Bauprojekt

Neu-Schönefeld: „Wir wissen gar nicht mehr, wo wir wohnen“

Ein Rundgang durch „Neu-Schönefeld“, die Stadt, die am Rand des neuen Flughafens gerade entsteht.

Am Rande des Flughafens BER in Schönefeld entsteht ein neues Wohnquartier.

Am Rande des Flughafens BER in Schönefeld entsteht ein neues Wohnquartier.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Schönefeld. Hubert Peter zeigt auf ein neues Wohnhaus hinter einem sehr gepflegten Rasen, ein junger Mann hängt Wäsche auf dem Balkon im vierten Stock auf. Hubert Peter sagt: „Bis hierher kamen die Rehe.“ Er konnt sie vom Fenster seiner Wohnung aus gut sehen. „Überhaupt gab es hier früher ein freies Feld.“ Mit „früher“ meint er vor fünf Jahren. Da gab es noch kein neues Rathaus, keine „Sonnenhöfe“ – und auch keinen neuen Großflughafen BER. Wenn der 75-Jährige jetzt mit seinem Dackel-Terrier durch Schönefeld läuft, dann sieht er beinahe täglich, wie sich der Ort verändert und zu einer richtigen Stadt wird.

Schönefeld liegt am Rande von Berlin und am Rande des Brandenburger Landkreises Dahme-Spreewald. Diese 16.000-Einwohner-Stadt ist derzeit eine der Boomregionen überhaupt. Nicht nur der Flughafen und damit ein sehr vielfältiger Arbeitsmarkt für 40.000 Menschen in den kommenden 15 Jahren ist eine Fahrradfahrt entfernt – auch Adlershof mit seinem Campus ist schnell erreichbar, ebenso die zukünftige Tesla-Fabrik in Grünheide mit 12.000 Arbeitsplätzen. Mit der nahe gelegenen Autobahn ist auch der Rest von Deutschland gut angebunden.

Erfahrung aus dem Ausland zeigen, dass sich Städte rund um einen Flughafen schnell entwickeln: Im Umfeld des neuen Flughafens in Istanbul ist ein 700 Hektar großes Areal als Stadt aus dem Boden gestampft worden. Am Dubai International Airport wurde direkt am Flughafen eine „Festival City“ für 100.000 Einwohner gebaut mit Schulen, Geschäften und Shopping Malls. Bei der südkoreanischen Hauptstadt Seoul wurde die Smart City Jongdo für 150.000 Einwohner neu errichtet, die durch eine Brücke mit Seouls Flughafen Incheon verbunden ist. Der Slogan von Jongdo lautet: „In dreieinhalb Stunden sind 61 Millionenstädte erreichbar.“

Schönefeld gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert. Inzwischen gehören zur Gemeinde sechs Ortsteile. Für die Einwohner wird der Flughafen BER zwar auch einige Fernreisen möglich machen, aber bisher sehen das die Einwohner von Schönefeld entspannt. „Ich bin früher oft mit dem Rad zum Flughafen gefahren, um nach Spanien zu fliegen“, erinnert sich Gisela F. Die 73-Jährige hat aber schon vor der Corona-Pandemie begonnen, ihren Urlaub eher in ihrem Wochenendhäuschen im Spreewald zu verbringen. „Die Veränderungen hier sind nicht für meine Generation gemacht“, sagt sie. „Die Alten hier sterben weg oder sie ziehen woanders hin.“

Bürgermeister fährt vor der BER-Eröffnung in den Urlaub

Rund 21 Prozent der Bevölkerung in Schönefeld sind älter als 60 Jahre. Doch auch für sie will die Verwaltung dasein. Ein gutes Zeichen für die Veränderungen in der Stadt ist das Rathaus selbst. Vor dem klobigen Bau steht eine moderne Skulptur, in die Symbole eingeritzt sind, die das Leben der Stadt zeigen: Mütter mit Kindern, ein Flugzeug, ein Boot auf dem Wasser, ein Fahrradfahrer. Bürgermeister Christian Hentschel ist im Herbst 2019 ins Amt gewählt worden und gehört der „Bürgerinitiative für Schönefeld“ an. Im Januar übernahm der 55-Jährige das Amt von Udo Haase (parteilos). Er war 29 Jahre im Amt. Hentschel tritt in große Fußstapfen.

Hentschel aber lehnte genau das bei seiner Antrittsrede ab. „Wenn man in Fußstapfen tritt, dann geht man auch den gleichen Weg“, rief er seinen Wählern damals zu. „Ich aber möchte einige Dinge anders machen.“ Für ihn gehört dazu, dass sich nicht alles in der Stadt nur um den Flughafen und die Investoren dreht. Vielmehr spricht er gern von „Wachstumsschmerzen“, die der Ort habe. Deshalb hat er ein Integriertes Stadt-entwicklungskonzept ins Leben gerufen, kurz „INSEK“, das am 25. September startete und 18 Monate lang laufen soll. In zehn Jahren soll die Einwohnerzahl sich auf 30.000 fast verdoppelt haben. Schon jetzt gibt es ein neues Hallenbad ein Fitnessstudio, geplant sind Kitas, Schulen, Straßen, Radwege und Kreisverkehre. Demnächst soll noch ein neuer Autobahnanschluss folgen.

Durch die Steuereinnahmen gilt Schönefeld als reichste Gemeinde Brandenburgs, der Landkreis als Ostdeutschlands steuerstärkster Kreis. Wenn Hentschel vor seinen Amtssitz tritt, kann auch er den Boom mitbekommen, der in Schönefeld seit Monaten vonstatten geht. Kräne, Betonmischer, Absperrungen für noch mehr Bauland. Dazwischen immer die Visionen in Computergrafiken, wie Schönefeld in ein paar Jahren aussehen könnte.

