Neuer Flughafen

Statt zum Airport BER fährt der Bus nach Nirgendwo

Vor genau einem Jahr sollte Berlins neuer Großflughafen in Betrieb gehen und ist es bis heute nicht. Beim Versuch, nun doch schon mal am BER anzukommen, erlebte die Morgenpost-Reporterin Erstaunliches.

Von Flugzeugen ist nichts zu hören, von Reisenden weit und breit nichts zu sehen. Der Wind pfeift den BER-Blues, während das Gras aus den Gehwegfugen wächst und sein Territorium zurückerobert. Ein bisschen Grün im Grau. Verlassen liegt er da, jener Flughafen südlich von Berlin, der bereits heute auf Hochbetrieb laufen sollte. Es ist ein ganz normaler Nachmittag am Flughafen Willy-Brandt.

Selten erreicht ein Desaster derartige Ausmaße, dass alle sprachlichen Kategorien für seine Beschreibung ausgehen. Das zumindest, so argumentieren Zyniker in der Hauptstadt, hat der BER geschafft. Dass der Weg zur Eröffnung sich weiter – gelinde gesagt – beschwerlich gestalten wird, war in vergangenen Woche wieder großes Thema: Die EU hat ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingebracht. Brüssel bemängelt, dass bei den Flugrouten zum Superflughafen Umweltgesetze nicht beachtet wurden. Nur ein weiterer Punkt in einer langen Chronik. Dabei hätte vor genau einem Jahr bereits alles fertig sein sollen.

Aus Reinickendorf braucht man fast zwei Stunden

Die Flugrouten also sind ein Problem. Was es allerdings schon gibt, sind öffentliche Busrouten zur Baustelle. Aber will da überhaupt jemand hin? Für den Fahrgast gestaltet sich auch dieser Weg beschwerlich: Wer wie ich an diesem Werktagmorgen aus Reinickendorf zum Airport gelangen will, benötigt etwa eine Stunde und 50 Minuten. Vom S-Bahnhof Waidmannslust geht es zur Bornholmer Straße, von dort aus kann man mit der S9 zum Flughafen Schönefeld fahren. Dort steigt man in den 734 um, der fährt direkt zur Haltestelle Willy-Brandt-Platz. Vom Hauptbahnhof im ICE nach Hamburg, das geht zehn Minuten schneller, was ja auch schon mal ein Befund ist.

Gelbe, flugzeugförmige Aufkleber auf dem Boden des S-Bahnhofs Flughafen Schönefeld weisen Reisenden wie Brotkrumen den Weg zum Terminal. Behüte, dass die am Ende noch auf dem falschen Flughafen stehen. An einem Wochentag um 5.45 Uhr herrscht auf dieser Verbindung SXF-BER Hochbetrieb. Es ist Schichtwechsel. Der 734er parkt noch auf dem Busbahnhof gegenüber der Haltestelle.

Der Busfahrer schläft im hinteren Bereich

Von seinem Fahrer ist vorerst nichts zu sehen, bis sich drei Minuten vor Abfahrt doch etwas regt. Aus dem hinteren Teil des Busses kommt der Fahrer samt Kissen und Decke nach vorn geschlappt. Pünktlich startet er den Motor und sammelt die wartende Traube von Menschen ein.

Es handelt sich um Bauarbeiter und Security-Mitarbeiter, jeweils zu erkennen an ihren roten Plastikhelmen und den marineblauen Uniformen. Alle tragen sie Stahlkappenschuhe, alles für den neuen Superairport, alles, damit das geplante Softopening Ende 2013 vielleicht doch noch funktioniert. Auf einen Bauarbeiter kommt ein Security-Mitarbeiter. Scheinbar gilt das bewährte Vier-Augen-Prinzip, nur passt man wohl im Falle des Flughafens weniger darauf auf, dass nichts wegkommt, als mehr darauf, dass endlich etwas dazukommt. Es riecht streng nach einem Mix aus Schweiß, Kaffee und kaltem Zigarettenrauch, ganz so, wie man sich das vorstellt.

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Nur Sicherheitsleute fahren morgens zur Arbeit

Neben mir sitzt eine blonde Polin aus dem Security-Lager. Sie ist die einzige Frau im Bus. Ich frage sie, ob dies der Bus zum BER sei, aber sie versteht mich nicht. „Wohin wollen Sie?“ Ich konkretisiere Flughafen BER, noch genauer Willy-Brandt-Platz. Sie überlegt einen Augenblick: „Ah, Willy-Brandt-Platz! Ja, da sind Sie hier richtig.“ Sie erklärt mir, wo ich aussteigen müsse, und ich frage, ob sie auch auf dem Flughafen arbeite. Die Frau dreht sich um und lässt den Blick durch den Bus schweifen. „Ja, alle hier arbeiten dort“, antwortet sie.

