Papas & Opas

Lieber Mathe oder Deutsch? Spielen!

Linus scheint ein recht ordentlicher Schüler zu sein. Nur eine besondere Angewohnheit hat er von seinem Papa geerbt.

Dietmar Wenck ist Sportredakteur und Opa von Linus.

Dietmar Wenck ist Sportredakteur und Opa von Linus.

Foto: bm / BM

Häufig lesen wir in der Zeitung, wie schlecht die deutschen, speziell die Berliner Kinder und Jugendlichen abschneiden, wenn es um schulische Leistungen geht. Von den lästigen Benimmregeln mal abgesehen, soll es auch bei der Rechtschreibung, im Rechnen und bei anderen grundsätzlichen Kenntnissen hörbar knirschen. Seit den legendären Pisa-Studien wissen alle: Jeder Finne im fernen Lappland kann besser lesen als unser Nachwuchs. Na und? Sollen sie doch, im Skilanglauf sind sie auch schneller. Dafür können wir besser komponieren und dichten. Früher war das jedenfalls so.

In den vergangenen Jahren haben Oma und ich dieses deutsche Dilemma zwar immer noch interessiert verfolgt, aber nicht mehr so leidenschaftlich, ich zumindest. Unsere vier Kinder haben schließlich alle mehr oder weniger schmerzfrei ihr Abitur geschafft, Pisa hin oder her, und konnten danach auf die Menschheit losgelassen werden. Da sind sie jetzt unterwegs, volle Kraft voraus.

Linus Einschulung hat unsere Sinne für den Unterricht des Lebens geschärft

Doch neuerdings haben wir ja ein Enkelkind in der ersten Klasse. Linus wurde im August eingeschult. Das hat unsere Sinne für den Unterricht des Lebens wieder geschärft. Darum nutzte ich bei unserem jüngsten Besuch in Cottbus die Gelegenheit, das sich neu bildende Terrain in seinem Kinderzimmer zu erforschen. Sowohl, was den Zustand von Linus’ Arbeitsmaterialien betrifft als auch seine intellektuellen Vorlieben.

Ich wurde angenehm überrascht. Seine Hefte sahen sehr ordentlich aus. Hausaufgaben scheint er zur allgemeinen Zufriedenheit seiner Lehrerin zu erledigen, denn auf mehreren Seiten hatte sie handgemalte Lachgesichter, einmal sogar ein paar lobende Sätze hinterlassen. Sehr zur Freude meines Enkels (und nun seines Großvaters). So etwas gab es zu meiner Schulzeit in meinen Heften nicht, was eventuell nicht nur an der pädagogischen Weiterentwicklung, sondern an mir gelegen hat.

Fast beiläufig berichtete mir der Sechsjährige, dass er kürzlich die Handpuppe Mo aus der Schule mit nach Hause nehmen durfte. Das wird Kindern gestattet, die sich besonders eifrig am Unterricht beteiligen. Beeindruckt wollte ich wissen: „Linus, was magst du lieber: Deutsch oder Mathe?“ Zur Antwort kam erst ein „hm“, dann ein „hmhhh“ und schließlich ein „hmhhhhh“, ehe er mir treuherzig gestand: „Am liebsten mag ich spielen. Mit Thorin!“ Mit seinem Freund also. Gute Antwort, sehr gute Antwort.

Rechnen kann er so schnell wie sein Urgroßvater mütterlicherseits

Anschließend hat Linus mir ein bisschen vorgelesen, ganz langsam und nicht immer mit der perfekten Betonung, aber das wird schon. Rechnen kann er noch besser, ratzfatz im Kopf geht das, sechs plus sieben, so schnell wie sein Urgroßvater großmütterlicherseits. Der hat es weit gebracht, also bitte, vielleicht wird da eine große Karriere auf dem Kapitalmarkt draus. Schon gut, Opa, mal langsam...

Vor dem Schlafengehen haben wir noch seinen Schulranzen für den nächsten Tag gepackt. Linus war sehr konzentriert, damit er nichts vergisst. Auch nicht den Beutel mit den Turnsachen, montags hat er nämlich Sport. Außerdem musste er seine Federtasche überprüfen, ob alle Buntstifte angespitzt sind und er auch einen Radiergummi dabei hat. Da entdeckte ich etwas: Linus knabbert an seinen Stiften, aber so richtig! Bis das Ende ganz schlabberig runterhängt.

Das ist lustig, weil sein Papa das in dem Alter genauso gemacht hat. Wir haben ihm damals viel zugeredet, es sein zu lassen. Nichts hat geholfen. Schlechter Eindruck, Ablenkung vom Wesentlichen, ungesunde Stoffe in seinem Magen: Keines unserer Argumente hat ihn überzeugt. Bis Opa – wer sonst – eine fiese Idee hatte. Wir haben doch da im Schrank so eine Chilisoße, könnte man nicht die Stift-Enden??? Leider waren wir beim Tasting nicht dabei. Unser Sohn hat nichts erzählt, auch nicht geklagt, was wir mit seinen Stiften getan hatten. Irgendwie hatte er nur nach einer Weile keinen Appetit mehr. Heute undenkbar, so etwas. Glück für Linus.