Papas & Opas

Wenn mein Sohn mich aus dem Netz wirft

Als Familie lernt man sich in der Krise noch einmal neu kennen – und entdeckt bislang unbekannte Phänomene, beobachtet Felix Müller.

Felix Müller.

Felix Müller.

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Gerade las ich irgendwo, das Jahr 2020 sei unter anderem deshalb ein besonderes Jahr, weil der Februar 29, der März 100 und der April 300 Tage hat. Ich fand das sofort einleuchtend. Die Zeit im Homeoffice stellt irgendetwas Seltsames mit dem Zeitgefühl an. Erst kürzlich grübelten meine Frau und ich herum, wie lange dieser Zustand denn wohl ungefähr schon andauert. Mir fiel dabei auf, dass diese Kolumne inzwischen so eine Art Kalender für mich ist. Sie erscheint alle zwei Wochen, und diese hier ist die dritte, die ich im Homeoffice schreibe. Ich kann also davon ausgehen, dass ich seit ungefähr fünf Wochen von zu Hause aus arbeite. Vielleicht sind es auch sechs. Jedenfalls haben wir, glaube ich, April.

Wenn ich die Nachrichten richtig deute, dann scheint sich inzwischen ein gewisser Optimismus auszubreiten. Die Bundeskanzlerin hat erklärt, die Reproduktionsrate des Coronavirus müsse kleiner sein als eins, und einen gefühlten Wimpernschlag später hieß es aus dem Robert-Koch-Institut, diese Rate liege nun bei 0,7. Mir geht das alles ein bisschen zu schnell. Ich bleibe da lieber skeptisch – und zu Hause.

Aber eine kleine Bilanz unseres neuen Lebenswandels kann ich ja trotzdem schon mal ziehen. Als Familie lernt man sich ja noch einmal vollständig neu kennen, wenn man den ganzen Tag ununterbrochen miteinander zu tun hat. Man entdeckt auch bislang unbekannte Phänomene. Hier ein erster, sicher noch unvollständiger Überblick.

Zorniges Starren

Um einigermaßen stabil in unserem Redaktionssystem arbeiten zu können, brauche ich das heimische Wlan. Und leider brauche ich es exklusiv. Heißt: Sobald mein elfjähriger Sohn ins Netz geht, fliege ich raus. Mein Bildschirm wird dann einfach schwarz. Vormittags, wenn noch ewig Zeit ist bis zum Redaktionsschluss, kann ich das mit einer gewissen Gelassenheit ertragen. Nachmittags fällt mir das schon nicht mehr so leicht. Ich renne dann rüber zu ihm, um ihn zornig anzustarren. Nur leider kann er auch oft gar nichts dafür, das Wlan spinnt einfach öfter mal. Er liegt dann lesend auf dem Bett, ich platze in sein Zimmer und starre zornig ins Leere. Das Wlan ist eine Art launisches Familienmitglied, auf dessen Wohlwollen hier jeder angewiesen ist. Seine Erforschung dauert an.

Wohnungsdekoration

Die neunjährige Tochter hat das Zu-Hause-Sein zuerst dazu genutzt, jeden Tag einen Kuchen zu backen. Inzwischen behängt sie die Wände mit Collagen, auf denen allerlei Wissenswertes über Hunde nachzulesen ist: „Hunde bellen meistens, wenn sie etwas wollen. Zum Beispiel Gassi gehen. Oder sie haben Hunger.“ Ich vermute, das hat mit ihrer Vorfreude auf einen kleinen Hund zu tun, den wir ihr versprachen, nachdem sie monatelang auf dem Thema herumgeritten war. Die Collagen haben sich inzwischen auch in andere Zimmer ausgebreitet. Irgendwann wird es hier so aussehen wie in diesen Polizeifilmen, wenn die Ermittler die Verflechtungen eines Drogenkartells analysieren und deshalb die Wand mit Fotos der Verdächtigen behängen. Nur, dass es bei uns eben kleine niedliche Hunde sind.

Die gewonnene Stunde

Früher habe ich eine ganze Stunde meines Tages investiert, um auf dem Weg ins Büro in überfüllten Verkehrsmitteln die Stadt zu durchqueren. Diese Stunde nutze ich nun je zur Hälfte für einen abendlichen Spaziergang um den Block und zur anderen Hälfte für ein Mittagsschläfchen – sofern mich die aktuelle Nachrichtenlage zur Corona-Pandemie nicht zu unruhig dafür macht. Die Japaner haben ein schönes Wort für das Nickerchen während des Tages, sie nennen es „Inemuri“, was sich wiederum aus den Wörtern für „schlafen“ und „anwesend sein“ zusammensetzt. In Japan ist diese Art des Schlafens gesellschaftlich viel besser akzeptiert als hierzulande, es kann überall beobachtet werden. Wie ich gelesen habe, schläft man dort sogar in Konferenzen. Ich zögere noch, das in der nächsten Videoschalte mit der Redaktion einmal auszuprobieren.