Papas und Opas

Am Computer schmecken Nudeln noch besser

Die Familie lässt sich das gemeinsame Essen nicht vermiesen. Man muss dafür nur ein wenig erfinderisch sein, verrät Dietmar Wenck.

Sportredakteur Dietmar Wenck schreibt über sein Leben als Großvater.

Sportredakteur Dietmar Wenck schreibt über sein Leben als Großvater.

Foto: bm / BM

Moderne Großeltern wie wir gehen ein bisschen lässiger mit den aktuellen Kontaktbeschränkungen um, die für viele so schmerzhaft sind. Corona hin oder her – Oma und ich lassen uns nicht so einfach davon abbringen, uns auch in diesen Tagen mit den Liebsten zum Mittagsmahl zu verabreden. Alles wie immer: Wer Zeit hat, ist herzlich willkommen.

Die kleine Familie in Cottbus mit Enkelkind Linus hat schon zugesagt, unsere Tochter Lisa macht mit, ihr Zwillingsbruder Bosse ebenfalls. Sogar Omas Schwester Sylvia aus Lüneburg hat angekündigt, kurz vorbeizuschauen. Mein Essensvorschlag lautet: Es gibt Nudeln mit Steinpilzsoße, aus den Beständen des vergangenen Oktobers. Also die Pilze, die Nudeln sind noch frisch, erst kürzlich aus dem Supermarkt-Regal gerissen. Keine Einwände gegen meine Idee.

Punkt 15 Uhr sind alle Gäste anwesend. Natürlich nur via World Wide Web, ohne Anfassen und Anatmen. Es hat doch hoffentlich niemand etwas anderes erwartet! Wir würden ja niemals Verbotenes tun und uns physisch real treffen. Oder heißt es real physisch? Egal – Hashtag Stay at home, wir bleiben daheim. Man muss eben nur ein bisschen kreativer sein.

„Mahlzeit“, sage ich in die Kamera

Zoom heißt das Zauberwort beziehungsweise das Zaubermedium. Bestimmt gibt es noch viel mehr solcher Apps, aber Zoom kennt Opa nun mal vom Homeoffice. Die meisten anderen aus der Familie kennen es irritierenderweise auch schon. Ich lerne: Konferenzen werden heute oft so geführt.

„Mahlzeit“, sage ich. Auf unserem Computerbildschirm lachen alle fröhlich, winken wild herum und fangen dann endlich an zu essen. Vor dieser virtuellen Zusammenkunft wurde die Entscheidung Galerieansicht getroffen, nicht Sprecheransicht. Das bedeutet, alle sind bei unserer Runde gleichgroß zu sehen, nicht nur derjenige, der am meisten und lautesten dummes Zeug erzählt. Ich habe den leisen Verdacht, das war gegen mich gerichtet.

Linus hat ein leicht gerötetes Kinn, ich frage ihn, wie das geht mit Pilzsoße. Er kann nicht antworten, weil er momentan den Mund voll hat. Mein Enkel isst Tomatensoße, klärt mich seine Mutter auf; Pilze sind bei Linus gerade nicht so angesagt, wegen der weichen Konsistenz beim Draufbeißen und so. Macht nichts, Hauptsache, der Junge geht im Herbst wieder mit mir sammeln. Bosse hat sich für Pizza Salami entschieden, sein Leibgericht. Macht wenig Arbeit beim Aufwärmen, noch weniger, wenn man sie sich bringen lässt. Sylvia wollte eigentlich nur zuhören, doch beim Zuschauen hat sie doch Appetit bekommen und schmiert sich rasch ein Brötchen. Linus ist schon beim zweiten Teller angelangt.

Es ist wie sonst - naja, fast

Ihm schmeckt’s, und er sagt, er findet diese neumodische Art gut, gemeinsam zu essen. Man sieht ihn etwas schlecht hinter dem Topf mit der Soße. Alle erzählen, was sie so erlebt haben in den vergangenen Wochen und was sie vorhaben an den nächsten Tagen. Was sie bewegt, wie sie die Krise erleben. Es ist fast wie sonst, wenn wir zusammen sind. Eine junge Kollegin hatte mir von dieser Kommunikations-Methode berichtet und wie viel Spaß sie macht. Es stimmt. Linus fragt: „Kann ich noch Nudeln?“

Ich glaube, ich habe ihn noch nie so viel essen sehen wie heute. Typisch – Kinder lieben nun einmal Computerspiele. Ein klein wenig kann ich ihn ärgern, als ich ihm zeige, was seine Tante Lisa als Nachtisch bekommt: ein Kaktuseis. Das mag er so gern. „Das gibt’s wohl nicht in Cottbus, hä?“, frage ich. Aber sein Papa springt ihm sofort zur Seite und präsentiert leckeres Mangoeis. Nach fast zwei Stunden sagen wir „Tschüüüs“.

An diesem Ostersonntag sind wir wieder verabredet. Erstmals seit Jahren werden wir nicht gemeinsam Süßigkeiten suchen. Das ist hart, aber es gibt härtere Schicksale, und wir sind schon sehr gespannt, wer die Ostereier am schönsten angemalt hat. Erfahrungsgemäß wird es einen packenden Dreikampf zwischen Linus, seiner Mama und seiner Oma geben. Alles wie immer. Fast.