Papas & Opas

Ein kleines Lob für das Auswendiglernen

Zu seiner Schulzeit hieß es, man dürfe Kinder auf keinen Fall Gedichte pauken lassen. Das ist ziemlich großer Unsinn, sagt Felix Müller

Felix Müller

Felix Müller

Foto: pa/Reto Klar

Am Montagmorgen saß ich mit meiner neunjährigen Tochter beim Frühstück. Ich dachte gerade schlecht gelaunt darüber nach, wann es morgens endlich wieder früher hell wird, als sie von ihrer Müslischale aufsah.

- Papa?

- Ja, mein Schatz?

- Ein weißes Feld, ein stilles Feld/

Aus veilchenblauer Wolkenwand/

hob hinten, fern am Horizont/

sich sacht des Mondes roter Rand.

- Öhm.

- Ein Gedicht. Von Gustav Falke. Wir müssen das auswendig lernen. Für die Schule.

- Ah. Wie geht es weiter?

- Und hob sich ganz heraus und stand/bald eine runde Scheibe da/

In düstrer Glut. Und durch das Feld/klang einer Krähe heisres Krah.

Ich wusste nichts über Gustav Falke, außer dass er einer dieser Dichter ist, deren Namen einem irgendwann im Leben mal über den Weg gelaufen sind, von denen man aber noch nie etwas gelesen hat. Aber mir gefiel sein Gedicht, vor allem empfand ich Sympathie für der Krähe heisres Krah.

Mir fielen Diskussionen aus meiner Schulzeit ein. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass ich 1981 eingeschult wurde 1985 aufs Gymnasium kam. Dort gab es unter meinen Lehrern viele überzeugte Angehörige der 68er-Generation. Man erkannte sie zum Beispiel daran, dass sie ihren Schülern, sobald sie 18 Jahre alt geworden waren, das Du anboten, anstatt sie zu siezen. Ich fand das kurios, weil sich das Machtgefälle zwischen Lehrer und Schüler nicht mit fadenscheiniger Kumpelei aus der Welt duzen lässt. Überhaupt hatten es meine 68er-Lehrer mit den Personalpronomen: Mein Deutschlehrer sagte einmal, es sei hochproblematisch, dass man „mein Sohn“ oder „meine Tochter“ sage, denn schließlich würden einem diese Menschen nicht gehören, man solle deshalb besser nur den Vornamen benutzen. Ich ging nach Hause und erzählte meiner Mutter davon, die sich darüber kaputtlachte. Recht hatte sie.

Jedenfalls galt das Auswendiglernen von Gedichten in meiner Schulzeit als Teufelszeug. Man dürfe die Kinder nicht zu stumpfen Lernrobotern erziehen, hieß es. Diese Art des Wissenserwerbs wurde gern als „Paukerei“ diskreditiert. Der Pauker war ein pädagogisches Schreckgespenst aus dem 19. Jahrhundert, damit wollte man als fortschrittlich-liberaler 68er-Lehrer überhaupt nichts zu tun haben.

Ich mochte meine Schulzeit, sie war insgesamt entspannt und auch ganz lehrreich. Und doch glaube ich heute, dass in manchen Fällen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Ich kann nicht erkennen, was am Auswendiglernen von Gedichten in irgendeiner Weise schlimm sein soll. Ein Gedicht ist ein ziemlich komplexes Gefüge aus Bedeutung, Rhythmus und Gefühl, zugleich gehört es in seinen besten Exemplaren zum Schönsten, was man mit Sprache anstellen kann. Es dauert ein bisschen, das wirklich schätzen zu lernen, und das Auswendiglernen hilft enorm dabei. Ein gutes Gedicht kann man auf diese Weise sein Leben lang mit sich herumtragen, es bei Bedarf herausholen und Freude daran haben.

Außerdem spricht gar nichts dagegen, schon in jungen Jahren sein Gedächtnis ein bisschen zu trainieren. Gerade in der digital heranwachsenden Generation meiner Kinder scheint sich die verhängnisvolle Überzeugung auszubreiten, dass man eigentlich gar nichts mehr im Kopf haben müsse, weil man ja alles sofort auf dem Smartphone nachsehen könne. Ich sehe darin eine viel größere Gefahr als im Auswendiglernen, weil Denken ohne Wissen nicht wirklich funktioniert. Auch viele andere Dinge funktionieren nicht, Humor etwa. Wenn ich meine Kinder zum Lachen bringen will, trage ich mein Lieblingsgedicht von F. W. Bernstein vor. Es geht so:

In Mannheim stand ein Automat/

Um die Jahrhundertwende/

Der jeden an das Schienbein trat/

Der dafür zahlte. Ende.

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