Pannen-Flughafenbau

Zu spät, zu klein, zu teuer - Plan B für den BER gefordert

Die Zweifel wachsen, ob der BER je vollendet werden kann. Ein Ausstiegsszenario gibt es nicht. Das fordern nun Politiker und Experten.

Weiterbauen oder nicht? Nach dem nun verhängten Baustopp im BER-Terminal werden die Forderungen nach einem Ausstieg aus dem Projekt in Schönefeld laut

Weiterbauen oder nicht? Nach dem nun verhängten Baustopp im BER-Terminal werden die Forderungen nach einem Ausstieg aus dem Projekt in Schönefeld laut

Foto: dpa Picture-Alliance / Patrick Pleul / picture alliance / ZB

„Eine Stange Dynamit würde für mehr Ordnung sorgen als der Versuch, die Fehler zu beheben.“ Sätze wie dieser haben den Architekten und Flughafenplaner Dieter Faulenbach da Costa unter den Erbauern des neuen Berliner Airports BER zu einem der meistgehassten Männer gemacht.

Faulenbach sprach seine drastische Empfehlung für den Umgang mit der BER-Baustelle schon Ende 2012 bei einem Vortrag aus. Fast drei Jahre und mannigfache Probleme später wachsen auch bei wohlmeinenden Beobachtern die Zweifel, ob der Flughafenneubau in Schönefeld überhaupt jemals vollendet werden kann. Wäre es nicht sinnvoller, aus dem Projekt auszusteigen und anderswo einen Neustart zu wagen?

Zumal die Bauaufsicht des Kreises Dahme-Spreewald gerade einen Baustopp unter dem Terminaldach verhängt und damit allen die Dramatik der Lage drastisch vor Augen geführt hat. Irgendjemand hat dort vier Tonnen schwere Rauchgasventilatoren angehängt, obwohl nur halb so schwere Entlüfter genehmigt worden waren. Noch ist unklar, ob die Decke nicht vielleicht doch die eigentlich unpassenden Ventilatoren tragen kann oder ob umfangreiche Umbauten notwendig werden.

Leipzig könnte als Alternative für Berlin-Passagiere genutzt werden

Martin Delius hofft inzwischen, dass genau dies nicht gelingt, dass es eben kein einfaches „Weiter so“ auf der Baustelle geben wird. Denn der Fraktionschef der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus ist sicher, dass die lange unentdeckten Statikprobleme am Terminaldach nicht die letzte Zeitbombe sind, die am BER schlummert. Als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zum BER-Debakel im Landesparlament widmet er sich seit Jahren den Versäumnissen der Flughafengesellschaft und müht sich, Licht ins Planungs- und Kontrollchaos auf der Baustelle zu bringen. Ohne eine komplett neue Struktur der Flughafengesellschaft, der sogar ihr Ex-Chef Hartmut Mehdorn die Fähigkeiten eines Bauherren abgesprochen hatte, werde es „immer wieder vorkommen, dass Fehler der Vergangenheit viel zu spät auffallen“, sagte Delius der Morgenpost: „Niemand kann garantieren, dass es nicht wieder passiert, selbst wenn es mit der Decke glimpflich ausgeht.“

Er fordert vom Senat und den anderen BER-Gesellschaften Brandenburg und Bund dringend einen Plan B für den BER, ein Alternativszenario. Da müsse es auch darum gehen, die inzwischen für rund fünf Milliarden Euro in Schönefeld entstandenen Gebäude und Infrastrukturen abzuschreiben „Es ist Angstmacherei, dass die Leute ohne den BER hier nicht mehr herfliegen können“, sagt Delius. Man könne sich auf die Suche nach einem wirklich geeigneten Standort für einen Großflughafen in Ostdeutschland machen. Für den Übergang ließe sich für Billigflieger das eine Stunde entfernte Leipzig nutzen.

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Das Projekt eines neuen Großflughafens müsse der Bund federführend angehen, fordert der Fraktionsvorsitzende, der nach den Wahlen 2016 nicht mehr in die Landespolitik zurückkehren will. Das Problem sei, dass die Landesparlamente nicht den Mut hätten, aus dem verfahrenen Projekt auszusteigen. „Die Landesparlamente unterliegen der Erpressung der schon finanzierten Summen. Sie können sich nur leisten noch mehr Geld reinzustecken“, beschreibt Delius die Krux.

Dabei werde der BER den Flugverkehr auf die Dauer nicht stemmen können, werde zudem dauerhaft auf staatliche Finanzspritzen angewiesen sein. Dass sieht auch Flughafenexperte Faulenbach so. Zu spät, zu klein, zu teuer, lautet das Fazit seines Gutachtens, das er 2013 im Auftrag der Brandenburger CDU zum BER vorlegte.

