Flughafen BER

Dietmar Woidke: „Wenn die Kanzlerin kommt, gibt’s Kaffee“

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) verspricht sich vom BER einen Schub für die Region.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke  (SPD)

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD)

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Schönefeld. Brandenburg betreibt zusammen mit dem Bund und Berlin den neuen Flughafen in Schönefeld. Ministerpräsident Dietmar Woidke (59, SPD) ist seit zehn Jahren mit der Katastrophen-Baustelle vertraut. Als Innenminister war er zunächst Teil des sogenannten Flughafen-Kabinetts, als Ministerpräsident ist er seit 2013 eng in die Entscheidungen und Personalfindungen eingebunden. Im Interview mit der Berliner Morgenpost zieht Woidke Bilanz über die Pannen-Geschichte, spricht über die Chancen des neuen Airports und die künftige Anbindung des Flughafens an den Nahverkehr.

Berliner Morgenpost: Herr Woidke, glauben Sie schon fest an die Eröffnung oder schwirren in seltenen Momenten immer noch leise Zweifel mit, ob es heute tatsächlich klappt?

Dietmar Woidke: Nein, schon lange nicht mehr. Wir sind auf der Zielgeraden; auch der Testbetrieb ist erfolgreich abgeschlossen. Der BER geht endlich an den Start und es wird auch höchste Zeit.

Was bedeutet das für sie persönlich – Sie haben ja die Pannengeschichte zum größten Teil miterlebt?

Nach den vielen Höhen und Tiefen ist das natürlich wie ein Rucksack, der abfällt. Für die Region ist das ein wichtiges Signal. Es war schon eine Riesen-Belastung, politisch und wirtschaftlich. Wir haben viel Mitleid, Spott und Häme abbekommen. Deswegen bin ich froh, dass diese Zeit vorbei ist und wir mit einem schönen neuen Flughafen an den Start gehen.

Wie oft haben Sie daran gezweifelt, dass der Flughafen möglicherweise doch nicht an den Start gehen kann?

Dass er irgendwann eröffnen kann – da war ich mir immer sicher. Und mit Engelbert Lütke Daldrup als neuem Geschäftsführer ab Frühjahr 2017 wurde ich immer zuversichtlicher. Es gab zwar weiterhin Schlaumeier am Spielfeldrand und mediales Dauerfeuer, aber die Probleme wurden zielstrebig abgearbeitet. Über die vielen Jahre haben wir intern mit den Geschäftsführern viel gestritten. Ich war schon als Innenminister (2010 – 2013, Anm. der Redaktion) im sogenannten Flughafen-Kabinett und verfolge die Situation seitdem genau. Wir hatten zwischendurch mal die Hoffnung, dass es vielleicht doch ein wenig schneller geht. Daraus wurde aber nix.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Geschichte des Baus?

Es gibt im Wesentlichen drei Punkte. Vor allem benötigt man ein fachlich und menschlich fähiges Management, das sehr erfahren und in der Lage ist, so ein komplexes Projekt zu steuern. Das zweite ist eine genaue Zeit- und Kostenplanung. Das war vor allem in den Anfangsjahren unterentwickelt. Und das dritte ist, dass Erweiterungen und Änderungen in ihren Konsequenzen für das Gesamtprojekt immer offen diskutiert werden müssen. Wir haben in den 1990er-Jahren einen Bungalow geplant und stehen jetzt vor einem ausgewachsenen Mehrfamilienhaus.

Man hat den Eindruck, dass erst unter dem Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup und Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider richtig Zug in die Fertigstellung des Flughafens kam. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es in dieser Konstellation klappte und in allen vorherigen nicht?

Das ist ein Team, das zusammenpasst und gemeinsam für das Projekt brennt. Beide haben viel Erfahrung in der Begleitung komplexer Projekte. Herr Lütke Daldrup hat einen großen Erfahrungsschatz. Zudem ist er jemand, der immer offen agiert und Wahrheiten ausgesprochen hat. Und die Wahl von Rainer Bretschneider zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden ab 2018 war Gold wert. Da kann man nur den Hut ziehen und sich bedanken. Damit entstand ein Duo, dass das gesamte Team wieder motivieren konnte. Das war die wichtigste Voraussetzung für die Fertigstellung.

Ist eine Lehre auch, dass Politiker in Aufsichtsräten vielleicht nicht die beste Besetzung sind, weil ihnen sowohl die Zeit als auch die Kompetenz fehlt?

Ich bin nach meiner Wahl zum Ministerpräsidenten bewusst nicht in den Aufsichtsrat gegangen, um das Projekt unabhängiger begleiten zu können. Ihre Frage lässt sich aber nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten. Das ist vom Einzelfall abhängig. Der Aufsichtsrat kontrolliert die Geschäftsführung, er ist aber keine Neben-Geschäftsführung. Das muss man auseinanderhalten.

Fürchten Sie eigentlich die Endabrechnung für den BER? Es stehen ja schwindelerregende Summen im Raum, sowohl, was die Baukosten, als auch, was den künftigen Liquiditätsbedarf betrifft.

Geplant sind jetzt knappe sechs Milliarden Euro. Das ist eine sehr deutliche Steigerung…

…ursprünglich war von zwei Milliarden Euro die Rede…

…auf der anderen Seite haben wir in allen Bereichen damit zu tun, dass die Baukosten drastisch gestiegen sind. Außerdem gab es erhebliche Erweiterungen des Baus. Ein Mehrfamilienhaus ist eben auch nicht für einen Bungalow-Preis zu bekommen. Mit den Investitionen in den Flughafen haben wir aber nicht nur die Grundlage für Wirtschaftswachstum in Berlin und Brandenburg gelegt, sondern für ganz Ost-Deutschland. Der Flughafen wird weit über die Grenzen Brandenburgs hinausstrahlen. Dafür brauchen wir aber auch eine bessere Anbindung mit Flugverbindungen nach Asien und in die USA. Da sind wir nach wie vor benachteiligt. Es kann nicht sein, dass man erst noch einen Inlandsflug über Frankfurt oder München buchen muss, wenn man von anderen Kontinenten nach Berlin will – oder andersherum.

