Pannen-Flughafen

Eröffnung ohne Terminal "unternehmerischer Selbstmord"

Die Fertigstellung des BER kostet bis zu 400 Millionen Euro zusätzlich. Sinnvolle Alternativen dazu sieht der Flughafenchef nicht.

Rundgang durch den Flughafen BER

Im Flughafen herrscht noch Helmpflicht, doch der neue BER-Chef zieht eine positive Bilanz: Von 180.000 Mängeln müssen laut Lütke Daldrup nur noch 13.000 beseitigt werden. Die Entrauchungsanlage soll mittlerweile funktionieren.
Fr, 19.05.2017, 18.43 Uhr

Ein Rundgang über die Flughafen-Baustelle am BER

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Berlin/Schönefeld. Engelbert Lütke Daldrup war bereit, die Wette zu halten. Eine Kiste guten Weines würde der Flughafenchef riskieren und darauf setzen, dass er seine Prognose einhält, den neuen Flughafen BER im Oktober 2020 zu eröffnen. Der Termin sei belastbar, anders als frühere Versuche mit den Akteuren auf der Baustelle abgestimmt und biete genügend Puffer, versicherte der Flughafenchef.

Im Kreise der Berliner Wirtschaftsvertreter wollte sich am Montag beim Frühstück der Industrie- und Handelskammer (IHK) jedoch niemand als BER-Pessimist outen und dagegen halten. IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder, der die Frage nach der Wette aufgeworfen hatte, möchte Lütke Daldrup immerhin eine "wunderbare Flasche Wein" schicken, wenn es mit dem Start des BER wirklich klappt.

Die wirklich brisante Frage, wie viel Steuergeld der Flughafenneubau BER denn noch verschlingen wird, beantwortete der Flughafenchef zwar nicht an diesem Tag. Dennoch gelang es Lütke Daldrup, bei den Wirtschaftsvertretern Vertrauen in seine Kompetenz zu schaffen. "Wer, wenn nicht unser heutiger Gast schafft es, den Flughafen BER 2020 auf die Rampe zu bringen", fragte Eder rhetorisch. Zuvor hatte auch der erfahrene Immobilienunternehmer Matthias Klussmann (Becker & Kries) sich überzeugt gezeigt, "dass sie diese Themen im Griff haben".

Eventuelle Finanzlücke bis zur Fertigstellung schließen

Ehe der frühere Staatssekretär aber wirklich der Vollendung der Krisenbaustelle entgegenarbeiten kann, müssen die finanziellen Fragen geklärt sein. Vor allem müssen die drei Gesellschafter Berlin, Brandenburg und Bund sicher stellen, dass eine eventuelle Finanzlücke bis zur Fertigstellung von ihnen geschlossen werden wird. Das muss der Flughafen-Aufsichtsrat Anfang März im Grundsatz beschließen.

Danach kann Lütke Daldrup mit Banken und anderen privaten Finanziers verhandeln, wie viel Geld sie der Flughafengesellschaft zu welchen Konditionen bereit stellen. Diese Diskussionen könnten sich über das gesamte Jahr ziehen, sagte Lütke Daldrup der Morgenpost am Rande der Veranstaltung in der IHK. Der Auftrag der Politik lautet, der Flughafen solle so viel Geld wie möglich selber besorgen. Bisher wird damit gerechnet, dass die öffentlichen Haushalte noch einmal einen dreistelligen Millionenbetrag aufbringen müssen, ehe der BER starten kann. Vor allem in Brandenburg, aber auch in der Berliner Koalition war die Bereitschaft dazu zuletzt nicht vorhanden.

Lütke Daldrup: Noch einmal bis zu 400 Millionen Euro nötig

Lütke Daldrup warnte vor den Wirtschaftsvertretern indirekt vor den Folgen für den Fall, dass sich die Politiker weigern sollten, weiteres Geld zu geben. Um das Fluggastterminal mit der über Jahre problematischen Brandschutzanlage genehmigungsfähig zu machen, sind laut Lütke Daldrup noch einmal 300 bis 400 Millionen Euro nötig. Diese Summe ergibt sich aus den noch anfallenden Bauarbeiten, der Behebung alter Fehler sowie den bereits zu bedienenden Krediten für den BER, denen aber keine entsprechenden Einnahmen gegenüberstehen. Sollten aber die Politiker jetzt nicht mehr mitmachen, müsste man die "fast drei Milliarden Euro abschreiben", warnte der Flughafenchef. Das sei nicht sinnvoll, weil die öffentlichen Eigentümer für diese Kosten bürgen.

Angesichts dieses Szenarios warnte der Flughafenchef eindringlich davor, für die Eröffnung des BER auf irgendeinen "Plan B" zu setzen, der das Hauptterminal ausspare. Eine Eröffnung ohne den Hauptterminal sei "unternehmerischer Selbstmord und politisch verantwortungslos", sagte Lütke Daldrup. Nur mit dem erwarteten guten Service im Terminal lassen sich die erhöhten Landegebühren durchsetzen und die Einnahmen aus Gastronomie und Einzelhandel so steigern, wie es nötig ist, um die bereits laufenden Kredite für den Bau abzubezahlen.

Die Kapazitäten von zunächst 22 Millionen Passagieren pro Jahr seien nicht durch Not-Bauten zu bewältigen. Außerdem seien dann alle Flächen für zukünftige Erweiterungsbauten des Flughafens verbaut. Lütke Daldrup versicherte, man werde 2020 mit einer Kapazität von 41 Millionen Passagieren pro Jahr eröffnen. Demgegenüber stehe eine prognostizierte Nachfrage von 38 Millionen Passagieren.

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Hauptterminal kostet bald drei Milliarden Euro - "nicht okay"

Der Flughafenchef trat auch der weit verbreiteten Wahrnehmung entgegen, beim BER sei alles aus dem Ruder gelaufen. Bahn- und Autobahnanbindung hätten 450 Millionen gekostet, das sei für solch ein Projekt "okay", so der studierte Stadtplaner. Die beiden Landebahnen kosteten 680 Millionen, auch das sei üblich. Weitere 500 Millionen seien in weitere Flächen sowie 39 Betriebsgebäude geflossen, die alle bereits abgenommen sind, zuletzt kam das Pier Süd am 1. Februar hinzu. Die Kosten für den Lärmschutz seien aus juristischen Gründen auf 730 statt der ursprünglich vorgesehenen 150 Millionen geklettert.

Das Problem sei der Hauptterminal, der statt eigentlich einer Milliarde nun bald drei Milliarden verschlungen habe. "Das ist nicht okay", so der Flughafenchef. So komme man bisher auf Gesamt-Baukosten von 5,4 Milliarden Euro plus den 300 bis 400 Millionen zum Fertigbau plus der Finanzierungskosten, die der Flughafen aber über die Jahre selber verdienen werde.

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