Papas & Opas

Bitte werden Sie jetzt doch nicht panisch!

In der Coronakrise wird deutlich, warum man darauf aufpassen muss, was Kinder in sozialen Netzwerken treiben, beobachtet Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn:  Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller.

Foto: Reto Klar

Berlin. In dieser Woche war im Zusammenhang mit dem Coronavirus viel von Panik zu lesen. Vor allen Dingen wurde oft vor ihr gewarnt. Unter anderem warnten Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), ein Würzburger Tropenmediziner, die Helios-Kliniken, die Vizechefin der Ärztekammer, US-Präsident Donald Trump und der Kreis Altenkirchen im Westerwald vor einer Coronavirus-Panik.

Ich finde das in Ordnung, habe dazu aber eine Frage: In welcher Lebenssituation war oder ist Panik jemals eine angemessene Reaktion auf welche Krise auch immer? Der panische Zustand wird von Psychiatern als intensive Stressreaktion des Organismus auf eine unerwartete Lage beschrieben. Das Wort „Panik“ leitet sich vom griechischen Hirtengott Pan ab, von dem es heißt, er habe seine Schafe durch plötzliches Geschrei aufschrecken und zur kopflosen Flucht bewegen können. Vor Panik zu warnen heißt also, von einem Zustand abzuraten, in den ohnehin niemand geraten will. Zugleich aber, und hier wird es vertrackt, hat der Satz „Ich warne vor Panik“ wie jeder andere Satz auch mehrere inhaltliche Ebenen – als Redehandlung sagt er nämlich auch, dass offensichtlich ein Grund zur Panik vorliegt. Er untergräbt damit die Absichten des Sprechers. Es ist so ähnlich wie mit dem Satz „Teile meiner Antwort könnten sie verunsichern“, den der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im November 2015 auf die Frage nach einer möglichen terroristischen Bedrohungslage in Deutschland äußerte. Nicht zufällig ist die Parole „Don’t panic“ in Douglas Adams’ apokalyptischem Satireroman „Per Anhalter durch die Galaxis“ ein gelungener, vieldeutiger Running Gag.

Am wenigsten panisch erschienen mir diese Woche übrigens meine Kinder. Am Freitagmorgen beim Frühstück, als ich schon über diese Kolumne nachdachte, sprach ich kurz mit meiner neunjährigen Tochter. Sie sagte, sie würden in der Schule so gut wie gar nicht über das Coronavirus reden. Es gebe den Hinweis, sich gut die Hände zu waschen, das schon. Aber sonst sei alles normal.

Ich fand das beruhigend. Und zugleich fasste ich einen Vorsatz: Die Teilnahme an den sozialen Netzwerken der digitalen Sphäre wird meinen Kindern, wenn überhaupt, in den nächsten Jahren nur unter strengen Auflagen erlaubt sein. Die Schattenseiten der globalen Sozialvernetzung sind in meiner Wahrnehmung noch nie so gut sichtbar geworden wie angesichts der globalen Corona-Epidemie. Wer Antworten auf die simpelsten Fragen sucht, steht schnell vor einem Rätsel. Wie gefährlich ist das Virus wirklich? Na ja, sagen die sozialen Netzwerke, in Deutschland werden sich vielleicht so 60-70 Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus anstecken, Zeitraum unbekannt. Vielleicht sterben 250.000 Menschen in den nächsten paar Jahren daran, vielleicht nicht. Ich sah das Video eines Motivationstrainers, der sich auf Grundlage keiner erkennbaren Expertise alle möglichen Menschen als Panikmacher schmähte – und dann ein paar Ernährungstipps verkündete. Wird es Versorgungsengpässe geben? Oh ja, sagen die sozialen Netzwerke und zeigen mir ein leergeräumtes Toilettenpapierregal bei Rewe in Prenzlauer Berg. Aber nein, sagen die sozialen Netzwerke und zeigen mir ein sieben Meter volles Nudelregal in Tempelhof. Hier liegt ein gewichtiges Problem: Was jeder aus seiner begrenzten Perspektive im Supermarkt erlebt, taugt nicht als Generalaussage über die Wirklichkeit, auch wenn es noch so überzeugend scheint. Man nennt es das Problem der anekdotischen Evidenz. Die massive Anhäufung anekdotischer Evidenzen erzeugt aber irgendwann eine eigene Wirklichkeit. So erfindet das Netz den Hamsterkauf auf ähnlich dialektische Weise, wie die Warnung vor Panik erst der Grund zur Panik sein kann.

Ich habe mich deshalb darauf verlegt, nur noch die aktuelle Risikobewertung des Robert-Koch-Instituts als Informationsquelle zu nutzen. Sie macht nicht gerade gute Laune. Aber das Wort „Panik“ ist in ihr nicht zu finden.