Papas und Opas

Es geht nicht immer nur um Linus

Auch unsere erwachsenen Kinder wünschen sich manchmal noch elterliche Betreuung. Lisa zum Beispiel braucht ein Hochbett.

Dietmar Wenck ist Sportredakteur und Opa von Linus.

Dietmar Wenck ist Sportredakteur und Opa von Linus.

Foto: bm / BM

Es stimmt, dass wir uns als Großeltern viele Gedanken über unseren Enkel Linus machen. Dass wir uns immer freuen, den kleinen Wirbelwind zu sehen. Er ist ja wirklich zum Knutschen – außer manchmal. Es stimmt aber keinesfalls, dass wir deshalb vergessen hätten, wer schon lange vor ihm unser Leben auf den Kopf und wieder zurück gestellt hat. Vier Kinder haben wir schließlich auch noch, alle gut gelungen, und die wollen hin und wieder ebenfalls von uns betüdelt werden.

Wir geben unser Bestes. Oma tut sich etwa durch ihre herausragenden Kochkünste hervor. Wie durch Zauberhand stehen immer alle Lieblingsspeisen auf dem Tisch, auch die relevanten Süßigkeiten, wenn wir Besuch von unseren Kleinen zwischen 22 und 28 Jahren bekommen. Außerdem ist sie nach wie vor erste Kontaktperson der Kinder, falls es Probleme mit dem Finanzamt oder der Krankenversicherung gibt. Ich bin dafür erste Fachkraft im Abholen vom Bahnhof. Weil ich schon selbstständig die Uhr lesen kann und deshalb mit Pünktlichkeit glänze. Mit mir kann man auch ganz gut über Sport diskutieren oder Herr der Ringe gucken, das sind weitere sehr wichtige Aufgaben im Wenck’schen Sozialgefüge. Finde ich jedenfalls.

Seit ein paar Wochen werde ich allerdings auch auf anderem Gebiet gefordert – von unserer Tochter Lisa. Sie meint, sie braucht ein Hochbett. Und wer könnte das besser aufstellen als ich? Okay, mir fielen da auf Anhieb zig Tischlereien ein, doch ich habe ja auch meinen Stolz. Soll ich denn ihr Urvertrauen und ihre Illusion zerstören, ihr Alter sei trotz allem ein cooler Typ? Wahrscheinlich hätte ich früher nicht so oft in ihrem Beisein von unseren wilden Zeiten prahlen sollen, als ich zuerst für mich und später für ihre Mutter und mich Hochbetten gebaut habe. Die hielten alles aus! Logisch, das will sie auch. Sonst wäre ihre Wahl eventuell nicht auf mich gefallen.

Mir wird schwindelig vor lauter Kreativität und Eleganz

Zu spät. Sie hat mir alle relevanten Maße zukommen lassen und mir ansonsten freie Hand gegeben. Holz, Dübel und Schrauben bestellt sie, wenn ich ihr mitteile, was ich genau brauche. Woher zum Honk soll ich das wissen? Ach ja, eine Heizung steht da auch noch an der einen Wand, aber das ist doch wohl kein Problem, Papa. Oder? Mein Problem ist ein ganz anderes: Ich weiß echt nicht mehr, wie es geht. Schaue ich im Internet Bauvorschläge an, wird mir schwindelig vor lauter Kreativität und Eleganz. Meine Betten sahen völlig anders aus! Eher rustikal, so wie ich. Grobes Kantholz, zehn Mal zehn Zentimeter. Immerhin waren die tragenden Teile kunstvoll verzahnt mit den Querverbindungen, auf denen später das Gestell und die Matratze lagen.

Damals habe ich neben dem Studium auf dem Bau gearbeitet. Die Zimmerleute konnten mich leiden und haben mir gute Tipps gegeben, die musste ich quasi nur noch in die Tat umsetzen. Die Kanthölzer haben sie auch für mich zugesägt. Doch das ist fast 40 Jahre her, alle Details sind aus meinem Kleinhirn gelöscht. Nun könnte ich aus Liebe zu meiner Tochter meinen Job als Kolumnenschreiber schmeißen und auf die Schnelle wieder am Bau anheuern. Aber erstens nehmen die mich gar nicht, weil ich nicht mehr ganz so jung und athletisch bin. Zweitens schreibe ich viel zu gern diese Kolumne.

Mir bleibt nur eins: cool bleiben. Also tue ich, als hätte ich alles im Griff. Deshalb habe ich meiner Tochter eine Nachricht geschrieben, dass wir das hinkriegen. Kostet mich ja nur noch ein paar Nächte, bis ich meinen Entwurf fertig habe. Oma wird nicht gefragt, sie ist zwar Architektin, aber wenn ich schon nicht so gut kochen kann wie sie, will ich wenigstens beim Hochbettbau Chefchen sein. Inzwischen freue ich mich sogar ein bisschen darauf, denn, nur mal angenommen: Es gelingt. Dann möchte ich die Augen von Lisa sehen. Und erst die von Linus, wenn er zu Besuch bei seiner Tante ist und fragt: „Wirklich? Das soll mein Opa gebaut haben?“