Flughafen BER

Wirtschaft hat hohe Erwartungen an den Flughafen BER

Umliegenden Gebieten soll der Airport BER einen Schub versetzen. Auch Firmen wie Tesla rechnen damit.

Die Wirtschaft in Berlin und Brandenburg blickt erwartungsvoll auf die Eröffnung des neuen Flughafens BER.

Die Wirtschaft in Berlin und Brandenburg blickt erwartungsvoll auf die Eröffnung des neuen Flughafens BER.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Berlin. Keine 30 Autominuten vom neuen Hauptstadtflughafen BER entfernt wächst Verheißung in den Brandenburger Himmel. In der Tesla-Straße baut der gleichnamige Elektroauto-Pionier seit Anfang des Jahres sein neues Werk. Rund eine halbe Millionen E-Autos sollen hier jährlich vom Band laufen. Einige Tausend Menschen dürften in den kommenden Jahren einen neuen Arbeitsplatz finden. Tesla steht bereits für das, was sich die Region von der Eröffnung des BER erhofft: Einen Schub für Ansiedlungen, neue Arbeitsplätze und damit verbundenen Steuereinnahmen.

Man munkelt, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) habe den Tesla-Leuten während der Ansiedlungsgespräche hoch und heilig versprechen müssen, dass der Airport nun auch wirklich im Oktober 2020 eröffnen werde. In der Zentrale des US-Autobauers hatten die Verantwortlichen die jahrelange Verzögerungen beim Bau der Flughafens durchaus wahrgenommen. Woidke jedenfalls gelang es offenbar, die Bedenken abzuräumen. Und für Tesla, so heißt es, sei die Nähe zum Flughafen ein gewichtiges Kriterium bei der Wahl des Standortes für das neue E-Auto-Werk gewesen.

UVB sieht Luft bei Entwicklung von Gewerbeflächen im BER-Umfeld

Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) sehen in der Ansiedlung des US-Konzerns eine Blaupause für weitere mögliche Entwicklung der Bezirke und Landkreise rund um den neuen Hauptstadt-Airport. „Der BER ist schon heute ein Wachstumsmotor für Berlin und Brandenburg. Namhafte Firmen wie Tesla in Grünheide oder Amazon in Schönefeld haben sich auch wegen des Flughafens in der Nähe angesiedelt, ebenso Technologiezentren und Bürokomplexe. Der BER wird weitere Firmen anziehen, trotz der aktuell schwierigen Lage“, sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. Mittelfristig werde sich die Luftfahrt-Branche von dem Einbruch durch die Coronavirus-Pandemie erholen. Dann könne der BER sein Potenzial voll ausschöpfen, so Amsinck.

Der UVB sieht gleichzeitig aber noch Luft nach oben im Umfeld des BER. „Gewerbeflächen am Flughafen sind schon jetzt knapp. Die Politik muss sich darum kümmern, weitere Flächen für die Wirtschaft auszuweisen. Auch die Verkehrs-Infrastruktur müssen wir im Auge behalten. Wenn das Verkehrsaufkommen wieder steigt, muss die Infrastruktur um den BER herum mitwachsen“, erklärte Amsinck.

Software-Firmen, aber auch Hotels und Bürobetreiber suchen Nähe zum BER

Dass die Eröffnung des Hauptstadtflughafens zwar einen Boom bei der Nachfrage nach Gewerbeflächen auslösen könnte, derzeit vorhandene Flächen aber noch nicht ausreichten, hatte im Sommer auch schon eine Studie der Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFBB) kritisiert. Die Wirtschaftsexperten vermuteten, dass etwa international tätige Software- und Biotech-Firmen, sowie Hotels und Bürobetreiber die Nähe zum Flughafen suchen werden. Auch Caterer, Gepäckdienste und Luftfahrttechniker, die auf dem BER selbst arbeiten, würden lange Anfahrtswege vermeiden wollen. Die WFBB geht davon aus, dass die zuziehenden Unternehmen in den kommenden zehn Jahren bis zu 870 Hektar Gewerbefläche benötigen könnten. Derzeit liege der Umfang der verfügbaren Gewerbeflächen aber nur bei 551 Hektar.

Es gebe ein akutes Missverhältnis zwischen den verfügbaren Flächen und der Nachfrage. Die Wirtschaftsförderung sieht Chancen für weiteres Wachstum. In Teilen der Flughafenregion werde insbesondere die Zulieferindustrie im Tesla-Umfeld zusätzliche Nachfrage erzeugen, betonte der Leiter für Investition und Innovation der Wirtschaftsförderung Brandenburg, Peter Effenberger, damals.

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Kurze Wege aus Adlershof zum BER

Insidern zufolge suchen Zulieferer in Grünheide bereits nach Gewerbeflächen. Klar ist: Ohne hiesige Ingenieurskunst wird Tesla seine Elektroautos nicht bauen können. Der Berliner Maschinenbauer Jonas & Redmann, der für andere Automobilhersteller schon Fertigungslinien im Bereich Elektromobilität errichtet hat, macht sich Hoffnung. „Tesla bringt sicherlich viele Anlagen mit. Aber es wird immer noch ein großes Betätigungsfeld geben. Wir sind dafür nicht nur durch die räumliche Nähe prädestiniert, sondern durch die Projekte, die wir bereits in dem Bereich umgesetzt haben“, sagte Lutz Redmann Ende des vergangenen Jahres im Morgenpost-Gespräch.