Verantwortliche scheuen sich, die Reißleine beim BER zu ziehen

Delius ist nicht der Einzige, der einen Ausstieg aus dem BER-Projekt fordert. Auch die Brandenburger FDP ist dieser Meinung, die Flughafengegner vom Bürgerverein Berlin-Brandenburg (BVBB) sind es auch. „Jeder weitere Euro, der dort noch hinein gesteckt wird, ist ein verlorener Euro und wird an zahlreichen anderen Stellen dringender gebraucht“, so Vereinsvorsitzende Christine Dorn. Da die politisch Verantwortlichen in Berlin und Brandenburg aber offensichtlich unfähig seien, beim BER endlich die Reißleine zu ziehen, müsse der Impuls dazu von außen kommen. Die Flughafengegner setzen auf die EU-Kommission, die eine weitere Finanzhilfe über 2,2 Milliarden Euro für den Fertigbau und die Ablösung alter Kredite genehmigen soll. Aber das Notifizierungsverfahren zieht sich länger hin als von der Bundesregierung erwartet. Brüssel soll weitere Unterlagen angefordert haben.

Der Bürgerverein hatte schon 2011, vor der im Mai 2012 kurzfristig abgesagten Eröffnung, den Verzicht auf den BER vorgeschlagen. Der Standort dort sei nicht entwicklungsfähig, der stadtnahe Großflughafen belaste zu viele Menschen. Die Alternative sei das 40 Kilometer südlich von Berlin gelegene Sperenberg mit dem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen. Der BER in Schönefeld sollte zu einem kleineren Landeplatz umgewidmet werden. Dort könnte die Bundeswehr die Flugbereitschaft stationieren und den Regierungsflughafen betreiben, Raum bliebe auch für die private Fliegerei (General Aviation). Daneben könnten Gelände und Gebäude ein Messeplatz für Berlin und Brandenburg werden. Der nahe gelegene Technologiepark Adlershof könnte den BER für Erweiterungen nutzen.

Topographie des Terrors wurde halb fertig noch gestoppt

Selbst der Regierende Bürgermeister Michael Müller hatte kürzlich gesagt, wenn vor 20 Jahren die Wahl auf Sperenberg gefallen wäre, hätte Berlins Großflughafen längst geöffnet. Der Architekt Gisbert Dreyer hatte zuletzt im Sommer 2015 den Vorschlag veröffentlicht, Sperenberg zum zweiten Hauptstadt-Airport auszubauen.

Aber selbst wenn man davon ausgeht, dass der BER angesichts des schnellen Passagierwachstums von zuletzt wieder mehr als vier Prozent in den ersten acht Monaten des Jahres 2015 schon bei einer Eröffnung mit Kapazitätsengpässen zu kämpfen hat, hält die Politik an dem Projekt fest.

Das halten auch erfahrene Planer für richtig. Noch nie sei ein großes Infrastrukturvorhaben in einem derart fortgeschrittenen Stadium wegen technischer Probleme gestoppt worden, sagte Rolf Busch, Berliner Niederlassungsleiter von Assmann Beraten und Planen, die unter anderem in Russland große Flughäfen realisieren. Nach seiner Einschätzung seien die nun aufgetauchten Probleme mit der Decke nicht so gravierend, dass es sich lohnte, nun am BER „Milliarden in den Sand zu setzen“. Zumal niemand in Sicht sei, der für den BER-Komplex zahlen und die Entwicklung übernehmen wolle.

Als Berlin das letzte Mal ein angefangenes Großvorhaben stoppte, standen erst vier Treppentürme vom Entwurf des Schweizer Architekten Peter Zumthor auf dem Gelände der Topographie des Terrors in Mitte. Nachdem die Kosten für die filigrane Konstruktion auf knapp 40 Millionen Euro hochgeschnellt waren, zogen Senat und Bundesregierung 2004 die Reißleine und nahmen den Totalverlust von verbauten 15 Millionen Euro in Kauf.

Diese Bereitschaft, am BER Milliarden abzuschreiben, gibt es in der Politik jedoch nicht. Eine Neuplanung an anderem Ort werde „nicht schneller und nicht billiger“, als den BER fertig zu bauen, sagte Senatssprecherin Daniela Augenstein. Damit ist sich die Müller-Vertraute einig mit BER-Kritiker Faulenbach: „Eine Neuplanung ist erst in 20 Jahren umsetzbar und deshalb keine aktuelle Lösung für das Problem.“