Papas & Opas

Die Welpenspielstunde finden wohl nur die Menschen peinlich

Hunde müssen lernen, wie sie mit Artgenossen umgehen. Menschen müssen lernen, dass Hunde keine Menschen sind, beobachtet Felix Müller.

Foto: pa/Reto Klar

Vor ein paar Wochen schickte mich meine Frau überraschend zur Welpenspielstunde. Unser drei Monate alter Bolonka Zwetna, ein noch ziemlich winziges Fellhäufchen namens Lido, soll dort im Umgang mit anderen Jungtieren sein Sozialverhalten schulen. Ich packte den Kleinen also in unsere Hundetragetasche und fuhr ein paar Stationen mit der Tram. Er lugte dabei aus der Tasche heraus, und ich glaubte in den Gesichtern der anderen Menschen Missbilligung darüber zu erkennen, dass er keine Atemschutzmaske trug. Es sind seltsame Zeiten, in denen wir leben.

Die Welpenspielstunde sollte in einer Tierarztpraxis stattfinden. Als ich ankam, waren alle schon da: Die Welpentrainerin, ein männliches Paar mit einem kleinen Beagle, eine ältere Frau mit einem Malteser und eine junge Frau mit einem Pudel. Die ältere Frau sah meinen Hund und begann sofort zu erzählen: Dass sie auch mal so einen gehabt habe, dieser aber kürzlich verstorben sei (sie zeigte mir Bilder auf dem Handy), weshalb sie sich jetzt diesen Malteser zugelegt habe (er begann zu wedeln), sie ein Häuschen mit Garten habe und sich freuen würde, auf meinen Hund aufzupassen, wenn ich mal keine Zeit für ihn hätte. Mich überraschte das Angebot, immerhin hatten wir uns gerade erst kennengelernt. Aber ich mochte sie.

Ich überreichte der Welpentrainerin Lidos Hundeimpfpass, den sie solange konzentriert studierte, bis ich befürchtete, es stehe irgendetwas Schreckliches darin. Dann sah sie auf und sagte „gut“. Ich sagte auch „gut“, und wir alle folgten ihr in einen Nebenraum der Tierarztpraxis, wo wir uns im Kreis auf den Boden setzten. Ich sah mich um und verglich Lido mit dem Beagle, dem Malteser und dem Pudel. Er war mit Abstand der kleinste Hund.

„Es geht jetzt darum, die Hunde alle ein bisschen miteinander spielen zu lassen“, sagte die Welpentrainerin. Wir schickten also Lido, den Beagle, den Malteser und den Pudel in die Mitte. Es begann sofort eine große Party. Die Hunde sprangen aufeinander zu und rannten in der Gegend herum. Der Beagle widmete Lido eine körperliche Zuwendung, die mir nicht ganz jugendfrei zu sein schien. Auch die anderen Hundebesitzer sahen dem eindeutig unzweideutigen Treiben mit sorgenvollen Blicken zu.

– „Ist das normal?“, fragte ich die Welpentrainerin.

– „Welpen probieren alles aus, auch Sexualität“, sagte sie.

Es hörte dann auch schnell wieder auf, weil Lido genug davon hatte. Er schlich an die Wand, etwa einen Meter von mir entfernt, legte sich hin und sah den anderen Hunden beim Herumtollen zu. Ich fragte mich, ob er jetzt traumatisiert sei und vielleicht enttäuscht von mir und dieser Zumutung hier. Die Welpentrainerin fing meinen Blick auf: „Machen Sie sich keine Sorgen, manche Hunde sind eben schüchtern.“ Ich musste spontan an den ersten Discobesuch meines Lebens denken, ich war 13 Jahre alt, auf der Tanzfläche angerempelt worden und traute mich nun nicht mehr drauf. Genauso musste sich das jetzt für meinen Hund anfühlen. Er tat mir leid. Er schlich zu der älteren Dame neben mir und ließ sich neben ihr nieder. Sie strahlte.

– „Meine Enkel nennen mich Hundeflüsterin“, sagte sie. „Alle Hunde lieben mich. Und falls Sie einmal in den Urlaub fahren, wie gesagt ...“

– „Vielen Dank. Ich werde darüber nachdenken.“

Lido war jetzt zu nichts mehr zu bewegen, er lag 20 Minuten lang still da. Die Welpentrainerin forderte mich auf, mit ihm zu den anderen Hunden zu gehen und ihn dort gewissermaßen vorzustellen. Okay, dachte ich, das ist jetzt ungefähr so, als wäre ich 13 Jahre alt und meine Mutter würde mit mir in der Disco auf die Tanzfläche gehen, um mich dort mit gleichaltrigen Mädchen bekannt zu machen. Schrecklich!

Es lief dann aber ganz gut. Lido beschnupperte den Beagle und wedelte bei den anderen Hunden. Die Sache mit der Peinlichkeit ist wohl ein Menschending

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