Mittlerweile hat sich Jonas & Redmann räumlich dem Tesla-Werk und auch dem Flughafen angenähert. Erst vor einigen Wochen zog der Mittelständler aus Moabit in ein neu gebautes Fabrikgebäude in Adlershof. In dem Ortsteil des Bezirks Treptow-Köpenick sind schon heute insgesamt 1200 Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen mit etwa 23.500 Beschäftigten und circa 6.500 Studierenden tätig. Adlershof ist die erste Autobahnausfahrt in Berlin auf der Strecke der Stadtautobahn A113 vom BER in Richtung Zentrum – und auch Jonas & Redmann ist durchaus auf kurze Wege zum Flughafen angewiesen. Vor Corona waren die Mitarbeiter auf der ganzen Welt tätig und sorgten vor Ort bei den Kunden für die reibungslose Inbetriebnahme der Maschinen.

DIW-Forscher bremst wegen Corona kurzfristige Erwartungen

Nicht nur Unternehmen setzt die derzeitige Situation aber unter Druck, auch die wirtschaftlichen Aussichten des neuen Flughafens würden durch die Corona-Pandemie zunächst getrübt, sagt etwa der Wirtschaftsforscher Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Er bremst die kurzfristigen Erwartungen. „Der Luftverkehr liegt am Boden. Kaum noch Touristen aus dem europäischen Ausland verirren sich in die Stadt. Geschäftliche Verabredungen finden online statt. Die Auslastung des Flughafens wird erstmal unter 20 Prozent liegen. Der laufende Betrieb fährt somit nochmals Millionen an Defizit ein“, so Gornig.

Langfristig aber könne sich der BER für die Region positiv auszahlen. „Kurze Wege für Menschen und Waren machen gerade den Berliner Südosten mehr und mehr attraktiv. Internationale Konzerne wie Tesla wissen das zu schätzen“, sagte Gornig.

DGB-Chef sieht Chance, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren

Auch der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in Berlin und Brandenburg hält die kurzfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf den BER und die wirtschaftliche Entwicklung für überwindbar. Der neue Airport sei selbst eines der größten Wirtschaftsunternehmen der Region und habe immense strukturpolitische Bedeutung. „Man kann es tragisch finden, dass der BER mitten in der Corona-Krise eröffnet – wir sollten es aber als Glücksfall verstehen, dass jetzt so ein starker wirtschaftlicher Impuls kommt. Der BER bringt Rückenwind für den Arbeitsmarkt und auch für gute, tarifvertraglich geregelte Arbeit“, erklärte Hoßbach.

Der Gewerkschaft sieht in der BER-Eröffnung mit Blick auf die Beschäftigen am Flughafen auch die Chance, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. „Der gesamte Flughafenbetrieb inklusive der Bodenverkehrsdienste gehört aus unserer Sicht wieder in öffentliche Hand. Die FBB als Betreiber muss durchsetzen, dass nur solche Mieter und Auftragnehmer im und am Flughafen zum Zug kommen, die sich an Tarifverträge halten“, so Hoßbach.

Studie sieht Potenzial für mehr als 60.000 neue Arbeitsplätze

Von den im BER angesiedelten Betrieben erwartet der DGB-Chef zudem Engagement im Bereich Ausbildung. Außerdem solle die Flughafengesellschaft ihren Einfluss auf die Airlines geltend machen, um die von der Gewerkschaften geforderten Standards auch in der Flugzeugwartung und -bereitstellung durchsetzen zu können. Nicht zuletzt gehöre aber auch ein gutes ÖPNV-Konzept zur Anbindung des Flughafens sowie der umliegenden Industrie- und Gewerbegebiete dazu, so Hoßbach. Irgendwie müssen die Menschen ihre neuen Arbeitsplätze schließlich erreichen.

Wie viele neue Jobs durch die BER-Eröffnung in der Airport-Region entstehen, ist umstritten. Treptow-Köpenicks Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) erklärte vor einiger Zeit, er rechne mit im Flughafenumfeld mit rund 85.000 neuen Arbeitsplätzen. Eine Studie zur Standortbilanz der Conoscope GmbH vor drei Jahren ergab, dass 2035 bis zu 33.000 Beschäftigte direkt und indirekt am Flughafen tätig sein könnten. Weitere etwa 34.000 Mitarbeiter könnten bei Firmen beschäftigt sein, die sich aufgrund des BER in und um Berlin angesiedelt haben. „Wir rechnen damit, dass jeder Beschäftigte am Flughafen BER im Schnitt 1,2 zusätzliche Beschäftigte in der Region bewirkt“, schrieben damals die Studienautoren von Conoscope.

Standortvermarkter: BER-Eröffnung löst Bremse

Berlins Standortmarketing-Chef Stefan Franzke geht davon aus, dass die gesamte Region langfristig vom BER profitieren wird. „Wir sind jetzt alle sehr froh und zufrieden, dass die Flugzeuge nun am neuen Hauptstadtflughafen BER an den Start gehen können, nachdem fast zwei Jahrzehnte lang nur darüber gelacht wurde. Wir sind seit 2012 nur mit angezogener Handbremse unterwegs gewesen. Aber genau diese Bremsen werden mit der Eröffnung jetzt gelöst“, sagte Franzke.

Darauf hofft auch Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne): „Was lange währt, wird auch mal gut. Dank an Engelbert Lütke Daldrup und sein Team, sie haben es geschafft! Berlin als internationale Metropole mit weltweiter Ausstrahlung hat mit dem BER endlich auch einen modernen Flughafen“. Am BER werde Berlin nach der Corona-Krise wieder Menschen aus aller Welt begrüßen können – für neue Jobs, neue Finanzierungsrunden, neue Ansiedlungen und vieles mehr, so Pop.