BER

Hartmut Mehdorn - „Wir können keinen Flughafen bauen“

Heute tagt der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft. Zum letzten Mal ist Hartmut Mehdorn dabei. Der scheidende Flughafenchef ist überzeugt, geliefert zu haben. Das Abschiedsinterview.

Foto: Reto Klar

Der 72 Jahre alte Hartmut Mehdorn, früherer Chef der Deutschen Bahn und der Air Berlin, wurde vor zwei Jahren geholt, um die verfahrene Lage beim Bau des neuen Flughafens BER zu ordnen. Nachdem Gesellschafter insgeheim schon nach einem Nachfolger suchten, gab Mehdorn sein Amt auf. Sein letzter Arbeitstag unter dem neuen Geschäftsführer Karsten Mühlenfeld wird der 31. März sein. Als die Berliner Morgenpost ihn zum Abschiedsinterview traf, kam er zunächst nicht mehr in sein Büro. Er hatte die Zugangskarte drinnen liegen lassen. Der Mann von der Haustechnik half.

Berliner Morgenpost: Nach fast 50 Jahren im Beruf und vier Jahrzehnten in Führungspositionen gehen Sie jetzt in den Ruhestand. Endgültig?

Hartmut Mehdorn: Man soll nie „nie“ sagen. Aber ich gehe jetzt in den Ruhestand, die Zeit ist reif. Ich habe am Flughafen das geliefert, was man von mir erwartet hat. Jetzt ist es angesagt, den nächsten Teil des Lebens zu beginnen. Ich habe da noch nichts geplant, lasse das mal auf mich zukommen.

Sie haben Bahn gemacht, Airbus, Air Berlin, den Flughafen Berlin. War der Flughafen der härteste Job, den Sie hatten?

Man kann die Herausforderungen nicht miteinander vergleichen. Aber die Bahn war ein sehr großer Änderungsprozess über zehn Jahre. Da haben wir viel bewegt, die Bahn ist kundenfreundlicher und moderner geworden. Es ist auch noch nie so viel investiert worden wie zu meiner Zeit. Von Kaputtsparen kann gar keine Rede sein. Die Bahn war eines der schwierigen Kapitel in meinem Leben, aber ich möchte keinen Tag missen.

Und der BER?

Das war anders. Ich kam, als hier Stillstand herrschte. Die Baustelle war in Schockstarre. Führungskräfte waren abgewandert, kaum einer hat richtig gearbeitet. Außerdem haben wir drei Regierungen als Gesellschafter, die sind nicht unbedingt Freunde untereinander.

Haben Sie denn nie gedacht: Auweia, worauf habe ich mich denn hier eingelassen? Da steige ich lieber wieder aus?

So bin ich nicht gestrickt. Herr Platzeck und Herr Wowereit haben mich geholt, um die Baustelle zu sanieren. Sie wussten, wen sie holen. Ich habe eine klare Sprache, treffe klare Entscheidungen. Mit dem Wattebausch sanieren Sie kein Unternehmen. Ich bin niemand, der ängstlich ist und sich nicht traut. Ich kritisiere auch Leute, die Kritik nicht gewohnt sind, weil sie immer nur Hof halten.

Aber sind Sie nicht gescheitert?

Ach was, ich habe geliefert. Wir haben einen Terminplan aufgestellt, das war nicht einfach. Den Plan zur Eröffnung, den wir für das zweite Halbjahr 2017 genannt haben, den halten wir. Der hat 2800 Zeilen mit einzelnen Meilensteinen, und jeden Donnerstag ist hier Terminabfrage, bei der wir alle Einzelheiten durchgehen. Wir sind sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

War es nie Ihr Ziel, das Band durchzuschneiden und den BER zu eröffnen?

Natürlich wollte ich den Flughafen fertigmachen. Aber jetzt ist nach zwei Jahren eine Zäsur. Ich habe meine Ziele erreicht. Jetzt machen das andere.