Der Busfahrer fährt zügig über die Autobahn; sehr zum Ärger seiner Fahrgäste, von denen einige äußern, doch lieber später als früher am Arbeitsplatz ankommen zu wollen. Die Fahrt dauert normalerweise neun Minuten, heute sind es nur acht. Was die Busfahrer wohl denken, wenn sie Tag für Tag an Berlins berühmtester Baustelle vorbeifahren und ihr beim Wachsen zuschauen? Nachfragen erledigen sich von selbst, sie sind nicht gestattet, wie die Pressestelle der Berliner Verkehrsbetriebe gern erklärt. Busfahrern stünde es nicht zu, stellvertretend für die BVG eine Meinung zu äußern, erst recht nicht während der Fahrt. Ganz ist dem Unternehmen der Servicegedanke aber nicht abhanden gekommen; man hatte mich sehr nachdrücklich darauf hingewiesen, auf meinem Weg von der Innenstadt zum Flughafen doch bitte ein gültiges C-Bereich-Ticket zu erwerben.

Noch ist alles von einem Bauzaun umgrenzt

Der flughafeneigene Bahnhof hat noch längst nicht den regulären Betrieb aufgenommen – es heißt, gelegentlich schicke man Züge durch die Tunnel, um die Luftzirkulation anzukurbeln. Und so ist das, was jetzt in den Blick kommt, für den BER die Verbindung zur Außenwelt: die Bushaltestelle.

Ihr Erkennungsmerkmal steht als provisorisch aufgestellter Pfeiler mit einem H an der Spitze mitten im Nirgendwo, neben einer Straße, die kaum befahren wird; der Platz dahinter wird zum Schutz vor Unbefugten mit einem Bauzaun abgegrenzt. Vier Buslinien steuern den Willy-Brandt-Platz über den Tag verteilt an, aber nicht jede zu jeder Tageszeit. Manchmal kommt eben nichts, dann steht man da, im Nirgendwo, und niemand stellt von Rot auf Grün.

Für die entgegengesetzte Richtung ist gar keine Haltestelle vorgesehen. Der Verkehr wird wie in einem großen Kreisverkehr durch den Flughafen geleitet. Ein Fahrplan gibt Auskunft darüber, wann sich welcher Bus blicken lässt, sofern man in der Lage ist, den altertümlich aufbereiteten Zahlenwust zu durchschauen.

Von Termindruck ist hier nichts zu spüren

Dreiviertel der Fahrgäste steigen am Willy-Brandt-Platz aus. Der Rest fährt noch eine Station weiter und verschwindet in verschiedenen Verwaltungsgebäuden und Baucontainern. Wer ihnen folgen will, stößt schon bald an Grenzen, denn ohne den kleinen grauen Ausweis lässt sich der Flughafen-Komplex nur von außen erkunden. Zu sehen gibt es, die Gebäude einmal ausgenommen, erstaunlich wenig.

Dem Termindruck, der auf dem Projekt lastet, begegnet man hier offenkundig mit Gemütlichkeit und Stille. So kommt nur hin und wieder ein Rothelm aus einem Hauseingang und verschwindet in einem anderen. Ein bisschen Flughafenatmosphäre bringen allein die startenden und landenden Flugzeuge nebenan in Schönefeld. In der Ruhe liegt die Kraft.

Menschen fallen hier draußen sofort auf. Sie versammeln sich nicht etwa in der Kantine des Airports, sondern an der Haltestelle. Wer nicht mit dem Auto anreist, passiert den gelben Pfeiler zweimal täglich. Aber vor allem wird hier gewartet. Wenn der Bus gerade weg ist, manchmal bis zu einer Stunde. Die Arbeiter haben die Abfahrtzeiten bereits im Kopf. Verlass sei darauf aber nicht, sagen sie. Der Bus komme, wie er wolle, manchmal zu früh, manchmal zu spät.

Man kommt nur motorisiert dorthin

Zwei Security-Mitarbeiter vom Brandschutz haben ihre Nachtschicht beendet und wollen den Heimweg antreten. Der Bus ist spät dran, aber sie nehmen es gelassen. Eine Alternative haben sie ohnehin nicht. „Mir hat ma eener erzählt, er sei mit’m Fahrrad jekommen. Dit halt ick für Quatsch. Da liegt doch die Autobahn dazwischen“, erzählt einer der beiden. Zweifellos führt der BER ein recht abgeschiedenes Dasein und ist ausschließlich auf vier oder zwei motorisierten Rädern erreichbar.

