert werden.
Der gewünschte Erfolg blieb bislang jedoch aus, wie Katharina M.* am eigenen Leib erfahren musste. Ausgestattet mit den neuen Schuhen erschien sie zum Dienst und entlud mit dem Stift sofort das Gepäckkontrollgerät, während sie auf einer der neuen Fußmatten stand. Doch schon als sie die Plastikkiste mit dem Handgepäck des ersten Passagiers anfasste, gab es einen Knall, berichtet sie. „In dem Moment habe ich richtig schön eine gefeuert bekommen.“ Auch für M. ging es sofort ins Krankenhaus, auch um zu untersuchen, ob sie Schäden davon getragen habe. Noch immer ist sie wegen des Unfalls krankgeschrieben und spürt die Folgen weiterhin: „Ich bekomme den rechten Arm nicht mehr richtig hoch. Das ist wie ein ganz böser Muskelkater.“ So etwas wünsche sie ihrem ärgsten Feind nicht, sagt sie.
Ursachen der Entladungen können vielfältig sein
„Bisher haben alle Versuche der Bundespolizei und des Sicherheitsbetriebs zu keiner Lösung geführt“, bilanziert Benjamin Roscher, zuständiger Landesbezirksfachbereichsleiter bei Verdi den aktuellen Stand. Und trotzdem gehe die Arbeit normal weiter. Das Verhalten von Securitas und der Bundespolizei sei „grob fahrlässig“. Außerdem belasteten die Rettungswageneinsätze und die Einlieferungen in die Krankenhäuser das aufgrund von Corona sowieso schon stark angespannte Gesundheitssystem zusätzlich, so Roscher.
Die Ursachen der festgestellten Entladungen könnten vielfältig sein, erklärt die Bundespolizei auf Anfrage. Nach den ersten Hinweisen hätten sich Experten von Bundespolizei, der Flughafengesellschaft sowie des Herstellers besprochen. „Im Ergebnis eines mittlerweile ebenfalls vorliegenden Sachverständigen-Gutachtens entsprechen alle Anlagen den gültigen Normen und anerkannten Regeln der Technik, die vorgenannte Ursachenvielfalt wird bestätigt“, so die Bundespolizei. Mögliche Gegenmaßnahmen könnten „das Nutzen von ableitfähigen Böden und/oder Bodenunterlagen sowie regelmäßiges feuchtes Wischen des Fußbodens sein“, heißt es. Auch sei in Erwägung zu ziehen, dem Personal andere Dienstkleidung mit weniger synthetischen Fasern zur Verfügung zu stellen.
Verdi will Flugbetrieb zu den Terminals 2 oder 5 verlegen
Aus Sicht von Verdi gebe es aktuell nur eine Möglichkeit: „Als Gewerkschaft fordern wir, die Arbeiten an den betroffenen Geräten sofort und solange einzustellen, bis die technische Ursache für die Arbeitsunfälle gefunden und zweifelsfrei abgestellt ist“, sagte Roscher. Stattdessen solle der schwache Flugverkehr über den alten Schönefelder Flughafen, das heutige Terminal 5 abgewickelt werden. Ansonsten, so Roscher, sei auch eine vorzeitige Inbetriebnahme des bereits fertigen, bislang aber nicht eingesetzten Terminals 2 möglich. Hauptsache weg aus Terminal 1, so die Devise. „Aufgrund des ohnehin sehr niedrigen Passagieraufkommens käme es durch die Einstellung der Kontrolltätigkeiten im Terminal 1 noch nicht einmal zu Einschränkungen des Flugverkehrs“, sagte Roscher.
Bei der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) sieht man dafür keine Veranlassung. Die von der Bundespolizei bereits ergriffenen Maßnahmen hätten bereits „zu einer deutlichen Reduzierung der elektrostatischen Entladungen geführt", erklärt FBB-Sprecher Hannes Höhnemann. Durch diese Vorkehrungen ließen sich die Vorfälle in Zukunft vermeiden, so die Annahme. „Vor diesem Hintergrund besteht keinerlei Notwendigkeit, die Sicherheitskontrollen am BER Terminal 1 auszusetzen", so Höhnemann.
*Namen von der Redaktion geändert