Papas & Opas

Meine Tochter schminkt sich einen Sonnenbrand

Felix Müller erzählt, warum sich seine Tochter schminkt und was das mit TikTok zu tun hat.

BM Logos / Felix Müller / Kolumne

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Foto: Reto Klar

Ich treibe mich ja privat gern in der Subkultur der Neun- bis Elfjährigen herum und staune immer wieder über die Geschmacksentscheidungen, die dort getroffen werden. Meine Tochter zum Beispiel isst ein Brötchen mit Mozzarella und Tomate nur dann, wenn das Brötchen auch nach dem Belegen vollständig trocken bleibt. Weil Mozzarella und Tomate zu großen Teilen aus Wasser bestehen, müssen sie vorher mit Küchenpapier sorgfältig dehydriert werden, sonst …

– Papa!

– Was denn?

– Das Brötchen ist wieder so eklig durchgesuppt.

– Das kann gar nicht sein, ich habe es doch eben erst ...

– Ich werde das nicht essen.

– Dann eben nicht.

– Ich habe aber Hunger!

Und so weiter. Ein anderer Fall betrifft das Make-up. Meine Tochter schmiert sich jetzt hin und wieder Farben ins Gesicht. Letztens beobachtete ich sie morgens vor dem Spiegel dabei, wie sie sich die Wangenknochen ganz leicht rot schminkte.

– Das sieht aus, als hättest du einen Sonnenbrand.

– Bella Poarch macht das aber auch so.

Bella Poarch - mit süßen Grimassen zu 32 Millionen Likes

Falls Sie jetzt nicht wissen, wer Bella Poarch ist, dann sind Sie wahrscheinlich nicht auf TikTok. Richtig, auf der aus China stammenden Video-App, die eine rasante Erfolgsgeschichte hinter sich hat, weltweit über mehr als 800 Millionen Nutzer verfügt und die US-Präsident Donald Trump nun verbieten will. Es sind bis zu 60 Sekunden lange Videos, in denen Menschen Zaubertricks vorführen, iPhone-Hacks erklären oder, das kommt am häufigsten vor, die Lippen synchron zu einem Song oder etwas anderem bewegen. Wird es langweilig, wischt man einfach weiter.

In dieser Woche ist nun auf TikTok etwas geschehen, das für meine Kinder viel aufregender war als das Verbot durch Donald Trump: Der Rekord für das Video mit den meisten Likes wurde gesprengt. Zuvor hatte ihn ein Nutzer inne, der auf einer Rolltreppe einen lustigen Tanz vorführte, er kam auf 25 Millionen Likes. Seit dieser Woche ist sein Ruhm Geschichte. Denn Bella Poarch, eine 19 Jahre junge, auf Hawaii lebende Frau mit philippinischem Migrationshintergrund, kommt auf schwer vorstellbare 32 Millionen Likes für ein Video, in dem sie zum Song „M to the B“ der Rapperin Millie B ein paar süße Grimassen schneidet, es dauert vielleicht 20 Sekunden. Es ist tatsächlich sehr niedlich, weil Bella Poarch ein gutes Timing hat und hübsch ist. Aber der Hype um dieses Video steht in überhaupt keinem Verhältnis dazu.

Warum Trump TikTok so dringend kontrollieren will

Auf TikTok kursieren inzwischen Hunderte sogenannter Duets, auf denen andere TikToker sich den Bildschirm mit Bella Poarch teilen und zeitgleich genau dasselbe tun, um zu sehen, ob auch sie Erfolg damit haben können. Es gibt mindestens genauso viele Filme, in denen Bella Poarchs Instagram- und Twitterfeeds durchleuchtet und nacherzählt werden. Und leider gibt es auch, wie immer im Netz, viel Hass und Häme, die über sie ausgegossen werden.

Und als ich mir das alles so ansah, wurde mir auch klar, warum der US-Präsident diese Plattform so dringend kontrollieren will. Natürlich hat es auch mit den Daten zu tun, die von den Nutzern nach China übermittelt werden. Aber es geht auch um die Möglichkeit von TikTok, Modewellen loszutreten und Prominenz aus dem Nichts zu erschaffen. Es ist darin allen anderen sozialen Plattformen um Lichtjahre voraus. Bella Poarch hat sich in nur wenigen Monaten auf TikTok ein Gefolge von 23,6 Millionen Menschen aufgebaut – geht das so weiter, ist sie hier in einem Jahr bekannter als Donald Trump auf Twitter.

Bella Poarch hatte übrigens in dem Video, nach dem sich meine Tochter schminkte, wohl wirklich einen Sonnenbrand, er ist auf späteren Filmen verschwunden. Ich wies meine Tochter darauf hin, und sie hörte auf, sich danach zu schminken. Ein bisschen Einfluss als Vater scheint mir doch geblieben zu sein.