Papas & Opas

Die Videoschalte ist für uns alle Neuland

Die Tochter führt dadaistische Gespräche. Der Sohn ist sehr streng. Und der Vater leidet, beobachtet Felix Müller.

Hat eine Tochter  und einen Sohn:  Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Meine Tochter ist neun Jahre alt und besucht die dritte Klasse einer Grundschule in Prenzlauer Berg – beziehungsweise tut sie das wegen der Corona-Vorschriften gerade nicht. Sie hat einen tollen Klassenlehrer, von dem sie nur in den höchsten Tönen redet. Nachdem die schulische Kommunikation wochenlang nur über E-Mails stattfand, stand vor ein paar Tagen die erste Videokonferenz ins Haus. Als die vereinbarte Uhrzeit erreicht war, versuchte sie sich über den Laptop meiner Frau einzuwählen. Auf dem Bildschirm erschien nur Pixelsalat, die Tonspur verkündete Unverständliches aus einer anderen Dimension, in das sich unheimlicherweise immer wieder Kinderstimmen mischten.

Es klappte also nicht. Panisch wurde ein schon lange ausrangiertes iPad aktiviert, was natürlich auch nicht funktionierte, woraufhin das iPad in einer Sofaecke landete. Die Tochter sprintete an meinen Homeoffice-Arbeitsplatz, wo die ersehnte Verbindung nach zwei Minuten endlich zustande kam. In der Videoschalte erschien zuerst mein erleichtertes Gesicht, dann setzte sich meine Tochter vor den Rechner.

Die Gespräche liefen dann ungefähr folgendermaßen ab:

– Hallo? Hallo?

– Hä, Finn, ich höre dich doppelt!

– Können mal alle bitte die Mikros ausschalten?

– Papa, raus aus dem Zimmer, ich habe Konferenz!

– Kann man mich sehen? Ich kann mich nicht sehen! Ich will mich sehen.

– Aber hier ist xrzzzlbrzzsxsssz!

– Ich sehe nur Finn, und ich will das nicht!

Ich habe dann das Zimmer verlassen, glaube aber nicht, dass noch etwas Nennenswertes dabei herausgekommen ist. Mir fiel ein Satz der Bundeskanzlerin ein. „Das Internet ist für uns alle Neuland“, hatte Angela Merkel 2013 gesagt und seinerzeit viel Häme von Menschen eingesteckt, die sich in dieser Frage für kompetenter hielten als sie. Sieben Jahre später scheinen mir gerade die Videokonferenzen ein gutes Beispiel dafür, wie richtig sie mit ihrer Diagnose lag. Verhaltensregeln für Videokonferenzen jedenfalls sind vielen fremd, die wir als Digital Natives bezeichnen würden.

Etwas anders gelagert ist die Sache bei meinem Sohn, der elf Jahre alt ist und das Gymnasium besucht. Wöchentlich steht eine Videoschalte mit seiner Klasse an. In den Stunden vorher werde ich im viertelstündigen Takt daran erinnert, dass er nachher das Wlan ganz allein brauche und ich in dieser Zeit auf keinen Fall ins Netz gehen könne. Auch verlangt er Totenstille in der Wohnung, sobald seine Konferenz beginnt. Einmal wagte ich es, eine Tür zu öffnen, massives Augenrollen war die Folge. Am wichtigsten aber ist: Auf gar keinen Fall darf in der Videoschalte die Existenz eines Elternteils zutage treten! Würde ich zwischendurch mal in die Kamera schauen, er würde tagelang nicht mit mir reden. Das hängt mit einem überentwickelten Gespür für Peinlichkeit zusammen, über das ich hier schon öfter mal geschrieben habe. Mein Sohn und seine Kumpels versuchen in den Videokonferenzen den Eindruck zu vermitteln, sie seien coole Junggesellen, die es locker angehen und sich abends was vom Pizzalieferdienst kommen lassen.

Jedenfalls erfülle ich all diese Wünsche. Ich wundere mich dann aber schon darüber, dass meine Bedürfnisse nicht mit der gleichen Umsicht beachtet werden. Als ich letztens eine lange zuvor angekündigte Videokonferenz mit Entscheidungsträgern meiner Redaktion hatte, entstand im benachbarten Kinderzimmer eine Art Pop-up-Party mit integrierter Kissenschlacht. Ich erhob mich bedächtig und ging kurz hinüber, um dort zornig herumzufuchteln, ging zurück zum Rechner und sagte „Kinder“ in die Kamera. Es dauerte keine drei Minuten, bis neuer Lärm aufkam. Offenbar musste sich meine Tochter nun ganz dringend die Haare föhnen. Da beschloss ich, mir für die nächsten Videoschalten meiner Kinder ein Nebelhorn zu kaufen