Papas und Opas

Wenn der Weg zum Sieg plötzlich versperrt ist

Linus liebt neuerdings Wettrennen. Weil das Gewinnen eindeutig mehr Spaß macht, wendet er dabei allerhand Tricks an.

Dietmar Wenck ist Sportredakteur und Opa von Linus.

Dietmar Wenck ist Sportredakteur und Opa von Linus.

Foto: bm / BM

Berlin. Diese zweite Coronawelle trifft uns alle hart, selbst wenn die Symptome recht unterschiedlich sein können. Man muss ja nicht immer vom Schlimmsten ausgehen, von einer Infektion. Der sogenannte Lockdown light schlägt auch so schon vielen schwer aufs Gemüt: Freunden der Oper genauso wie Basketballfans, Restaurantgästen wie Mallorca-Urlaubern. Opas und Enkeln sowieso, jedenfalls, wenn sie nicht gleich um die Ecke wohnen, sondern beispielsweise in Berlin und Cottbus. Mit der Bahn fährt ja momentan niemand mehr gern.

Beim letzten Besuch von Linus und seinen Eltern musste deshalb ein Mietwagen herhalten. Das war eine sehr gute Investition, wir hatten volle drei Tage Spaß zusammen. Nicht nur wegen Piksi und Valentin, den Igeln, die Linus und ich adoptiert haben. Bei dem schönen Herbstwetter waren wir auch sonst draußen unterwegs. Einmal sind wir losgezogen, um Kastanien zu sammeln. Das ist für sich genommen nicht besonders spannend, deshalb möchte Linus zwischendurch immer gern mal um die Wette laufen. Neuerdings ist mein Enkel zur großen Freude seines Großvaters nämlich darauf gekommen, dass derlei sportliche Übungen einen gewissen Reiz haben. Ich schätze mal, der gesundheitliche Aspekt spielt noch eine untergeordnete Rolle bei ihm. Dafür hat der Sechsjährige entdeckt, dass er ganz schön schnell auf seinen Beinchen unterwegs ist. Und dass Gewinnen Spaß macht, ist ihm auch nicht entgangen.

„Opa, machst du mit mir ein Wettrennen?“, fragt er dann, und wer würde da aus Hartherzigkeit, Angst vor der drohenden Niederlage gegen ein hochmotiviertes Kleinkind oder eventuell aus ästhetischen Gründen nein sagen? Also stellen wir uns professionell auf, wobei seine Startlinie komischerweise jedes Mal ein kleines bisschen vor meiner liegt. Geschenkt. Nachdem er selbst „los!“ gerufen hat, gibt er sofort Vollgas, weil er ja weiß, dass ich nicht so flott in die Gänge komme wie er. Wenn er seinen Vorsprung allmählich schmelzen spürt, sucht er sich eilig ein nahe liegendes Ziel aus und bestimmt etwa so: „Bis zu dem Baum da vorn!“

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ich ergebe mich mehr oder weniger in mein Schicksal und lasse ihn – ganz der liebe Opa – zuerst am Baum ankommen. So richtig restlos traut er mir allerdings nicht, also forciert Linus seine Chancen durch eine Finesse, die ich ihm jedenfalls nicht beigebracht habe: Im Stile eines ausgebufften Langstreckenprofis verändert er seine Laufrichtung so, dass mein Weg plötzlich genau da versperrt ist, wo ich vielleicht einen letzten kläglichen Überholversuch hätte unternehmen können. Da ich ihm natürlich nicht in die Hacken treten will, bremse ich ab. Linus posaunt fröhlich: „Ich war Erster.“

Nun ist es leider so, dass ich selbst ein alter Wettkämpfer bin und mich auch nicht jedes Mal einfach so geschlagen geben möchte. Diesmal habe ich mir einen Plan ausgedacht. Als Linus beim nächsten Rennen wieder im entscheidenden Moment meine Spur kreuzen will, stöhne ich laut: „Ich kann nicht mehr!“ Er fällt darauf herein, bremst kurz ab und dreht sich um. Darauf habe ich gewartet, schieße entschlossen an der anderen Seite an ihm vorbei dem Ziel entgegen.

Nur habe ich jetzt so ein Tempo drauf, dass ich völlig die Kontrolle verliere, erst stolpere und dann der Länge nach hinstürze. Linus war beim Ziel-Baum auf gleicher Höhe, und ich denke, er wird gleich sehr besorgt fragen, ob ich mir auch nicht wehgetan habe. Stolz erkläre ich ihm meine Taktik, dass ich mich ins Ziel gestürzt habe, als ginge es um eine olympische Goldmedaille. Doch statt das zu honorieren oder sich nach dem Zustand meiner alten Knochen zu erkundigen, sagt er: „Ich war Erster.“

Ich muss ein sehr verblüfftes Gesicht gemacht haben, denn er lacht los, und wenn Linus loslacht, kann ich auch nicht anders. Meine Symptome? Hüfte und Ellenbogen tun schon nicht mehr weh. Nur die Schulter noch ein bisschen