Etwas mobiler und buslastiger könnte es werden, sollte das angestrebte Soft-Opening kommen. Auf die Inbetriebnahme der S-Bahn-Verbindung aber wagt hier niemand zu hoffen. Eine Genehmigung für den S-Bahn-Betrieb gäbe es nur mit funktionierender Brandschutzanlage, und diese bereitet nach wie vor große Probleme.

Rechts und links von der Bushaltestelle ist die Sicht frei auf vier bauklotzartige Parkhäuser. Die 160.000 Quadratmeter großen Parkdecks sind hell erleuchtet. Derzeit kämen die Mitarbeiter größtenteils mit dem Auto oder in Fahrgemeinschaften zur Arbeit, der Rest nehme den Bus, erklärt der andere Brandschutzbeauftragte.

Die Parkhäuser sind zu, aber gut beleuchtet

Auf die Bemerkung, dass es dank der Parkhäuser derzeit wenigstens genügend Parkplätze gäbe, antwortet er mit einem Kopfschütteln. Die seien gesperrt und dementsprechend nicht in Benutzung. Und warum brennt dann dort überall Licht? Der Mann mit der blauen Security-Uniform blickt hinüber zu P3. „Tja, Stromverschwendung, mal wieder.“

Das ganze Ausmaß kam erst kürzlich ans Licht, als bekannt wurde, dass der weitestgehend inaktive Flughafen BER mehr Strom verbrauche als Berlin Tegel im Vollbetrieb. Das Gerücht, die Beleuchtung des Terminals lasse sich aufgrund eines technischen Fehlers nicht mehr abschalten, wies die Flughafengesellschaft inzwischen zurück. Dennoch schlage der Minimalbetrieb jeden Monat mit 20 Millionen Euro zu Buche.

Nach Aussage der Flughafengesellschaft arbeite man an den Problemen, und zwar mit Hochdruck. Könnte stimmen, der Bus war ja zumindest bei der Hinfahrt voller Arbeiter. Inzwischen kommen an der Haltestelle mehr und mehr Wartende zusammen. Während die einen im Stillen den Feierabend einläuten, sind andere lautstark am Debattieren. Es geht darum, wie es denn nun mit dem Superairport ohne Flugverkehr vorangehen soll; vielleicht ja im Herbst mit Easyjet als erster operierender Fluglinie. Geht es nach Flughafenchef Hartmut Mehdorn, gibt es an diesem Plan nichts zu rütteln. Die Wartenden der Bushaltestelle formulieren vorsichtiger. „Ick bin jespannt“, lautet das Fazit eines Mannes in Securityuniform. „Ja, wir sind jespannt“, stimmt der Rest zu. An Termine und Deadlines glaubt hier keiner mehr.

Bauarbeiter sieht man hier nur selten

Schweift der Blick über die Anwesenden, fällt auf: Es sind kaum Leute vom Bau unter ihnen. Nur vereinzelt zeichnet sich Baustaub auf den klobigen Stahlkappenschuhen ab. Die meisten tragen die Kennung „Security“ auf ihren Rücken. Die schaffenden Dienstleister scheinen eher Ausnahmen auf der Baustelle zu sein. „Ich sehe selten Bauarbeiter“, bestätigt ein Kollege der beiden Brandschutz-Leute. Am Tage träfe man auf den einen oder anderen. Ansonsten seien aber hauptsächlich seine Kollegen unterwegs.

Doch da kommt der Bus, die Gruppe reagiert lebhaft. Zigaretten werden aufgeraucht, einige klauben ihre Taschen vom Boden auf, andere sich selbst. Sitzgelegenheiten gibt es hier nicht. Der Busfahrer begrüßt jeden Zusteigenden mit einem Nicken und schaut sich jede Fahrkarte auffallend genau an. Keiner scheint Willens, seine Rückfahrt etwa durch ein falsches oder abgelaufenes Ticket zu gefährden. Auf der Fahrt nach Schönefeld herrscht Schweigen.

Was es zu sagen gab, würde schon an der Haltestelle geäußert. Müdigkeit macht sich auf den Gesichtern bemerkbar. Knappe zehn Minuten später hält der Bus am Flughafen Schönefeld. Endhaltestelle, alles aussteigen! Ein letzter Händedruck, ein kurzes Winken und die Arbeiter entschwinden in alle Richtungen.

