Papas&Opas

Wenn man als Opa den Enkel-Blues hat

Mein Enkel und ich haben uns schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. In der Not müssen Fotokalender und das Internet helfen

Dietmar Wenck mit Enkel Linus.

Dietmar Wenck mit Enkel Linus.

Foto: bm / BM

Es ist schon wieder eine ziemliche Weile her, dass Linus und ich uns gesehen haben. Mitte Januar war das, an seinem sechsten Geburtstag. Danach haben wir uns alle ein bisschen mit Erkältungskrankheiten rumgequält. Da besucht man sich natürlich nicht so gern, schon wegen der Ansteckungsgefahr.

Obwohl unsere Familie zum Glück bisher vom Coronavirus verschont geblieben ist: Man kann gar nicht vorsichtig genug sein. Als ich trotzdem in meiner Sehnsucht anrief in Cottbus, um meinen Enkel wenigstens mal kurz zu sprechen, schlief er – am helllichten Tag. Ich hörte nur sein erschöpftes, leises Husten aus dem Hintergrund. Wie traurig!

Wenn man den Enkel-Blues hat: Bilder anschauen hilft

Wenn mich mein Linus-Blues wie an solchen Tagen so richtig erwischt hat, schaue ich mir in meiner Herzensnot manchmal Bilder von uns an, zum Beispiel von unserer Steinpilz-Ausbeute im vergangenen Oktober. Die war gigantisch. Oder von seiner Halloween-Verkleidungs-Aktion.

Oder ich schnappe mir den Kalender, den seine Eltern uns immer zu Weihnachten schenken mit den schönsten Fotos des Jahres. Dann geht’s gleich aufwärts mit der Stimmung. Ein wirklich gut und schnell wirkendes Hausmittelchen ist das, auch wenn es nicht von Großmutter ist, sondern von Großvater. Hilft selbst das nicht, bleibt als letzte Hoffnung das Internet.

Da findet man unter anderem allerhand lustige Sprüche, die leider nicht immer besonders lustig sind. Außer dieser hier, der geht gerade noch durch: „Oma sagt: Oh Schreck, waren Einbrecher im Haus? Opa antwortet: Nein, nein, nur die Enkelkinder.“

Im Falle von unserem Linus trifft dieses Chaos-Klischee allerdings nicht zu. Erstens ist das schließlich unser Linus. Zweitens räumen seine Eltern völlig unaufgefordert sehr schön für ihn auf, sobald begehbare Flächen im Wohnzimmer unserer bescheidenen Meinung nach etwas zu selten geworden sind. Obwohl: Irgendwas Kleines übersehen sie immer. Aber jetzt bin ich schon ewig nicht mehr auf eines dieser spitzen Teile getreten, und wenn ich ehrlich bin: Mir fehlt was!

Der Enkel macht Momente perfekt

Nicht nur das einschneidende Gefühl an der Fußsohle, versteht sich. „Mein Leben ist nicht immer perfekt“, hat jemand seine Gefühle dem weltweiten Web mitgeteilt, „aber es gibt Menschen, die manche Momente perfekt machen. Mein Enkel zum Beispiel.“ Ich weiß genau, was er oder sie meint. Auch sehr rührend: „Enkelkinder sind wie eine warme Decke an einem kalten Tag. Wenn du sie festhältst, spürst du eine liebevolle Wärme in dir.“ Wohl wahr, gerade an windigen Tagen, wie wir sie zuletzt so häufig hatten. Eine Oma wird sogar so zitiert: „Wenn ich gewusst hätte, wie schön es ist, Enkelkinder zu haben, hätte ich die zuerst bekommen.“ Autsch, liebe Kinder!

Ganz so emotional betroffen muss man ja vielleicht nicht gleich mit dem Thema Kinder und Kindeskinder umgehen. Sind doch alles Schätze. Ich kann eher diesem Netz-Eintrag hier aus vollem Herzen zustimmen: „Egal, wie alt du bist, wenn dich ein Kind mit einem Spielzeugtelefon anruft, gehst du ran und telefonierst.“ Ist so! Und noch mehr kann ich hiermit anfangen: „Großeltern sind da, um Kindern zu helfen, Unfug zu machen, auf den sie allein nicht gekommen wären.“ Willkommen in Opas Welt. Ich habe das Gefühl, ich bin bereit.

Es wird höchste Zeit, dass sich was dreht. Vor ein paar Tagen erst habe ich Linus eine Sprachnachricht geschickt, in der ich ihm mitteilte, dass unser gemeinsam gebautes Vogelhäuschen vom Sturm zerlegt worden ist – als hätte ich ihm das nicht auch ein andermal sagen können. Ich habe sogar schon Bilder von mir in die WhatsApp-Familiengruppe gestellt, wie ich mich langweile. Kläglicher kann ich nicht. Von einem Spontantrip nach Cottbus habe ich wegen des Sturms trotzdem abgesehen. Denn es besteht auch so Hoffnung: Nächstes Wochenende, wurde uns verkündet, will Linus uns mal wieder besuchen kommen. Fotos zurück in die Schublade, endlich!