Großflughafen

Wenn Piloten am BER zu Busfahrern werden

Bevor Berlins neuer Großflughafen eröffnet wird, müssen wichtige Abläufe zunächst simuliert werden. Teilweise mit ungewöhnlichen Mitteln - zum Beispiel wenn Piloten plötzlich Busse statt Flugzeugen steuern.

Foto: Franka Bruns

Flug 2101Y von Easyjet aus London-Luton ist pünktlich. Um punkt zehn meldet Flugkapitän Günter Henze an die Männer im Tower „Easy, two one zero one yankee – ten miles out“ (zehn Meilen noch). Die Bestätigung per Funk nebst Anweisungen für die Landung kommt sofort. Fünf Minuten später die Meldung „Touchdown“. Henzes Nebenmann hat inzwischen mit dem Bodenpersonal gefunkt. Jetzt jagt Flug 2101Y über die Landebahn, bremst scharf ab, rollt den gelben Linien und grünen Lichtern entlang zum vorbestimmten Gate. Henze grinst kurz, nimmt die dunkle Sonnenbrille ab – und steigt aus dem schwarzen VW-Bus, der an diesem Tag nicht nur Flug 2101Y aus Luton darstellt, sondern noch ein knappes Dutzend andere Flüge.

Ein bisschen ist es wie in der Kindheit. Damals konnte ein Holzklötzchen je nach Bedarf so ziemlich alles sein – von der Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur bis zum interstellaren Raumschiff. Mit diesem Maß an Fantasie ausgestattet ist das, was sich an jedem Dienstag und Donnerstag auf der Baustelle des neuen Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld tut, völlig einleuchtend. Ein halbes Dutzend Kleinbusse fliegt virtuell durch halb Europa. Sie starten und landen, rollen über das Vorfeld auf Wartepositionen, zum Gate am Terminal oder zum Enteisen, ständig im Funkkontakt mit dem Tower und den Bodenabfertigern. Am Steuer der Busse sitzen gestandene Piloten. Sie alle haben sich freiwillig gemeldet, um in ihrer Freizeit an einem – für Außenstehende – merkwürdigen Spiel teilzunehmen.

Das Spiel heißt „Rollverkehrssimulation“ und ist ein wichtiger Baustein im seit Monaten laufenden BER-Probebetrieb. Die sechs Kleinbusse bewegen sich über die riesigen Betonflächen exakt so, wie es später die Flugzeuge tun sollen. Es geht um die Logistik, die Fahrwege, es geht um die Funktionsweise der zahllosen Markierungen, der im Boden eingelassenen Lichtstreifen, vor allem geht es aber um das Zusammenspiel zwischen Tower, Bodenpersonal, Abfertigern, Flugkapitänen und im Notfall5 auch zwischen Crew, Sicherheitskräften, Feuerwehr und Polizei. Es geht – kurz gesagt – darum, dass vom 3. Juni an am BER nichts schief geht vor dem Abflug und nach der Landung. „Wir geben die bewegte Kulisse für einen hochkomplexen Test ab“, sagt Pilot Günter Henze.

Der Mann, der sich das riesige Schachspiel ausgedacht hat, heißt Uwe Mößner und war Jahrzehntelang für die Flugsicherung und Luftaufsicht am Flughafen München zuständig. „Inzwischen bin ich Rentner“, sagt der 66-Jährige lapidar. Tatsächlich ist er Experte für diese Simulationen, hat die Rollverkehrslogistik zuletzt in Bahrain getestet, davor in Bangkok und Neu Delhi. Nun eben Berlin. Und statt im Lehnstuhl sitzt der Rentner Mößner an diesem sonnigen Dienstagmorgen auf dem Fahrersitz des schwarzen Kleinbusses, der einmal ein Flugzeug sein darf. In schwarzen Buchstaben auf gelbem Grund ist „A/C1“ auf die Seite lackiert. Das steht für Aircraft 1 und soll den weniger Fantasiebegabten klar machen, um was es sich bei dem Bus handelt. „Steht doch drauf, dass wir ein Flugzeug sind“, sagt Mößner.

Neben ihm sitzt Kapitän Henze, 56 Jahre alt, Ur-Berliner aus Kladow. 33 Jahre lang ist er für die Lufthansa geflogen, Boeing 737, Airbus A300 und den Jumbojet Boeing 747. Seit Kurzem ist er im Vorruhestand. Als Freiwillige für den Testlauf gesucht wurden, musste er nicht lange überlegen. Nur „once in a lifetime“ (einmal im Leben) bekomme man die Chance, einen Flughafen vor der Eröffnung auf Herz und Nieren zu testen, sagt er im deutsch-englischen Mischmasch, der Sprache der Piloten und Lotsen. „Außerdem bin ich eben Berliner und dachte, das nimmste mal mit.“

Die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen im Test sind noch im aktiven Dienst, manche sehr jung, einige wirken mit ihrer Sonnenbräune und der Fliegerbrille wie dem Piloten-Klischeebild entsprungen. Man duzt sich, die Kleidung unter den blauen Schutzwesten ist leger. Nur Henze hat sich noch einmal sein Uniformhemd mit den goldgestreiften Schulterklappen angezogen. Seine dunkelblaue Krawatte ziert das Bezirkswappen von Spandau. „Extra fürs Foto“, sagt er.

Sechs Anflüge und fünf Starts werden Henze und Mößner an diesem Dienstag simulieren. Alle entstammen dem realen Flugplan. Damit es im Funkverkehr mit Tower und Bodenpersonal nicht zu folgenschweren Missverständnissen kommt ist an die Flugnummern daher ein „Y“ angehängt, dem internationalen Buchstabiersystem folgend „Yankee“ gesprochen.

Henze greift wieder zum Funkgerät. „Easy four five seven nine yankee“ ist startbereit. Bevor es auf die Piste geht, wird der virtuelle Airbus A319 fast einmal komplett um den Terminal herum gelotst. Zum ersten Mal überhaupt funktioniert das Leitsystem mit den im Boden eingelassen Lichtern – wenn auch noch nicht überall. Auf der Südbahn angekommen, tritt Uwe Mößner brutal aufs Gas als gelte es, den schwarzen Kleinbus wirklich abheben zu lassen. Die Lotsen im Tower verabschieden den Flug mit einem weiteren deutsch-englischen Kauderwelsch, nur das letzte Wort ist klar verständlich: „Tschüs!“ Vier Stunden geht das so. Abflug für Abflug, Ankunft für Ankunft. 70 Flugbewegungen, simuliert mit sechs Kleinbussen. Virtuelle Reisen nach Mailand, Zürich, Helsinki.

Weil Pannen niemals ausgeschlossen sind, hat Simulations-Erfinder Mößner für jeden Bus eine Sonderaufgabe eingebaut. Ihn und Henze trifft beim letzten Abflug des Tages nach Rom ein Vogelschlag. Startabbruch, technische Überprüfung, Neustart – das ist Routine. Andere Bus-Piloten müssen sich mit renitenten Passagieren, heiß gelaufenen Bremsen oder einem Treibstoffleck auseinandersetzen. Alles wie im echten Fliegerleben. Nur vor ein paar Wochen war das mal anders. Eine dichte Schneedecke bedeckte das Vorfeld, keine gelben Linien, keine grünen Lichter. „Da war einfach keiner, der für unser Theaterstück den Schnee geräumt hat“, sagt Kapitän Henze.

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