Papas & Opas

Die Angst des Schülers vor dem Hanfbällchen

Boykottiertes Schulessen und explodierte Haferflockenpackungen: ein paar Notizen zu den Essgewohnheiten meiner Kinder.

Felix Müller

Felix Müller

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Den Medien entnehme ich, dass sich die Berliner Landesregierung stark um das Schulessen bemüht. Meine für Bildungsfragen zuständige Kollegin hat mir einen umfangreichen Katalog der Senatsbildungsverwaltung gezeigt, in dem alle möglichen Regeln für die Verköstigung in Bildungsanstalten stehen. Keine Innereien, keine hochverarbeiteten Zutaten, keine Gentechnik und so weiter. Ich finde das alles insgesamt ganz sympathisch und verstehe auch den Nutzen des Gratis-Schulessens für alle. Ich hätte nur eine Bemerkung: Mein elfjähriger Sohn will gar nicht essen, was ihm in der Schule aufgetischt wird.

Das liegt zum einen daran, dass seine sechste Klasse immer schon um halb zwölf durch die Schulmensa geschleust wird. Die Schule muss das so einteilen, weil natürlich nicht alle Kinder gleichzeitig essen können. Das wiederum hat aber den Nachteil, dass manche Schüler um halb zwölf noch gar keinen Hunger verspüren, zum Beispiel mein Sohn. Und das Angebot scheint auch nicht gerade darauf angelegt zu sein, diesen Hunger zu wecken. Jedenfalls seinen Berichten zufolge.

– Was stand denn heute auf dem Speiseplan?

– Oh Gott, so Hanfbällchen.

– Hanf? Macht man da nicht normalerweise Kleidung draus?

– Ja. Oder Drogen.

– Woher weißt Du das denn jetzt schon wieder?

– Ich will jetzt nicht mehr über diese Hanfbällchen reden, Papa.

Ich hätte das Hanfbällchen gern besser in Schutz genommen, aber ich wusste zu wenig darüber. Außerdem ist mir klar, dass Kinder in Essensfragen vollständig ignorant und unbelehrbar sind. Offen sein für Neues? Auf gar keinen Fall. Ich muss zugeben, dass ich bis ins Erwachsenenalter eigentlich kein Gemüse gegessen habe, mit Ausnahme roher Karotten. Inzwischen esse ich rohe Karotten nur noch in Ausnahmefällen, dafür aber so gut wie jedes Gemüse, abgesehen von Okra-Schoten, deren schleimige Glitschigkeit ich grauenhaft finde.

Warum sollte ich also von meinen Kindern mehr Experimentierfreude erwarten? Mein Sohn hat das Ernährungsproblem jetzt auf seine eigene Weise gelöst. Irgendjemand, ich verdächtige meine Frau, hat ihm ein Thermosgefäß für daheim gekochtes Essen gekauft. Damit serviert er sich jetzt in der Schule seine eigenen Menüs, offenbar machen es auch viele seiner Mitschüler so. Das führt daheim zu einigen kuriosen Änderungen der täglichen Essensroutine. Letztens gab es zum Beispiel eine ziemlich gute Tomatensuppe, um die dann Streit ausbrach, weil der Herr Sohn sich noch etwas für den nächsten Tag sichern wollte, ich aber noch hungrig war. Mein Hinweis, dass ich den Abendbrottisch ungern ungesättigt verlasse, hat nun dazu geführt, dass bei uns nun manchmal schon zur Frühstückszeit gekocht wird, die Mensa sind jetzt wir.

Meine neunjährige Tochter hat unterdessen ihre eigene Privatgaststätte eröffnet, wir nennen sie familienintern die „Fressecke“. Das ist so ein kleiner Winkel im Wohnzimmer, wo sie sich außerhalb der Mahlzeiten gern mal ein Müsli reinschaufelt oder alle möglichen Obstsorten zerkleinert. Gestern erst sah es dort so aus, als wäre eine Haferflockenpackung explodiert. Ich habe ihr schon mehrfach angedroht, die Fressecke auszuräuchern, in die Luft zu sprengen und anschließend zuzubetonieren, aber sie pflegt solche väterlichen Ansagen einfach zu ignorieren.

Ich bekomme übrigens hin und wieder Zuschriften wegen dieser Kolumne, vorrangig von besorgten Frauen. Sie schreiben, ich würde mir von meinen Kindern unnötig auf der Nase herumtanzen lassen und empfehlen ein härteres Erziehungsmodell. Eine Leserin fand gar „einfach nur traurig“, wie es bei mir so zugehe. Verblüffend, denn ich finde es meistens ziemlich lustig. Wie herrlich unterschiedlich die Menschen doch diese Welt wahrnehmen können! Manche von ihnen, sagt man, mögen sogar Okra-Schoten.