Sie sind doch kein Typ, der hinschmeißt …

Ich habe nicht hingeschmissen. Ich gehe nicht im Zorn und schmolle nicht, ich gehe im Einvernehmen. Ich habe oft Probleme der Zusammenarbeit mit unserem Aufsichtsrat angesprochen. Es herrscht eine Misstrauenskultur, die so nicht sein sollte. Die konnte ich nicht verändern. Ich nehme ernst, was ich mache. Ich bin hier immer morgens um acht Uhr und abends der Letzte. Aber als Geschäftsleitung können Sie nicht drei Regierungen koordinieren.

Sind Sie enttäuscht?

Ich gehe ein bisschen stolz. Ich habe meine Etappenziele erreicht. In diesem Land kriegen Sie kein Dankeschön, schon gar nicht als Manager. Das ist nicht neu für mich.

Aber haben Sie sich nicht unglaublich geärgert zwischendurch?

Ich habe eine liebe Frau, das ist ein guter Ausgleich. Wir haben uns natürlich oft über die Presse geärgert.

Warum das?

Wir haben uns nicht fair behandelt gefühlt. Zum Beispiel in der vergangenen Woche. Da schreiben alle, wir hätten einen Korruptionsfall. Das ist grottenfalsch. Wir sind nicht korrupt. Eine andere Firma hat einen unserer Mitarbeiter zu bestechen versucht. Das sagt zumindest ein anonymes Schreiben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, bittet uns um Stillschweigen, weil das ein laufendes Verfahren ist. Aber alle schreiben, Mehdorn hat ein Problem, er steht unter Druck.

Aber am BER herrschte ja lange genug Chaos, Firmen haben Nachforderungen ohne Ende. Ist das nicht ein besonders anfälliges Umfeld für Korruption?

Das glaube ich nicht. Sie können sich nicht vollständig gegen Kriminelle absichern. Das anonyme Schreiben von 2013 war vage, unsere Ombudsfrau – eine Anwältin und ehemalige Staatsanwältin – hat das geprüft. Da war nichts. Im Dezember 2014 hat mich Imtech angerufen und mich auf den Mitarbeiter hingewiesen. Da war der schon nicht mehr bei uns. Der Mann hat ein wohlwollendes Zeugnis erhalten. Das müssen sie so machen, das ist Gesetz. Als die Anfrage von Imtech kam, habe ich den Aufsichtsratsvorsitzenden informiert.

Warum kommen dann immer Sie in die Schlagzeilen?

Tja, das Motto lautet: Das ist Willy, auf den schießen wir immer. Dass Klaus Wowereit Aufsichtsratsvorsitzender war, hat das Projekt von Anfang an sehr politisch gemacht. Wer Wowereit treffen wollte, zielte auf den Flughafen.

Wollten auch welche Mehdorn hauen?

Manche mögen mich wohl nicht. Ich bin ein bunter Kanarienvogel, über mich schreiben sie dauernd. Das kriege ich nicht weg. Und dass in den Redaktionen immer auch personalisiert wird, wissen Sie ja am besten.

Jetzt gehen ja alle Spitzenpolitiker aus dem Aufsichtsrat. Wäre das nicht eine gute Gelegenheit zu sagen: Mit den Neuen, die da reinkommen, lässt sich besser zusammenarbeiten, weil es nicht mehr so ein Schaukampf ist?

Es ändert sich ja nichts. Sie gehen nur in der Rangliste eine Stufe runter. Auf Senatoren und Minister folgen jetzt Staatssekretäre und politische Beamte. Das halte ich für keine gute Entwicklung. Das ist keine Verbesserung. Wir sagen: weniger Politik, mehr Sachverstand. Es würde reichen, wenn jeder Gesellschafter einen Staatssekretär im Aufsichtsrat hätte. Bei der großen Deutschen Bahn sitzen auch nur drei Staatssekretäre. Ich hätte mir einen Aufsichtsratsvorsitzenden aus der Wirtschaft gewünscht.

Wie hätten Sie denn das Projekt BER und die Flughafengesellschaft aufgestellt, wenn Sie von Anfang an dabei gewesen wären?

