Sonderthemen

Berlin unverhüllt

Das hauptstädtische Leben inspiriert seit Jahrzehnten Fotografen, die zu Archivaren des Wandels avancieren

LENA FLIESSBACH

Drei Jungs posieren in einem Hinterhof in der Stargarder Straße vor einer kaputten Hauswand mit bröckelndem Putz. Sie haben Zigaretten im Mund und lachen verschmitzt in die Kamera. Als die Berliner Fassaden noch mit Einschusslöchern vom letzten Krieg übersät waren und die Kinder in kleinen Banden durch die Straßen zogen, fotografierte Bernd Heyden seinen Kiez. Es ist Prenzlauer Berg, wie es längst nicht mehr existiert. Heute prägen Yoga-Studios, Bio-Läden und schicke Cafés den Ortsteil. In seinen Straßenszenen der 70er-Jahre verewigte Bernd Heyden die Jungen und die Alten, Currywurst essende Menschen bei Konnopke, Straßenkehrer und Fleischlieferanten.

Seit Beginn der Fotografie haben Künstler immer wieder die sie umgebende Stadt festgehalten, ihre Bewohner, ihre Architektur und ihre Veränderungen. In einer zweiten Schau zeigt das Willy-Brandt-Haus Rainer Königs beeindruckende Aufnahmen von Monumenten, Häusern, Bahnhöfen und architektonischen Details. In unzähligen Spaziergängen hat der gelernte Architekt seit den fünfziger Jahren seine Stadt in „Berlinische Fragmente“ zerlegt.

Die tiefe Verbundenheit zur Heimatstadt Berlin drücken nicht nur Rainer Königs, sondern auch Eva Kemleins Fotografien aus. Die Bilder einer der bedeutendsten Fotografinnen der Nachkriegszeit begegnen uns im Centrum Judaicum. Unvergessen sind ihre Fotografien von Überlebenden, die 1945 in der ersten Ausgabe der Berliner Zeitung abgebildet wurden. Als Grenzgängerin dokumentierte sie nach dem Krieg fünf Jahrzehnte lang die Theaterszene in Ost und West sowie bedeutende Persönlichkeiten des kulturellen Lebens. „Eva Kemlein hat Berlin nie verlassen. Sie gehört zu den ganz Wenigen, die in einem Versteck als Jüdin überlebt hat. Das hat ihren Blick auf Berlin immer geprägt. Sie hat nie als Außenstehende, sondern immer als Beteiligte auf Berlin geblickt“, kommentiert Chana Schütz die Ausstellung, die sie gemeinsam mit Anna Fischer kuratiert.

Doch es sind nicht nur bekannte Positionen, die während des „European Month of Photography“ ihre Sicht offenbaren. Das Museum für Fotografie / Helmut Newton Stiftung präsentiert mit Bernard Larsson einen unbekannten Fotografen, der mit seinem schwedischen Pass seit 1961 die Stimmung in beiden Hälften des geteilten Berlin dokumentieren konnte.

Lange unentdeckt blieben auch Heinrich Zilles Werke. Der Zeichner selbst hatte seine Fotografien nicht einmal für Kunst gehalten. Als die Negative und Abzüge in den siebziger Jahren im Besitz seiner Familie auftauchten, wurde sichtbar, dass Zille eines der beeindruckendsten Oeuvres der Straßenfotografie geschaffen hatte. Zu sehen sind seine häufig vom Zufall bestimmten Stadtporträts in der Sammlungspräsentation der Berlinischen Galerie, welche ein Spektrum an Berlin-Fotografien von 1900 bis 1980 präsentiert.

Das Licht der Berliner Nächte erforscht Noguchi Rika. Für ihre Serie „To the Night Planet“ nutzt sie fotografische Techniken wie Überbelichtung und Unschärfe. Die 1971 in Tokio geborene Künstlerin schoss die Bilder 2014 mit einer analogen Kamera aus dem M29 zwischen Charlottenburg und Kreuzberg: „Als ich in einer Winternacht in dem Bus saß, hatte ich das Gefühl, zu einem anderen Planeten zu fahren. Aus diesem Grund nahm ich diese Serie auf.“

Auch Thomas von Wittichs Protagonisten machen die Nacht zum Tag: die Berlin Kidz sind in schwindelnder Höhe unterwegs, sprühen Graffitis auf Dächern und üben Stunts beim Parcours. „Das ist das Berlin, weswegen ich überhaupt hierhergezogen bin, um es zu entdecken: frei, rotzfrech und aktivistisch. Ich möchte dem Betrachter meiner Fotos das zeigen, was in den meisten Fällen gar nicht für seine Augen bestimmt ist – der Prozess der Entstehung von Kunst im öffentlichen Raum und die außergewöhnlichen Situationen, die dabei entstehen“, kommentiert der Fotograf seine Bilder. So sehr sich Berlin in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat: Die waghalsigen, jungen Banden auf den Straßen sind geblieben.