Papas & Opas

Was Oma kann, muss Opa auch können

Durch Omas und Opas kommt ein bisschen Abwechslung in den Kinder-Laden. Mittagskind zu sein, ist einfach super.

Dietmar Wenck schreibt über sein Opa-Dasein.

Dietmar Wenck schreibt über sein Opa-Dasein.

Foto: bm / BM

„Opa, wann holst du mich mal von der Kita ab?“ Versprochen habe ich es Linus schon öfter. Das klang dann ungefähr so: „Bald, wir müssen nur einen Termin finden“, oder „mache ich gern, sobald ich Zeit habe!“ Die Kleinen finden es toll, wenn sie den anderen ihre Großeltern zeigen können. Mama und Papa kennen ja schon alle. Durch Omas und Opas kommt ein bisschen Abwechslung in den Kinder-Laden. Kinder sind auch nur Menschen. Kinder sind auch neugierig.

Bloß kommen bei mir häufig extrem wichtige Ereignisse dazwischen, die sich ganz schwer verschieben lassen: Frühdienst, Mitteldienst und Spätdienst zum Beispiel. Oder ich muss erst das Altglas wegbringen. Im Keller tropft ein Wasserhahn. Der Sommerflieder sollte beschnitten werden. Ab und zu muss ich eine Kolumne schreiben. Außerdem ist Cottbus aus Reinickendorf nicht gerade mit dem Fahrrad zu erreichen.

Ausreden enttarnt mein Enkel eiskalt

Lauter triftige Gründe, warum es bisher nie geklappt hat. „Oma war neulich da“, sagt mein Enkel trocken. Der Junge beherrscht leider die Kunst, faule Ausreden eiskalt zu enttarnen. Zumal ich ja gar nicht so selten an Wochentagen frei habe – wenn in der Kita Vollbetrieb ist. Und stattdessen am Wochenende arbeite – wenn die Kita geschlossen hat. Bei meiner Frau ist das genau andersherum, trotzdem konnte sie es einrichten. Seitdem war klar: Ich muss das ändern, schnell, sofort.

Gerade so vor der Corona-Krise haben wir es tatsächlich geschafft. Im Sommer kommt Linus in die Schule. Dann brauche ich mich in der Kita nicht mehr blicken zu lassen. Bei einem Besuch in Berlin frage ich ihn also: „Was hältst du davon, wenn ich dich Mittwoch abhole?“ Mein Enkel ist erst erstaunt und bespricht sich dann mit seiner Mama. Die ist einverstanden. Zwölf Uhr dreißig bitte, danach kann ich ihn gleich noch zur Logopädin bringen. Sie feilt gerade am „k“ von Linus herum. Geht in Ordnung. Am Abend ruft Linus mich sicherheitshalber aus Cottbus an und hat eine Nachfrage wegen Mittwoch: „Hast du eigentlich einen Plan, Opa?“

Aus Sorge vor einem Stau fahre ich extra früh los

Er darf mir solche Fragen stellen, zumal ich weiß, was er meint. Wir haben den ganzen Nachmittag für uns. In der Tat habe ich mir was überlegt: „Wie findest du das Schwimmbad mit den Pinguinen?“ In Lübbenau ist das, die putzigen Tiere leben dort hinter Glas direkt am Beckenrand. Wir waren schon einmal alle gemeinsam da, und ich weiß noch, wie glücklich Linus war. „Gut, Opa!“, sagt er und gibt das Telefon schnell an seinen Papa weiter. „Linus freut sich“, sagt der. Ist mir nicht entgangen.

Vor Sorge, in einen Stau zu geraten, bin ich früh losgefahren und sehr rechtzeitig in der Kita. Aus dem Spielzimmer höre ich, wie die Erzieherin Nancy den Kindern aus einem Buch mit Tieren vorliest, von Australien und – Überraschung – von der Arktis. Wer lebt dort? „Pinguine“, ruft jemand. Könnte Linus gewesen sein, ich bin mir nicht sicher. Aber ganz sicher hat er berichtet, was wir vorhaben. Und dass er heute ein Mittagskind ist, weil er abgeholt wird. Wer nicht abgeholt wird, muss jetzt nämlich eine Stunde ruhen oder schlafen und ist ein Ruhekind.

Gut, dass ich nicht noch länger gewartet habe

Die Gruppe kommt aus dem Zimmer, Linus stürmt in meine Arme. Die anderen Kinder machen auf mich auch nicht unbedingt den Eindruck, als wären sie sehr ruhebedürftig. Egal, Nancy sagt: „Ich bin ja so gespannt, was du uns morgen von den Pinguinen erzählen wirst, Linus!“

Sagen wir mal so: Viel kann es nicht gewesen sein, denn die Pinguine interessieren ihn weit weniger als die Rutschen, die wir immer wieder runtersausen, die wilden Wellen und die strudelnde Strömung. Erst als ich drängle: „Wir müssen los, deine Eltern warten!“, sagt Linus scheinbar erschrocken: „Aber Opa, wir haben uns die Pinguine ja noch gar nicht angeguckt.“ Der kleine Zeitschinder. Also bilden die Pinguine den Abschluss. Und wir können heilfroh sein, dass Opa nicht noch länger gewartet hat. Eine Wiederholung wird es wegen Corona so schnell wohl nicht geben.

Mehr Kolumnen von Dietmar Wenck:

Fünf Wochen Trennung sind zu lang

Wenn man als Opa den Enkel-Blues hat

Der Hasendieb von Heiligensee