Papas&Opas

Linus, ein Fernglas und das Futterhäuschen

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Dietmar Wenck

Foto: pa/Montage BM

Wie ein Eichhörnchen in meinem Blumenbeet all das in die Tat umsetzt, was unser Enkel in der Schule gelernt hat.

Berlin. Fast jeden Morgen schaut der kleine Akrobat bei uns vorbei. Nein, nicht Linus. Der kann sich zwar auch sehr flink auf Bäumen bewegen, aber erstens ist er gerade in Cottbus unabkömmlich, Hashtag Homeschooling. Zweitens kann selbst unser Enkel mit diesem Kletterkünstler nicht mithalten. Beim Frühstück kann ich ihn durch das Terrassenfenster beobachten. Während ich im Warmen Kaffee koche, vollführt er draußen in den kalten Kiefern am Rande unseres Grundstücks artistische Übungen, um an ein Futterhäuschen zu gelangen. Ich habe es dort selbst angebracht.

Bei seinen waghalsigen Sprüngen von Baum zu Baum schimmert seine weiße Brust aus dem rotbraunen Fell heraus. Er weiß: An guten Tagen findet er ein paar Hasel- und Walnüsse in dem Häuschen. Aber es sind gerade keine guten Tage für das Eichhörnchen.

Meine Regierung, also Oma, ist nämlich der Meinung, dass wilde Tiere in Wintern wie diesem nicht gefüttert werden müssen. Sie finden schon ohne diese unnatürliche Unterstützung genug zu fressen und verweichlichen sonst nur. Wie so oft im richtigen Leben hat die Regierung irgendwo recht. Macht nichts, es ist so oder so sehr niedlich zu sehen, wie der kleine Wirbelwind mit den spitzen Ohren seinen Baum der Sehnsucht endlich erreicht hat und erwartungsvoll um die Ecke lugt. Ich bilde mir ein, die Enttäuschung in seinem Gesicht zu erkennen, wenn wieder nichts zu holen ist. Womöglich denkt das Eichhörnchen in diesen Momenten wehmütig an die Weihnachtstage zurück, bevor es weiterklettert.

Da war nämlich Linus hier, und dann gelten natürlich andere Gesetze. Sogar bei uns. Zumindest sind gewisse Ausnahmen erlaubt. Der Junge kennt aus der Schule und aus der "Sendung mit der Maus" die Geschichten von dem fleißigen kleinen Kerl, der emsig Vorräte sammelt und sie unverdrossen vergräbt, um über den Winter zu kommen. Das ist alles ganz nett im Fernsehen und in Erzählungen, aber nichts im Vergleich zu Reality-Eichhörnchen bei Oma und Opa. Wer will einem Kind so etwas Schönes verwehren? Also habe ich die vorübergehende Lizenz, das Gelernte gewissermaßen zu unterfüttern. Da freut sich der Eichkater. Und der Opa. Und Linus erst.

Bei seinem jüngsten Besuch in Heiligensee herrscht eines Morgens helle Aufregung in seinem Zimmer. Unser Enkel hat entdeckt, was sich an der besagten Kiefer abspielt. Professionell mit einem Fernglas ausgestattet (das man bei der Überschaubarkeit unseres Gartens nicht zwingend braucht), aber noch im Schlafanzug, lässt er sich nichts entgehen. Und redet in einem fort. „Das gibt’s doch gar nicht, das gibt’s doch gar nicht“, sagt er und sieht begeistert zu, wie das Tier ackert. Kopf in die Kiste, mit Nuss im Schnäuzchen wieder raus, kurz im Sitzen dran geknabbert, und los geht’s.

Baum runter, Zaun hoch und rüber auf unser Grundstück. Fleißig mit den kleinen Pfoten ein Loch gebuddelt, Nuss reingesteckt, mit der Nase nachjustiert und wieder zugebuddelt. Alles für schwere Zeiten. Obwohl es harte Winter ja hierzulande gar nicht mehr gibt. Ist ihm sowas von egal, Instinkt bleibt Instinkt.

So geht das jetzt pausenlos. Rauf auf den Baum, Nuss holen, runter, vergraben. Dicht an dicht. Linus ist aus dem Häuschen und lacht sich kaputt. „Guck mal, Opa, wo er sie versteckt.“ Mir schwant endlich, was mein Enkel so lustig findet. Das ist nämlich mein Beet, das ich erst im Herbst ganz frisch angelegt und mit dem ich so angegeben habe. Aus dem ich alles Unkraut entfernt, es umgegraben habe, damit der Wildwuchs ein Ende hat und so.

„Die Nüsse findet das Eichhörnchen sowieso nicht wieder“, grummle ich. Linus wird dadurch nur noch fröhlicher. „Eben, Opa!“ Er hat nämlich in der "Sendung mit der Maus" gelernt, dass im nächsten Sommer in vielen Gärten allerhand kleine Pflänzchen emporwachsen, deren Herkunft man sich nicht richtig erklären kann. Jedenfalls nicht die Gärtner.

Ich habe der Regierung ja gleich zugestimmt. Die Verweichlichung der Eichhörnchen muss gestoppt werden. Außer, wenn Linus mal wieder da ist.