Papas & Opas

Von den Vorzügen einer geschlossenen Zimmertür

Notizen aus der Zeit des Lockdowns: Der Vater arbeitet im Homeoffice – oder wie die Kinder sagen würden: im Auskunftsbüro.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar

Während ich hier im Homeoffice so meine Journalistensachen mache, habe ich nebenbei auch immer klassischen Schulunterricht. Sowohl die neunjährige Tochter als auch der zwölfjährige Sohn nutzen die Anwesenheit des Vaters, um ihn im Arbeitszimmer im Laufe des Nachmittags mit allen möglichen Fragen zu überfallen – vorzugsweise dann, wenn es ihm gerade mal gelingt, sich auf einen Text zu konzentrieren. Dann springt die Tür auf und plötzlich geht es um Mathematik, Geografie oder Englisch – nur beim Lateinischen habe ich längst die Waffen gestreckt, darum muss sich meine humanistisch gebildete Frau kümmern. Dann verlassen die Kinder das Arbeitszimmer wieder, ohne die Tür zu schließen. Sie machen nie die Tür zu, ich werde noch wahnsinnig deswegen.

Der Sohn zum Beispiel hatte im Religionsunterricht die Aufgabe bekommen, ein Referat vorzubereiten. Dazu hatte er ein paar Texte gelesen. Die Tür des Arbeitszimmers flog auf, als stünde ein Spezialeinsatzkommando der Polizei davor. Ich war gerade in die neuen Corona-Infektionszahlen vertieft und bekam einen riesigen Schreck.

– Papa?!

– Oh mein Gott, was?

– Mahatma Gandhi.

– Ah. Ok. Dein Referat für Religion, ja?

– Genau. Ich habe eine Frage.

– Ja?

– Das ist ja alles sehr interessant. Aber was hat es mit diesem komischen Kasten auf sich?

Ich hätte ihn küssen können. Ich verkniff mir ein Grinsen und erzählte ihm, was ich über das indische Kastenwesen weiß (viel ist es übrigens nicht). Er nickte zufrieden, drehte sich um und ließ die Tür sperrangelweit offen. Ich glaube, ich habe keinen Satz im Homeoffice so häufig gesagt wie „Tür zu!“.

Die Tochter hingegen tendiert stärker zum Drama. Sie empfindet schriftliche Division als eine perfide Attacke auf ihre körperliche und seelische Gesundheit. Für die Mathematik insgesamt kann ich das emotional schon nachvollziehen, nur bin ich sicher, dass ich als Schüler etwas introvertierter damit umgegangen bin.

– Papa?!

– Wahas! Ich krieg noch einen Herzanfall, wenn ihr hier immer so reinplatzt!

– Aber schau diese Rechnung hier. So gemein! Die kann man gar nicht verstehen.

– Doch. Du musst nur überlegen, wie oft die Zahl in die ersten beiden reingeht. Dann nimmst du den Rest, schreibst die nächste dazu und immer so weiter.

– Hm, okay. Kann ich auf deinem Handy spielen?

– Nein, du machst jetzt erst Mathe fertig.

– Na gut. Tschüss!

– Tür zu!

Ich bin vielleicht etwas neurotisch, was das Schließen von Türen angeht. Als ich noch in Nordrhein-Westfalen lebte, war der Spruch „Du wohnst wohl in der U-Bahn“ eine meiner liebsten Redewendungen. Noch gebräuchlicher war der Satz „Du hast wohl Säcke vor den Türen“, auch wenn ich den nie so ganz verstanden habe (er hat, wie ich gerade recherchiert habe, wohl seinen Ursprung darin, dass im 19. Jahrhundert in den großbürgerlichen Villen „Säcke“ aus edlem Stoff vor den Türen hingen, um Durchzug zu verhindern).

Es geht mir nicht so sehr darum, dass die Tür den Geräuschpegel der Kinder dämpft. Davon bekomme ich auch so noch reichlich mit. Sobald sie da sind (jetzt gerade sind sie aus der Schule zurück), ist es in der Wohnung mit der Ruhe vorbei. Ich höre aufjaulende Handymusik, dauerhaftes Klingeln an der Wohnungstür oder verdächtiges Geschepper aus der Küche. Das ist auch völlig in Ordnung so, es sind Kinder, es ist sympathischer Lärm. Wenn ich ehrlich bin, mag ich die geschlossene Tür vielmehr, weil sie mir das Gefühl gibt, im Zweifelsfall nicht ganz anwesend, sondern eben beim Arbeiten zu sein. In diesem Moment beispielsweise ruft mein Sohn hinter der Tür: „Oh Gott, Mama, hier ist so ein riesiges Teil mit Wasser ausgelaufen!“

Ich bin gar nicht hier. Ich muss meine Kolumne schreiben.