Es gibt nicht einen Kardinalfehler, sondern einen Strauß an Fehlern. Es wäre falsch zu behaupten, Wowereit hätte alles falsch gemacht. Es ist eine Verknüpfung vieler Umstände. Eine der problematischen Weichenstellungen war, auf einen Generalunternehmer für den Bau zu verzichten. Die Politiker sind auf den süßen Honig reingefallen, dass der Flughafen das selber besser könnte. Was die an Gewinn machen, sparen wir. Aber das klappt nicht. Wir können Flughäfen betreiben. Das machen wir wirklich gut. Aber wir können keinen Flughafen bauen. Die Flughafengesellschaft konnte das noch nie. Definitiv. Außerdem ist der BER während des Baus immer größer geworden.

Als Sie angetreten sind, gab es da klare Verabredungen mit den Gesellschaftern?

Natürlich. Die Haltbarkeit von Verabredungen ist in der Politik aber begrenzt. Das hat auch etwas mit Wahlterminen zu tun. Ich fühle mich aber auch nicht behindert. Ich habe die Aufgaben erledigt, die ich machen wollte. Habe da auch reichlich Änderungen gemacht.

Reden Sie denn jetzt mit den Weggefährten wie Wowereit oder Platzeck Klartext?

Nicht nur jetzt, auch damals schon. Ich rede mit allen. Man muss immer miteinander reden. Viele behaupten, ich sei ein Bolzkopf und cholerisch. Das ist Quatsch. Ich rede mit allen. Und ich will auch nicht mit dem Kopf durch die Wand. Der Unterschied ist: Es gefällt nicht immer allen, was ich sage. Und dann machen sie so eine Rambofigur aus mir. Nein, ich bin kein Rambo. Was ich mache, mache ich ganz aus innerer Überzeugung.

Was haben Sie denn falsch gemacht?

Vielleicht hätte ich am Anfang härter rangehen sollen, aber zwei Jahre sind kurz.

Härter gegen wen? Gegen die Aufsichtsräte?

Nein, auf der Baustelle. Da hätten wir vielleicht auch ein bisschen härter sein sollen. Wien hatte mit seinem Terminal das gleiche Problem wie wir. Die haben alle rausgeschmissen: Architekten, alle, die auf der Baustelle waren. Keiner ist übrig geblieben. Sie haben den Bau völlig entkernt. Und haben parallel völlig neu aufgebaut. Ob das die Lösung für den BER gewesen wäre? Ich denke nicht. Wie immer im Leben gibt es ein fettes Aber: Wir haben am Ende mehr Fehler, mehr Pfusch am Bau gefunden als wir dachten. Als wir dabei waren, unseren Terminplan zu machen, haben wir jedes Mal, wenn wir eine Klappe aufmachten, nie das gefunden, was auf der Zeichnung steht. Es ist mehr zu tun gewesen, als wir dachten.

Sie haben ja immer auf das Kapazitätsproblem hingewiesen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller sagt, man soll erst mal nicht erweitern, sondern fertig bauen.

Meine Meinung ist klar: Man muss das eine tun – fertig bauen, aber das andere – Erweiterung jetzt planen – zulassen.

Sollte man also jetzt anfangen, zu planen?

Ja. Ryanair wird fünf zusätzliche Flugzeuge hier in Schönefeld stationieren. Germanwings wird versuchen, Ryanair und EasyJet Paroli zu bieten. Die sagen: „Berlin ist ein tolles Pflaster“ – und sie kommen hierher. Wir werden im nächsten Jahr in Schönefeld zehn Millionen Passagiere haben. In 2016 wird Schönefeld wie Tegel zu 100 Prozent voll sein. Da kann ich nur sagen: Wir müssen den BER 2017 aufmachen. Ich bin sicher, wir machen auf. Das haben wir im Griff.

Sollte Tegel eine Option für den Berliner Luftverkehr bleiben?

Schönefeld-Alt muss mit genutzt werden. Und wenn man klug wäre, würde man prüfen, ob Tegel nicht befristet eine Weile länger betrieben werden kann, um Kapazitätsengpässe zu vermeiden. Ich glaube, dass das geht. Leider denken die Gesellschafter aber nicht über Tegel nach, obwohl es weise wäre. Dann gibt es ja einen Bundesverkehrsminister, der sagt, dann fliegt man eben von Leipzig. Das funktioniert aber nicht. Wenn einer nach Berlin will, fliegt er nicht nach Leipzig.

