Kolumne Papas & Opas

Kiefernzapfen gehen über Nacht unter

Wenn Linus zu Besuch ist, hinterlässt er überall Spuren. Dann kann es auch mal passieren, dass ein Fernsehabend ausfallen muss.

Dietmar Wenck und Enkel Linus

Dietmar Wenck und Enkel Linus

Foto: bm / BM

Ich habe mich extra beeilt, um ihn vor dem Schlafengehen noch mal drücken zu können. Doch als ich von meinem Seniorensport nach Hause komme, ist Linus schon im Bett. 21 Uhr – da hat sich mein Enkel längst verabschiedet. Auch ohne ihn zu sehen, ist seine Anwesenheit allerdings unübersehbar. Nein, nein, ich verfalle jetzt nicht in die gängigen Chaos-Theorien – die treffen auf Linus immer seltener zu. Er ist inzwischen auf einem anderen Level unterwegs.

Zum Beispiel steht in der Küche heute eine große Schüssel mit Wasser. Darin schwimmen Kiefernzapfen herum. „Wozu soll das denn gut sein?“, frage ich irritiert. „Ein Experiment“, raunt mir Oma zu, „Linus will feststellen, ob die Zapfen über Nacht auf den Grund sinken.“ Wer’s noch nicht selbst probiert hat, hier die Lösung: Sie tun das. „Hab ich mir gleich gedacht“, klärt mich der junge Forscher am nächsten Morgen auf, „die haben sich nämlich mit Wasser vollgesaugt. Dann gehen sie unter. Papier macht das auch.“

Für uns gibt es immer was zu entdecken

Wenn Linus bei uns ist, gibt’s immer was zu entdecken. Ich meine: für uns. Überall hinterlässt er seine Spuren, ständig setzt er neue Ideen um. Man stolpert geradezu darüber. Zum Schlafen hat er das Zimmer seiner Tante Lisa erobert, die vor einigen Jahren ausgezogen ist. Es wird zurzeit vor allem für Omas Leibesertüchtigung genutzt. Jetzt hat Linus auf der Yogamatte seine Kleidung platziert, die er am nächsten Morgen anziehen will. T-Shirt, Hose, Unterwäsche und Socken hat er so akkurat hingelegt, dass es im Dunkeln aussieht, als würde da ein kleiner Mensch neben dem Bett liegen. Das war sein Plan. Mir imponiert sein Ordnungssinn, obwohl ich nicht so recht weiß, von wem er den hat. Egal, tags darauf verfeinert mein Enkel seine Arbeit noch, hat für den stillen Gast ein Gesicht gemalt und Hände gebastelt. Ich staune.

„Und was machen die Kinder?“

Auch über seine Gedanken. Beim Frühstück sprechen mein Sohn Ole und ich über die geringe Bedeutung der Ameisen-Männchen im Alltag der kleinen Krabbeltiere. Das Interesse von Linus ist sofort geweckt. „Wieso?“, will er wissen. Sein Vater erzählt ihm, dass die Königin viele Eier legt und die Männer nur zum Befruchten da sind. Sonst tun die nix, Arbeit und Verteidigung erledigen die Frauen. „Und was machen die Kinder?“ fragt der Sechsjährige. Weil wir damit nicht gerechnet haben, antwortet er gleich selbst: „Ich glaube, die gehen zur Schule.“ Das können wir uns nun gar nicht vorstellen, doch Linus beharrt darauf. Aha, und woher will er das wissen? „Aus meinem Kopfbuch!“, sagt mein Enkel trocken. Unschlagbar. Gedanken sind frei.

„Ich wünsche mir, dass du das nicht wegräumst“

Als ich am Sonnabend ein wenig früher nach Hause komme, diesmal von der Arbeit, empfängt mich Linus an der Tür. „Ich möchte mir etwas von dir wünschen, Opa“, sagt er, und ich erkläre feierlich: „Egal, was du willst, die Antwort ist ja.“ Er strahlt und zieht mich lachend ins Wohnzimmer, wo er und seine beste Freundin Sophia unsere Couchgarnitur in der TV-Ecke mit Decken, Kissen und Hockern in eine Mischung aus Thron und Höhle verwandelt haben. „Ich wünsche mir, dass du das nicht wegräumst“, sagt Linus, „weil wir das morgen brauchen.“ Okay, versprochen ist versprochen. Heute fällt der Fernsehabend also aus. Müssen wir eben ein paar Spiele aus dem Schrank holen.

Der Höhlen-Thron kommt dann doch nicht mehr zum Einsatz, weil es dem Jungen nach dem Aufwachen schlecht geht. Vielleicht liegt es an der Aufregung, weil Sophia bei ihm übernachtet hat. Oder die klägliche Rolle der männlichen Ameisen geht ihm nicht aus dem Kopf. Linus braucht jetzt Ruhe. Alles in allem hat er seine Großeltern trotzdem wie üblich zwei Tage lang ordentlich in Bewegung gehalten. Wenn er dann abreist, ist der Spuk von einer Minute auf die nächste vorbei. Oma und ich genießen zwar einerseits die Ruhe, weil alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen kann. Aber in einem Punkt sind wir uns zu hundert Prozent einig: Kaum ist Linus weg, fehlt uns was.