Kolumne „Papas&Opas“

Der Hasendieb von Heiligensee

Im Kaninchenstall unserer Nachbarn passieren merkwürdige Dinge, die vielleicht mit dem Appetit einer Schlange zusammenhängen.

Foto: pa/Montage BM

Linus hat natürlich längst mitbekommen, dass sein Opa gern mal Quatsch redet. Vorbei die Zeiten, als ich ihm so schön leicht einen vom Pferd erzählen konnte. Und er mich erstaunt ansah, bis er an meinem Grinsen erkannte, dass ich ihn nur wieder ärgern wollte. Inzwischen rechnet mein Enkel mit sowas und fragt kühl in Käpt’n-Blaubär-Manier: „Wahr oder gelogen?“, wenn er mich beim Seemannsgarn erwischt.

Meist gestehe ich dann leise „gelogen“, und der Sechsjährige sagt: „Ach, Opa!“ Die jetzt folgende Geschichte aus Heiligensee, wo sich in den Augen mancher Berliner Innenstadtbewohner Fuchs und Hase gute Nacht sagen, scheint in diese Kategorie zu gehören. Und doch ist sie wahr.

Kaninchen „Mausi“ ist weg

Irgendwann im November kam Linus aufgeregt von unseren Nachbarn herübergerannt und rief: „Mausi ist weg!“ Mausi war eines der Kaninchen seiner Freundin Sophia. Das andere heißt Teddy. Noch bevor ich zaghaft „wahr oder gelogen?“ fragen konnte, fügte Sophia hinzu: „Weg, seit heute Morgen. Wir können uns das nicht erklären.“

Naja, dachte ich mir, vielleicht wollte Mausi im Morgengrauen ihre Karotten mal Karotten sein lassen und etwas Wildes tun. Vielleicht hat sie in bester Kaninchenmanier buddelnd das Weite gesucht. Dagegen sprach, dass kein Tunnel in die Freiheit gefunden wurde.

Als ich kurz darauf Zettel entdeckte, auf denen unsere Nachbarn um Hilfe bei der Suche nach ihrem Hasen baten, dachte ich mir: Derjenige, dem Mausi vermutlich kurz nach ihrer Flucht begegnet ist, kann nicht lesen und käme auch sonst nie auf den Gedanken, etwas von seiner Beute zurückzubringen. Egal, die Eltern von Sophia haben sehr lieb auf die Trauer ihrer Tochter reagiert und für sie und Teddy drei weitere Kaninchen angeschafft, eine Mutter mit ihren beiden Babys.

Nach „Mausi“ ist auch „Teddy“ verschwunden

Das hörte sich nach einem Happy End an. Doch wenige Tage vor Weihnachten kamen die Kinder wieder angerannt, sogar noch aufgeregter. „Jetzt ist auch Teddy verschwunden“, sagte Sophia. Diesmal waren sich unsere Nachbarn ganz sicher: Er ist nicht abgehauen, zum Beispiel, um Mausi zu suchen. Er wurde gestohlen. Eine fremde Fußspur in der Nähe des Stalls erhärtete den Verdacht. Aber wer klettert nachts über Zäune, um einen Hasen zu klauen und wieso? Advents-Appetit? Kuschel-Bedarf? Fragen über Fragen und eine traurige Sophia.

Nur ein paar weitere Tage später die nächste, komplett irritierende Nachricht aus dem Stall des Schreckens: Eines der kleinen Kaninchen ist weg. Dafür ist Teddy wieder da, sitzt morgens im verschlossenen Käfig und mümmelt vor sich hin. Etwas abgemagert sieht er aus, doch immerhin lebt er.

Anfangs konnte sich darauf niemand einen Reim machen. Bis sich herausstellte, dass es einen fast identischen Vorfall am anderen Ende von Heiligensee auch schon gegeben hatte. Dort hielt ebenfalls jemand Kaninchen im Stall. Erst war das eine Tierchen weg, einige Wochen darauf das nächste. Die Austauschaktion folgte kurz darauf.

Serien-Kidnapping mitten in Heiligensee. Damit nicht genug. Inzwischen gibt es einen Verdacht und eine gruselige Erklärung für alles – die Schlangen-Theorie. Unsere Nachbarn sind davon überzeugt. Gut drei Wochen braucht so ein Tier, um eine Beute zu verschlingen, zu verdauen und neuen Hunger zu entwickeln.

Zu groß (Teddy? Deshalb der Tausch?) darf die Nahrung nicht sein, sonst wird sie abgelehnt. Sie merken schon: Das hört sich alles gar nicht gut an für Mausi und das kleine Kaninchen. Hatte sich da ein Fiesling, der eine Schlange als Haustier hält, verbrecherisch bedient in Nachbars Garten?

Wir wünschen dem Hasendieb dolle Zahnschmerzen

Linus hat die Gespräche darüber wohl mitbekommen, nur nach meinem Gefühl nicht ganz verstanden, was sie in der Konsequenz bedeuten. Doch dass Sophia sehr traurig ist, das schon. Deshalb wünschen wir dem Hasendieb jetzt richtig dolle Zahnschmerzen, einen ewigen Platten hinten am Fahrrad und dass seine Schlange ihn einmal wöchentlich in seinen Hintern beißt. „Wahr!“