So etwas kann ja nicht per Parteitagsbeschluss beschlossen werden, wie soll das konkret funktionieren?

Wir haben mehrfach vorgetragen, dass die Bundesregierung hier ihren Einfluss geltend machen muss, dass mehr internationale Slots zugelassen werden. Das ist eine Frage der wirtschaftlichen Entwicklung für Berlin und Brandenburg. Deshalb werden wir zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller weiter dafür kämpfen.

In den 1990er-Jahren hieß es, der Flughafen sei viel zu groß geplant, in den letzten Jahren, er sei viel zu klein. Bei den vielen schrecklichen Begleitumständen der Corona-Pandemie – könnte es da am Ende für den Flughafen gut sein, dass der Flugverkehr derzeit so eingeschränkt ist?

Nein. Ganz ehrlich, es ist kein Glück, dass wir jetzt mit der Pandemie zu kämpfen haben. Im Gegenteil. Die Pandemie trifft uns und den Flughafen gleichermaßen hart. Der Flugverkehr weltweit ist ja dermaßen eingeschränkt, wie man es sich nicht hätte vorstellen können. Auch ohne Pandemie hätten wir den Flughafen gut ans Netz gebracht, er ist ja für deutlich mehr Passagiere ausgelegt, als es vor der Pandemie der Fall war. Wenn es Sicherheit für die Fluggäste gibt, dann wird sich der Flugverkehr in unserer Region wieder zügig nach oben entwickeln.

Wann rechnen Sie damit?

Die Bundesregierung hat angekündigt, dass höchstwahrscheinlich im ersten Quartal des kommenden Jahres ein Impfstoff zur Verfügung steht. Der Flugverkehr wird sich aber nicht bereits im zweiten Quartal erholen, es ist ja ein weltweites Problem. Ich rechne damit, dass es zwei oder drei Jahre dauern wird.

Der Flughafen wird das ganze Koordinatensystem der Region verändern. Von Tegel und dem Nordwesten hin zum Südosten, wo sich ja jetzt auch der E-Auto-Bauer Tesla ansiedelt. Welche Chancen sehen sie für die regionale Entwicklung?

Der Flughafen wird ganz Brandenburg und Berlin einen zusätzlichen Entwicklungsimpuls geben. Er wird weit über das Berliner Umland hinaus positiv wirken.

Der Flugverkehr bedeutet auch eine große Belastung für die Anwohner. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass es anders als vor acht Jahren, als es hitzige Diskussionen über die Flugrouten gab, es jetzt vergleichsweise ruhig ist?

Die Diskussionen haben ja zu Veränderungen geführt. Es sind viele Millionen Euro in Lärmschutzmaßnahmen investiert worden. Die Flugrouten haben sich verändert. Es ist wichtig, die Akzeptanz für den Flughafen in der Region zu erhalten. Wir werden keinen Flughafen haben, den man nicht merkt. Aber mit dem Nachtflugverbot nehmen wir deutlich mehr Rücksicht auf die Ansprüche der Anwohner.

Ist denn das Nachtflugverbot für alle Zeiten in Stein gemeißelt – oder bestehen da noch Spielräume?

Das Nachtflugverbot ist gut. Es sorgt für klare Verhältnisse auf allen Seiten. Wir sollten da keine neue Diskussion aufmachen und es in Frage stellen. Wir erleben weltweit, dass deutlich mehr Rücksicht auf die Menschen vor Ort genommen wird als noch vor zehn oder 20 Jahren. Und das ist gut so!

Ein weiteres Dauerthema ist die Verkehrsanbindung des BER. Haben Berlin und Brandenburg die Entwicklung verschlafen und hätte, zum Beispiel, die U-Bahn-Anbindung nicht schon längst in Angriff genommen werden müssen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit dem BER einen Flughafen haben, der deutschlandweit, vielleicht sogar weltweit, hervorragend angebunden ist. Dass es Diskussionen gibt, hängt auch mit den steigenden Fluggastzahlen zusammen. Der BER ist – anders als Tegel – über die Bahn angebunden, er ist auch über die Autobahn angebunden – wir sind da im Großen und Ganzen gut unterwegs. Mit der Eröffnung müssen wir die Anbindung aber weiter im Auge behalten. Wenn die Fluggastzahlen weiter steigen, müssen wir reagieren. Die Erreichbarkeit ist gut.

Zuletzt gab es auch eine Einigung bei den Taxifahrern – aus Ihrer Sicht ein gelungener Kompromiss?

Ja. Kompromiss heißt immer, dass beide Seiten etwas hergeben müssen. Ich denke, dass das hier gelungen ist und die Fluggäste sicher sein können, dass sie auch mit dem Taxi weiterkommen.

Herr Woidke, was machen Sie am 31. Oktober und wann werden Sie zum ersten Mal vom BER fliegen?

(lacht) Das steht in den Sternen. Ich bin schon seit Monaten nicht mehr geflogen. Am 31. Oktober werde ich zusammen mit Michael Müller in einer angemessen kleinen Zeremonie den Flughafen eröffnen. Wenn die Kanzlerin kommt, gibt’s auch eine Tasse Kaffee. Wir machen da kein Brimborium. Aber freuen darf man sich schon: Auf eine gute Anbindung unserer Region und auf zusätzliches Wirtschaftswachstum.