Sonderthemen

„Brauchen wir Traurigkeit?“

Das Opern-Triptychon „Die Durchbohrung der Welt“ wird in der Tischlerei uraufgeführt

MARTINA HELMIG

In den 70er und 80er Jahren bohrte man auf der russischen Halbinsel Kola das tiefste Loch der Welt. Mehr als 12 Kilometer tief im Erdinnern wurde es plötzlich viel heißer als erwartet, und mit Mikrophonen konnte man seltsame Geräusche aufnehmen, die als „Schreie aus der Tiefe“ interpretiert wurden. Schnell verbreitete sich die Legende, man habe die Hölle angebohrt.

Die Geschichte hat die Phantasie der Komponisten und Librettisten der Reihe „Neue Szenen“ beflügelt und wurde zum Ausgangspunkt einer Kurzoper für die Tischlerei. Das Triptychon „Die Durchbohrung der Welt“ feiert am 28. April Uraufführung.

Schon zum dritten Mal findet das Projekt „Neue Szenen“ in Kooperation mit der Hochschule für Musik Hanns Eisler statt. Am Anfang stand wieder ein Kompositionswettbewerb. Die Jury aus den Komponisten Aribert Reimann, Elena Mendoza und Wolfgang Heiniger wählte aus 41 Bewerbern drei Komponisten aus. Diese bildeten Teams mit drei jungen Regisseurinnen und mit drei Librettistinnen vom Studiengang „Szenisches Schreiben“ der Universität der Künste.

Das „Durchbohren der Welt“ verstehen die Künstler als Metapher. „Uns geht es mehr darum etwas freizulegen, gesellschaftlichen Phänomenen unserer Zeit auf den Grund zu gehen, Oberflächen abzutragen und dahinterzublicken. Was passiert, wenn wir sicher Geglaubtes hinterfragen? Dabei sind die Ausgangssituationen in den einzelnen Stücken unterschiedliche“, erklärt die Regisseurin Ulrike Schwab.

Die Eröffnungsszene „My Corporate Identity“ von Thierry Tidrow (Musik) und Uta Bierbaum (Libretto) spielt im schicken Ambiente einer High-Class-Bürowelt. Alles ist durchorganisiert, die Angestellten funktionieren bestens. Doch dann werden unter der schönen Oberfläche die privaten Gedanken und Gefühle einer Mitarbeiterin zu Tage gefördert, die vielleicht mehr möchte als diese Perfektion. In der zweiten Opernszene „Die Stimmlosen“ wollen Komponistin Irene Galindo Quero und Librettistin Debo Koetting Menschen, die in unserer Gesellschaft keine Stimme haben, Gehör verschaffen.

Das dritte Stück heißt „Tako Tsubo“ und ist eine Art schaurig-kitschiges Märchen, in dem ein Mensch alles verliert, woran er glaubt. Was immer er liebt, wird von einem riesigen Loch verschluckt. Weil er dieses Unglück und diesen Schmerz nicht mehr fühlen will, lässt er sich das Herz herausoperieren. Der Komponist Malte Giesen und die Librettistin Fanny Sorgo haben die Opernszene erdacht, Ulrike Schwab führt Regie: „Was für ein düsterer, Science-Fiction-ähnlicher Stoff!“ Sie möchte eine verstörende Dystopie entwerfen und dabei einen Assoziationsraum für viele Fragen schaffen: „Brauchen wir Gefühle wie Traurigkeit? Warum merzen wir Schmerz und andere negative Emotionen nicht einfach aus? Wofür könnte es sich lohnen, diese Melancholie auszuhalten? Es geht um ein großes Ohnmachtsgefühl, um Depressionen und Urängste von Menschen.“

Die Regisseurin schwärmt von dem poetischen Libretto, das sich auf der feinen Linie zwischen Realität und Traumwelt bewegt, und von der mächtigen, schweren, flächigen Musik: „Für mich gleicht das Ganze einem Zeitmeer. Die Komposition fordert die Sänger unter anderem wegen zeitweiliger Vierteltönigkeit und rhythmischer Komplexität wirklich heraus.“ Alle drei Stücke spielen in demselben Bürogebäude, das sich immer wieder verändert. „Es sind drei Stücke mit vielen Querverbindungen“, erzählt Ulrike Schwab. „Wir wollen da einen in sich geschlossenen Theaterabend erarbeiten.“

Ulrike Schwab war schon einmal an der Deutschen Oper Berlin engagiert, und zwar als Sopranistin in der Kinderoper „Das Traumfresserchen“. An der Eisler-Hochschule hat sie zunächst Gesang studiert. „Da habe ich als Sängerin viel mit den Regiestudenten experimentiert und Blut geleckt.“ Sie besuchte Regiemeisterkurse bei Peter Konwitschny und Willy Decker und studiert nun seit 2014 im Masterprogramm Musiktheaterregie der Eisler-Hochschule. „Die Durchbohrung der Welt“ wird ihre Abschlussarbeit. Dann will sie an der Schnittstelle zwischen Oper, Schauspiel und Performance als Sängerin und Regisseurin arbeiten. „Beide Bereiche befruchten sich gegenseitig ganz wunderbar. Ich hoffe, dass ich mich nie entscheiden muss!“

Neue Szenen III: „Die Durchbohrung der Welt“, 28. April, 18 Uhr, Tischlerei