Ist das Bauproblem nicht ein Armutszeugnis von allen Firmen, die beteiligt sind?

Jedes Großprojekt unterscheidet sich vollständig vom anderen. Wenn man einen Flughafen baut und gleichzeitig erlebt Berlin einen Bauboom erster Klasse, bekommen sie nicht die besten Handwerker. Gucken Sie sich die Welt an: Alle großen Airports haben Terminverzug. Und kommen Sie mir nicht mit China. China ist eine Diktatur, da gibt es kein Baurecht und keine Mitbestimmung wie hier bei uns. Wir nehmen auf vieles Rücksicht, ich nenne das immer den Demokratiefaktor. Das muss man den jungen Leuten heute auch beibringen. Heute gilt: Bereite ein Projekt am Anfang konsequent und tief vor. Dann guck dir an, wo du das Ding baust. Rede mit den Nachbarn. Rede mit der Kirche. Rede einfach mit allen, die dort betroffen sind, bevor du baust. Wenn du das nicht machst, kriegst du Prozesse und Behinderungen, so wie wir das hier erlebt haben.

Ist es für den BER ein Problem, dass das Bauordnungsamt Landkreis Dahme-Spreewald zuständig ist?

Ich will nicht sagen, dass die überfordert sind. Laut deutschem Baurecht ist das Bauordnungsamt zuständig, in dessen Landkreis gebaut wird: Dahme-Spreewald. Die haben vorher Häuser und Supermärkte zugelassen, aber noch nie einen internationalen Airport und werden auch nie wieder einen zweiten zulassen. In Berlin bauen Sie Hochhäuser, O2World, Hauptbahnhof. Das sind alles Sahnestückchen in Sachen Brandschutz. Die Profis sitzen in Berlin oder in Frankfurt/Main mit ihren Hochhäusern. Auch München. Nur kann man das den Leuten im Bauordnungsamt Dahme-Spreewald nicht vorwerfen. Die haben es wie wir hier am Projekt BER gelernt.

Sie klingen immer noch engagiert. Können Sie sich wirklich vorstellen, dass Sie Ende März sagen: Jetzt mach ich nichts mehr?

Ich habe versprochen, ich arbeite bis zum letzten Tag. Das wird der 31. März sein. In der Zwischenzeit habe ich noch 14 Tage mit dem neuen Geschäftsführer Herrn Mühlenfeld. Und wenn der länger Unterstützung braucht, mache ich das auch.

Sie haben einen Weinberg in Frankreich, werden Sie sich mit Ihrer Frau dahin zurückziehen?

Ich bin Berliner. Wir bleiben in Berlin. Wir machen erst mal Urlaubspause in Frankreich. Wir haben da auf dem Lande ein kleines Haus. Meine Frau kommt da her. Ich lese auch gern. Ich habe mal vor 20 Jahren angefangen, diese rororo-Bücher zu sammeln, habe eine komplette Sammlung. Allein das sind 2500 Bücher.

Haben Sie denn Freunde, mit denen Sie jetzt Zeit verbringen wollen?

Ich habe in Frankreich viele Freunde, ein paar von ihnen haben Segelschiffe, die können sie alleine nicht bedienen und wollen immer, dass ich mitkomme. Also werde ich segeln und ein bisschen reisen. Ich habe das Gefühl, dass ich ein ganz schöner Kulturbanause bin. Habe ja ein Leben lang gearbeitet. Mir fehlt in Literatur viel, was man gelesen haben sollte. Ich möchte auch nach Italien, nicht als Tourist, sondern in ein kleines Appartement in der Stadt.

Werden Sie zur BER-Eröffnung kommen?

Wenn ich eingeladen werde und es passt, gerne. Ich würde jedoch nicht empfehlen, dass es eine große Einweihungsparty gibt. Der Flughafen hat seine Jungfräulichkeit verloren. Wir werden ihn auch nicht über Nacht aufmachen. Es wird ein schleichender Anlaufprozess sein.

Haben Sie was Neues gelernt über Politiker in Ihrem letzten Job?

Wenn es um Politik und Frauen geht, lernen wir nie aus.

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