Papas & Opas

Ein Junge, der nicht älter wird

Sempé und Goscinny begannen vor 65 Jahren mit ihrem „Kleinen Nick“ – und revolutionierten die moderne Kinderbuchliteratur.

Felix Müller.

Felix Müller.

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Als französischer Comiczeichner kann man offenbar besonders alt werden. Albert Uderzo, dem wir zusammen mit René Goscinny die Geschichten von Asterix verdanken, starb im März dieses Jahres im Alter von 92 Jahren. Und Jean-Jacques Sempé, der Goscinnys Geschichten vom „Kleinen Nick“ illustrierte, ist vor wenigen Wochen 88 Jahre alt geworden.

Ich komme darauf, weil ich mich gerade in den Zimmern meiner Kinder umgesehen habe. Sie sind zusammen mit meiner Frau bei den Schwiegereltern in Italien, ich bin also mal wieder verstrohwitwert. Im Bücherregal meiner Tochter fand ich einen Band, der mich sofort eine halbe Stunde Zeit kostete. Er heißt „Der kleine Nick. Wie alles begann“ (Diogenes) und versammelt die Comicstrips, die in einem belgischen Magazin namens „Le Moustique“ ab 1955 erschienen und mit denen es tatsächlich losging mit den Geschichten eines kleinen Jungen und seiner Abenteuer mit den Klassenkameraden.

„Ich habe René Goscinny im Frühling 1954 kennengelernt“, schreibt Sempé im Vorwort. „Er war eben mit dem Schiff aus den USA herübergekommen, was mich damals sehr beeindruckte. Wir wurden sofort Freunde. Ich war 21, er wahrscheinlich 27. Er war mein erster Freund in Paris, wenn nicht sogar mein erster Freund überhaupt. Es war der Humor, der uns verband.“

Der Band ist spannend, weil man gewissermaßen dabei zusehen kann, wie die moderne Kinderbuchliteratur erfunden wird. Sempés Zeichnungen sind noch farbig und noch nicht so reduziert wie in den späteren Jahren, viele Witze wollen noch nicht so recht zünden – vielleicht ein Grund dafür, dass „Le Moustique“ die Zusammenarbeit mit dem Duo 1956 beendete. Drei Jahre später bot sich den beiden erneut die Gelegenheit der Veröffentlichung, diesmal in der französischen Zeitung „Sud-Ouest Dimanche“. Diesmal entschieden sie sich, das Text-Bild-Verhältnis gewissermaßen umzukehren: Goscinny schrieb längere Texte, die Sempé mit kleinen Vignetten versah. Erst jetzt konnte die Idee ihren ganzen Charme entfalten, denn Goscinny schrieb die Texte in einer einfachen, kindlichen Sprache, die den Geschichten eine scheinbar naive Perspektive gab.

Der Trick bestand nun darin, dass aus dieser erzählerischen Position heraus die Schwächen der Erwachsenen umso entlarvender geschildert werden konnten. In der frühen Geschichte „Das Fahrrad“ zum Beispiel bekommt Nick ein ebensolches geschenkt. Der Vater fährt auch ein paar Runden darauf und wird dafür vom Nachbarn verspottet, der das Schauspiel durch seine Hecke beobachtet. Die Frotzeleien der beiden Männer steigern sich bald zu einem Hahnenkampf, bis es schließlich zum Showdown kommt: Beide wollen einmal um den Block fahren, und wer schneller ist, ist der Meister. Nick soll die Zeit stoppen: „Aber der Herr Bleder hat mir seine Uhr nicht geben wollen, er hat gesagt, Kinder machen immer alles kaputt, und da hat Papa gesagt, er ist ein Geizhals, und er hat mir seine Uhr gegeben – die prima Uhr mit dem großen Zeiger, der ganz schnell rumläuft. Aber ich hätte lieber mein Fahrrad gehabt.“ Das wird den Wettbewerb aber leider nicht heil überstehen.

Als ich die Geschichten vom kleinen Nick, von seinem ständig essenden Freund Otto, von Georg aus reichem Elternhause, vom Klassenbesten Adalbert und all den anderen zum ersten Mal las, war ich so alt wie meine Kinder jetzt. Ich wohnte in einem kleinen Nest in der Oberpfalz und verbrachte meine Nachmittage an den Wochenenden zum Beispiel damit, mich mit Freunden auf Baustellen zu schleichen. Das war eigentlich verboten, und wir kamen uns dabei vor wie kleine Nicks. Meine Kinder können das heute schon deshalb nicht tun, weil es in der Nachbarschaft gar keine Baustellen gibt. Aber sie lesen diese Geschichten mit der gleichen Faszination und Begeisterung. Dafür herzlichen Dank, Sempé und Goscinny!