Auf der Straße läuft eine Maklerin hektisch zwischen ihrem Auto und den Neubauten hin und her. Der Spielplatz inmitten der Gebäude ist noch komplett unberührt, hinter den Fenstern sind noch keine Gardinen. „In ein paar Tagen ist hier Schlüsselübergabe“, sagt sie, „die Wohnungen sind hier schnell weg.“ Der „Sonnenhof“, so heißt die Wohnanlage bei der Aldebaranstraße, sieht noch etwas trist aus. Die fünfstöckigen Gebäude ziehen sich an der stark befahrenen Straße entlang. Gegenüber steht ein ebenfalls fast fertiges Kongresszentrum. Ein Fensterputzer macht letzte Säuberungsarbeiten.

Nicht weit davon läuft Gloria Stiller mit Kind und Hund die Straße entlang. Sie ist vor sechs Jahren aus Friedrichshain hergezogen und vermisst Berlin bisher nicht. „Ich habe hier vor allem Ruhe“, sagt sie, „die Mieten sind erschwinglich und ich finde vor allem die Anwohner wahnsinnig nett.“ Sie sagt, dass man hier einander auf der Straße noch grüße und dass es sehr durchmischt sei. „Es gibt hier viele Menschen aus dem Ausland, aber auch alte Menschen, mit denen man leicht in Kontakt kommt.“ Nur eine Sache – neben dem hoffentlich bald weniger werdenden Baulärm – findet sie verbesserungswürdig. Dann sagt sie etwas, das die meisten Schönefelder erwähnen, wenn man sie nach ihrer Heimat fragt: „Ein Norma reicht mir nicht.“

Tatsächlich ist der Norma der einzige Lebensmittelmarkt in der Gegend, der zu Fuß zu erreichen ist. Das Problem haben auch Makler erkannt. Felix Henne ist Geschäftsführer von Müller Merkle Immobilien, die gerade die ersten 222 Wohnungen in dem Projekt Sonnenhöfe in Schönefeld vermarkten. Rund ein Drittel sind derzeit noch frei, doch schon Anfang 2021 soll ein weiterer Bauabschnitt mit rund 240 weitere „Wohneinheiten“ hinzukommen.

Henne kennt das Problem mit dem Norma, er nennt es das „Nahversorgerproblem“. „Außerdem wäre die mal angedachte Verlängerung der U7 nach Schönefeld eine gute Entwicklung.“ Doch abseits davon kann er die Gegend nur loben. Bis zu 70.000 zusätzliche Einwohner könnten sich im Berliner Umland nahe dem Flughafen in den kommenden 15 Jahren ansiedeln, nicht nur in Schönefeld. Das ergaben verschiedene Analysen. „Wir sind überzeugt, dass diese Gegend sich noch sehr gut entwickeln wird.“

Im Teich steht der Vogel aus dem Lufthansa-Logo

Vor dieser Entwicklung zu „Neu-Schönefeld“ sind nicht alle begeistert. Mandy H. mag diesen Begriff schon nicht. „Wir wissen gar nicht mehr, wo wir jetzt eigentlich wohnen.“ Sie wohnt direkt am Dorfanger und weiß schon jetzt kaum noch, wo sie mit ihrem Hund hingehen kann. „Die Parkanlagen sind schmal und klein“, sagt die 49-Jährige, „und ohne Auto kann man hier eigentlich nicht wohnen.“ Die gebürtige Dresdnerin ist zwar froh über einige Veränderungen wie die Kitakosten-Verringerung, aber die Felder vor ihrem Haus vermisst sie schon. Richtige Kneipen oder gar ein Kulturleben gebe es außerdem auch in Schönefeld nicht – vielleicht noch nicht. „Die jungen Leute jedenfalls, die fahren abends in die Stadt oder in andere Ortsteile, um etwas zu erleben.“

Bürgermeister Christian Hentschel sagt, dass er sich diesem Problem annehmen wolle. Auch Kulturschaffende will er direkt ansprechen. Rund 40 Millionen Euro will die Stadt in die Hand nehmen, um neue Verwaltungsgebäude zu bauen. Schon jetzt steht die größte Kita Brandenburgs in Schönefeld: 500 Kinder werden darin betreut. Seit wenigen Wochen fährt der Bus vom S-Bahnhof Schönefeld immerhin nicht mehr im Stundentakt, sondern alle 20 Minuten. „Es gibt Investoren“, sagt Christian Hentschel, „die stellen die Ansiedlung einer IT-Hochschule in Aussicht.“ Solche Entwicklungen gefallen ihm. „Ich selbst habe die Vision, dass man den BER nicht an erster Stelle nennt, wenn man an die Gemeinde Schönefeld denkt.“ Schönefeld könne mehr als nur Flughafen.

Dabei gibt es diesen schon nicht mehr. Zumindest in der App der BVG heißt er seit wenigen Tagen „Flughafen BER Terminal 5“. Die schiere Menge der Fahrräder am Bahnhof zeugt davon, dass viele von dem schnellen Weg in die Stadt Gebrauch machen. Nur ein paar Hundert Meter von dort entfernt, getrennt durch einen Feldweg, gibt es etwas, das die Großstadt wirklich nicht bieten kann: Ein kleiner Teich. Die Bänke sind so aufgestellt, dass man direkt auf den Teich blicken kann. Wer lange genug wartet, trifft hier vielleicht einen Kranich. Als hätte die Lufthansa ihren Vogel aus dem Logo nach Schönefeld eingeladen, so steht er am Teich. Als ob er auf etwas wartet.