Kolumne Papas&Opas

Linus und der Schnee von gestern

Unser Enkel Linus wünscht sich mal wieder weiße Weihnachten. Beim letzten Mal war er noch zu klein, schreibt Dietmar Wenck.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services/Montage BM

Berlin. Am zweiten Weihnachts-Feiertag geschah bei uns in Heiligensee etwas Besonderes. Linus hatte es als Erster bemerkt. „Es schneit“, rief mein Enkel so laut und begeistert, dass es jeder im Haus hörte. Sofort flitzte er zur Terrassentür und drückte sich die Nase daran platt. Er beobachtete, wie bei unseren Nachbarn im Garten seine Freundin Sophia mit weit geöffnetem Mund große weiße Flocken mit ihrer Zunge einzufangen versuchte. „Kann ich auch raus?“, fragte Linus aufgeregt. Und gab sich im Prinzip selbst die Antwort. Schal um den Hals, Jacke an, Mütze auf den Kopf und Schuhe an die Füße, alles im Expresstempo. Jetzt wissen wir also, wie schnell er sich anziehen kann. Wenn er es will.

Linus, in Rio geboren, und der Schnee, auch in Berlin in der Vergangenheit ein bekanntes Naturphänomen: Sie können zueinander offenbar nicht so richtig kommen. Dabei würde es prima passen. Unser Enkel mag den Winter im Prinzip sehr gern. „Aber dann soll es auch schneien. Ich finde alles toll an Schnee“, sagt er. Schneemänner bauen, Schlittenfahren oder Schneeballschlachten – eigentlich egal, Hauptsache, es ist genug davon da. Dummerweise hatten wir, seit er in Deutschland ist, erst einmal eine weiße Weihnacht. Damals war er noch kein Jahr alt, lag eingewickelt bis zur Nasenspitze auf dem Schlitten, was er natürlich nur aus Erzählungen weiß. Dafür freute sich seine Mutter über Heiligensee unter einer Decke aus Puderzucker.

Gefühlt waren die Winter früher weißer

Gefühlt waren im Lebens-Rückblick ja früher viele Sommer sonniger und alle Winter weißer. Ob richtig oder falsch: Fest steht, dass Opa als Kind jedes Jahr auf dem Teich vor unserem Mietshaus Schlittschuh laufen und Eishockey spielen konnte. Gerodelt wurde auch – im Wechsel die eisige Todes- oder die kurvenreiche Schlangenbahn auf der nahen Waldwiese runter. Schnee war einfach da. Oft gab es ihn sogar im Überfluss. Man nannte das Schnee-Katastrophe. Heute ist das bei uns nur noch Schnee von gestern.

Nun ist es nicht stimmungsfördernd, wenn wir Linus solche Geschichten erzählen. Er will sie selbst erleben. In Cottbus, wo er wohnt, hat er auch schon ein paar Mal in einem bisschen Schnee getobt. Doch in Berlin, dem wärmsten Bundesland, wie in einer Statistik gerade veröffentlicht wurde? Jedes Jahr, wenn wir über das gemeinsame, nahende Weihnachtsfest sprechen, schließen wir den Wunsch mit ein: „Und wenn wir Glück haben, schneit es vielleicht sogar ganz doll. Das wäre schön.“ Solches Glück hatten wir nur bisher nicht.

Nicht mal für ein Schneemännlein reichte es

Einmal wollten wir es zwingen. Ein Urgroßonkel von Linus lebt in Kärnten und lud zu seinem 80. Geburtstag. Weil wir dort mit unseren Kindern schon tolle Winterferien hatten, wollten wir unserem Enkel zeigen, was richtiger Schnee ist. An einem Ort, wo die weiße Pracht tagelang pausenlos herunterfällt. Wo sich das ganze Dorf zu wilden Schlittenrennen trifft. Wir haben einige Strapazen auf uns genommen, dorthin zu reisen. Doch als wir ankamen, war alles braun und wenig winterlich, jedenfalls nicht weiß. Nur auf der anderen Seite des Tals lag Schnee. Jeden Morgen warfen ihn Kanonen auf die Pisten. Wir sind mit dem Auto rüber und mit der Gondel nach oben. Wir fanden’s künstlich. Linus fand’s okay. Anders gesagt: besser als gar nichts.

Und diesmal? Tatsächlich schaffte es der Himmel, unseren Garten Weihnachten für ein paar Minuten weiß aussehen zu lassen. Linus und Sophia freuten sich, als wäre richtiger Winter. Doch nach einer halben Stunde war der Zauber schon vorbei, für eine Schnellbällchenschlacht oder ein Schneemännlein reichte es bei Weitem nicht. Trotzdem hatte unser Enkel glühende Wangen. Danach studierten wir jeden Morgen den Wetterbericht, demzufolge es an Neujahr schneien sollte.

Die schlechte Nachricht: Es kam nur Regen herunter. Die gute: Von diesem Sonntag bis nächsten Sonntag ist wieder Schnee angesagt. Schade, dass Linus dann wieder in Cottbus ist. ​

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