Papas&Opas

Fünf Wochen Trennung sind zu lang

Mit „Oh, wie schön ist Panama“ und einem riesigen Gemälde in allen Farben wird das Wiedersehen allerdings umso schöner.

Dietmar Wenck mit Enkel Linus.

Dietmar Wenck mit Enkel Linus.

Foto: bm / BM

Etwas ist anders, als die S-Bahn am späten Freitagnachmittag in Schulzendorf einrollt und Linus wie immer förmlich aus dem hintersten Wagen herausstürzt. Zuerst sieht er uns gar nicht, dann rennt er wie ein Wirbelwind in unsere Arme. So kräftig hat er uns ewig nicht gedrückt. Wir ihn vermutlich auch nicht. Fünf Wochen sind eben eine ziemlich lange Zeit der Trennung und sehr ungewohnt für uns. Umso schöner ist es jetzt.

Nach dem Abendessen frage ich Linus, ob ich ihm mal wieder „Oh, wie schön ist Panama“ vorlesen soll. So wie früher. Dieses Buch von Janosch zählt eigentlich nicht mehr so zu seinen Favoriten, es ist ja eher was für kleine Kinder. Zu meinem Erstaunen ist er diesmal tatsächlich einverstanden, hört ganz still zu und sagt hinterher: „Das war schön, Opa!“ So geht es das ganze Wochenende weiter. Wir haben das Gefühl, er möchte nach der wochenlangen Pause alles auffrischen, was er bei uns so mag.

Fast den ganzen Sonnabend malt er mit seiner Großmutter. Kleine Kunstwerke, mittelgroße und ein sehr großes, 180 mal 30 Zentimeter. Oma holt alle Tuben und die großen Pinsel aus dem Schrank, Linus zieht ein altes T-Shirt über. Er malt breite Streifen in allen Farben quer auf eine dünne Holzplatte; am Ende sind wir richtig baff, wie schön das große Gemälde des kleinen Jungen geworden ist. Er ist stolz wie Bolle, aber bestimmt nicht so stolz wie Oma und Opa. Wir überlegen uns vor dem Einschlafen schon Wände in unserem Haus, wo man es gut aufhängen könnte, da kommt vom Linus-Management, also von seinen Eltern, die freundliche Aufforderung, es doch beim nächsten Besuch bitte nach Cottbus mitzubringen. Na gut. Zum Glück haben wir bereits eine Menge anderer Originale gebunkert.

Den Sonntag habe ich mir frei genommen. Und einen Plan. Der Sturm hatte unser Vogelfutterhäuschen zerschlagen. Linus’ Kommentar: „Wie schade, da haben die Vögel ja gar nichts mehr zu fressen.“ Ich verkneife mir den Einspruch, dass in Heiligensee in Tausenden von Gärten Tausende solcher Versorgungsstationen für keinesfalls notleidende Vögel stehen. Und Winter war sowieso früher. Ein neues Häuschen habe ich trotzdem gekauft. Wir schauen den Vögeln doch so gern zu und hatten verabredet, es gemeinsam zusammenzubauen. Werkzeug habe ich schon aus dem Keller geholt. „Gibst du mir mal den großen Schraubenzieher, Linus?“

Seine Antwort: „Du meinst wohl kleiner Tiger!“ Mein Enkel hat beschlossen, den Tag im Stile von „Oh, wie schön ist Panama“ fortzuführen. Da sind der kleine Bär und der kleine Tiger die Hauptdarsteller. Falls Absicht dahintersteckt, ist die Wahl von Linus nicht unclever. Opa ist der kleine Bär, und der macht quasi die ganze Arbeit, während sein gestreifter Freund ihn vorzugsweise aus seinem Schaukelstuhl heraus beobachtet. Also mache ich mich ans Werk, lasse meinen Enkel allerdings fleißig mitschrauben, bis er nach ein paar Umdrehungen sagt: „Puh, das ist anstrengend. Mach mal weiter, kleiner Bär.“ Nicht lange, und wir sind gemeinsam fertig.

Bevor wir das Häuschen draußen aufstellen, brauchen wir eine Stärkung. „Kommst du mit in den Keller, kleiner Tiger? Dort gibt es ein geheimes Geheimnis.“ Linus grinst, denn so haben wir das immer schon gemacht. Wir stellen zwei Klappstühle auf und schauen dann in den Gefrierschrank, was so drin ist für uns. Für ihn ein Kaktus-, für mich ein Sandwich-Eis. „Schmeckt’s, kleiner Tiger?“, frage ich. Überflüssige Frage eigentlich. Aber mein Enkel antwortet: „Wir sind jetzt nicht mehr kleiner Bär und kleiner Tiger.“

Es geht nämlich schon bald zurück nach Cottbus. Linus möchte noch bleiben. Aber wir versprechen uns, dass wir uns diesmal schneller wiedersehen. „Was hältst du davon, wenn ich dich bald mal von deiner Kita abhole?“, frage ich. Sein Strahlen sagt mehr als viele Worte. Ich glaube, er hat uns wirklich genauso vermisst wie wir ihn. Wie schön!