Einige Büros werden schon benutzt, mehr nicht

Es ist nun halb neun. Das Publikum an der Haltestelle zum BER hat sich gewandelt. Frauen und Männer in Kostümen und Anzügen warten jetzt dort. Einzelne haben einen Rollkoffer dabei, das Kennzeichen der Piloten und Flugbegleiter. Einige der später ansässigen Firmen und Fluggesellschaften haben bereits kleine Büros im fertigen Besucherzentrum eingerichtet. Echte Betriebsamkeit will aber nicht aufkommen. Zu viele der Büros stehen noch leer.

Auch der Bus ist diesmal spärlich besetzt und nur eine Person bleibt sitzen, als der Wagen am Willy-Brandt-Platz anhält. Danach passt sich die Bushaltestelle, der bis dato einzige offensichtlich belebte Ort des Flughafens, seiner Umgebung wieder an: Stille. Nirgendwo ein Mensch zu sehen. Sporadisch inspiziert der Wachmann sein Hoheitsgebiet, geht ein paar Schritte in die eine Richtung, ein paar Schritte in die andere und verschwindet dann wieder in seinem Container-Häuschen. Wehe dem, der falsch parkt und eine Einfahrt blockiert. Der Fahrer eines weißen Transporters hat noch nicht den Motor ausgeschaltet, da baut sich der Wachmann schon vor seinem Seitenfenster auf, und verweist mit strenger Stimme auf die zur Verfügung stehenden Parkplätze. Ohne Frage, hier ist die Lage unter Kontrolle.

Ganz oft fährt der Bus leer hin und her

Für den Rest des Vormittags bleibt die Bushaltestelle ganz einfach leer. Die Linie verkehrt jetzt nur noch einmal pro Stunde. Und selbst das mutet wie eine gut gemeinte Geste der Verkehrsbetriebe an, denn Fahrgäste gibt es keine. Angehalten wird trotzdem. Ein Busfahrer hat einen Kollegen dabei, der den Stop für eine Raucherpause nutzt. Vielleicht möchte ja doch noch jemand mitfahren. Wenn nicht, umso besser, dann fällt auch niemandem die entstandene Verspätung auf.

Die berühmte Baustelle zieht derweil auch allerhand Schaulustige an. Ein weißer Reisebus mit einer Schulklasse fährt langsam vorbei. Vorn steht eine Frau und spricht angeregt in ein Mikrofon. Die Kinder schauen unbeeindruckt aus den Busfenstern, ein paar widmen ihr Interesse lieber ihren Handys. Nach kurzer Zeit setzt der Bus seine Reise fort. Wollte wohl doch niemand aussteigen.

Weitaus mehr Neugier zeigt ein Mittzwanziger-Pärchen, das in seinem Kleinwagen an der Bushaltestelle parkt. Sie steigen aus und spähen durch den Bauzaun zum Terminal hinüber. Sie seien gerade von ihrem Urlaub in Spanien zurückgekehrt und in Schönefeld gelandet. Die Gelegenheit, mal einen Blick auf den zukünftigen Flughafen zu werfen, wollten sie sich nicht entgehen lassen. Wann sonst sei man noch einmal in der Nähe?

„Ich erlebe doch nicht mehr, dass der eröffnet“

Keine fünf Minuten später hält ein mit Gepäck und einem Fahrrad beladener Kombi hinter dem Kleinwagen. Die Autos versperren die Bushaltestelle. Kein Grund zur Aufregung, der nächste Bus kommt ohnehin erst in 45 Minuten. Nicht einmal der Wachmann macht sich die Mühe, aus seinem Container-Häuschen hervorzuschießen und die Falschparker auf ihr Vergehen hinzuweisen. Ein älteres Ehepaar steigt aus. Mit Kameras in den Händen steuern sie zielstrebig auf den Bauzaun zu. Nach einigen Fotos bemerkt die Frau das junge Pärchen, das auch Bilder schießt. Man lächelt sich zu und die Frau mit den kurzen grauen Haaren sagt: „Das muss man wirklich auf Fotos festhalten. Ich erlebe doch nicht mehr, dass der eröffnet“. Ein schwarzer Käfer hält in zweiter Spur und eine Frau kurbelt das Fenster runter. Sie macht ein paar Schnappschüsse mit ihrem Handy. Es ist wieder Leben rund um die Bushaltestelle eingekehrt. Touristen haben den Flughafen BER entdeckt. Und Tourismus boomt in Berlin.

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