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WaldorfschulenDas Leben ist doch (k)ein Spiel

An Waldorfschulen stehen die Kinder und ihre Fähigkeiten im Mittelpunkt

JUDITH JENNER

Wenn Lion Talir erzählt, dass er auf der Waldorfschule im Märkischen Viertel war, muss der 19-Jährige oft Häme einstecken. Da wird doch nur gespielt, da lernt man nichts Richtiges – das sind nur einige der Vorurteile, die er zu hören bekommt.

Dabei sieht er das ganz anders: „Ich fühle mich gut auf die Arbeitswelt vorbereitet, weil wir in der Schule viele Praktika gemacht haben, zum Beispiel in der Landwirtschaft“, sagt er. „Es gab auch viele praktische Fächer wie Handarbeit oder Schmieden.“ Um ein Regal zusammenzubauen, muss er keine Anleitung lesen. Das schafft er auch so. Doch auch ein Jura- oder Medizinstudium können seiner Ansicht nach Abiturienten einer Waldorfschule ebenso gut meistern wie Absolventen regulärer Gymnasien. Schließlich pauken sie ebenfalls das deutsche Rechtssystem, Bio oder Chemie. Unterschiede sieht er auf der zwischenmenschlichen Ebene. „Waldorfschüler packen Dinge anders an“, sagt Lion Talir. „Der Mensch steht an der Waldorfschule im Vordergrund, und ein guter zwischenmenschlicher Umgang ist sehr wichtig.“


Guter Unterricht in angenehmer Atmosphäre


Etwas mehr als die Hälfte aller Waldorfschüler machen Abitur. In Lion Talirs Jahrgang hatten zehn Schüler eine Eins vor dem Komma ihres Notendurchschnitts. Auch viele Eltern sehen ihr Kind an einer Waldorfschule gut aufgehoben. An allen zehn Berliner Waldorfschulen gibt es immer deutlich mehr Bewerbungen als Plätze. Doch was macht die Schulen so beliebt? „Sie machen gute Schule in einer angenehmen Atmosphäre, indem der Einzelne und sein Elternhaus wahrgenommen werden“, sagt Vincent Schiewe vom Bund der Freien Waldorfschulen. Kinder werden als „Fähigkeitswesen“ gemäß dem Motto „Jedes Kind ein Könner“ betrachtet, statt sie als „Mängelwesen“ schon früh zu selektieren. In der Waldorfschule lernen alle Kinder gemeinsam, von Klasse 1 bis 12.

Auch dass die Schulen kleiner sind als viele staatliche, sieht Vincent Schiewe als Vorteil: „Kleinere Schulträger können viel besser auf Bedürfnisse von Schülern eingehen als eine Staatsbürokratie, die einen riesigen Tanker durch Verordnungen von oben steuern will.“ Wenn Lion Talir ein Problem in einem Fach hatte, konnte er seinen Lehrer direkt ansprechen.

Die Eltern und Familien haben an Waldorfschulen einen wich­tigen Stellenwert, denn die Schulen entstehen fast immer aus Elterninitiativen. „Interessierte Eltern haben viel Gelegenheit, sich zu engagieren und die ­Schule und Bildung ihrer Kinder mitzugestalten“, formuliert es Vincent Schiewe. Sie zahlen darüber hinaus ein einkommensabhängiges Schulgeld.

Auch die Lernumgebung vieler Waldorfschulen ist angenehmer als an einigen staatlichen: Die schöne Cafeteria mit vegetarischem Bio­essen lockt zum Beispiel an der Kreuzberger Waldorfschule in der Ritterstraße auch Menschen aus den umliegenden Büros. Viele Schulen haben einen grünen Campus, um mit Naturmateria­lien zu bauen und zu spielen.

Doch Waldorfschule ist nicht unbedingt gleich Waldorfschule. Viele Schulen haben inzwischen ihr eigenes Profil herausgebildet, haben Schwerpunkte im musischen, ökologischen oder handwerklichen Bereich. Es gibt eine Kooperation des Bundes der Freien Waldorfschulen mit der Handwerkskammer, um schulische und berufliche Ausbildung stärker zu durchmischen. An der Emil-Molt-Akademie können Erwachsene ihr Abitur nachmachen oder sich in verschiedenen Berufen ausbilden lassen.

Einige Aspekte der Waldorf­pädagogik finden sich inzwischen auch in den Lehrplänen staatlicher Schulen, zum Beispiel der frühe Fremdsprachenunterricht oder schriftliche Beurteilungen statt Notenzeugnissen in der Grundschule.

Lion Talir beginnt demnächst ein Studium zum Sprecher und Redakteur. Schauspiel, Musik und Moderation waren schon in der Schule wichtige Interessen und wurden auch gefördert: „Die Klassenspiele, aber auch die Stimmbildungsübungen im Unter­richt haben mir sicherlich dabei geholfen, meine Fähigkeiten auszubauen“, sagt er. Ein Klischee würde er sofort unterschreiben, nämlich dass Waldorfschüler auf der Bühne kein Mikro benötigen. In seinem angestrebten Beruf als Moderator kann das nur von Vorteil sein.

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