Kolumne „Papas&Opas“

Schwere Zeiten für Kandinsky: Enkel Linus malt nun

Linus verändert mit seiner Fantasie unser Wohnzimmer. Manchmal befreit er auch die kleinen Hasen aus dem Zauberkasten.

Foto: pa/Montag BM

Irgendwann zwischen den Feiertagen sandte mir Oma eine WhatsApp ins Büro. Mit Foto. „Linus geht jetzt schwimmen“ schrieb sie, und der kurze Text war wirklich eine hilfreiche Erklärung, warum unser Enkel so, nun ja, eigenartig aussah.

Er hatte zwei Plastik-Trinkbecher zu einer Taucherbrille umfunktioniert, die klebten über seinen Augen. Als Schwimmring dienten ihm Luftpolsterkissen, die eigentlich zum Verschicken von Paketen genutzt werden.

Weil er nicht allein ins Wasser wollte, hatten er und seine Oma aus Plastiktüten Quallen gebastelt, mit Geschenkband als Tentakeln. Warum Quallen? Und wieso Wasser? Da, wo wir wohnen, ist kein Wasser. Schon gar nicht im Winter. Nur in Linus‘ Fantasie. Aber die ist eben grenzenlos.

Abends zeigte er mir, wen er noch mitgenommen hatte zum Schwimmen. Ein Blick, und mir war klar: Qualle fällt aus. „Ein Fisch?“, fragte ich vorsichtig. Linus antwortete geheimnisvoll: „Hmm, nicht ganz, Opa, fast!“ Aha, „also ein Delfin oder ein Wal?“

Linus strahlte, dass ich noch so gute Augen habe und ein Säugetier von einem Fisch unterscheiden kann. „Wal“, bestätigte er. Und das muss man ihm lassen: Ein Kopf aus Styropor, eine mit Zeitungen vollgestopfte Papiertüte als Körper und zwei Papp-Schuhspanner (von den neuen Sneakern seines Onkels Bosse) zusammengeklebt zur Flosse, alles Überbleibsel der jüngsten Weihnachtsfeier im Hause Wenck – was sollte das sonst sein als ein Wal?

Kandinsky-Druck bekommt Konkurrenz

Es gibt viel mehr Beispiele aus der Sammlung, die in den vergangenen Tagen zusammengekommen ist. Vor allem unser Wohnzimmer sieht stark verändert aus. Linus kam mit seinen Eltern am vierten Advent, am 2. Januar erst fuhren die Drei zurück nach Cottbus. Da bleibt was hängen. Etwa neben unserem schönen Kandinsky-Druck über dem Sofa. Der steht jetzt unverhofft in Konkurrenz zur Collage eines Fünfjährigen.

Sein Kunstwerk geht so: Ein Affe hat Geburtstag und macht eine Party. Ein Erdmännchen ist dabei, ein Rhino, ein Elefant, allerhand Bären und ein Krokodil. Über allem schweben Schmetterlinge und eine Spinne. Weil das schwer zu malen ist, hat Linus Aufklebebildchen benutzt. Praktischerweise hatte seine Freundin Sophia ihm die mitgebracht. Ich weiß, ich oute mich gerade als Kunstbanause. Aber es ist deutlich mehr zu erkennen als auf dem Meisterwerk nebenan.

Mit dem Zauberkasten, den Linus zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, führte er anfangs begeistert magische Kunststücke vor. Nach einer Weile beschloss er jedoch, dass es besser sei, die kleinen Kunststoffhasen zu befreien, statt mit ihnen zu zaubern. Lange hat er sich danach mit ihnen ganz vertraut unterhalten. Für uns etwas schwer zu verstehen, vermutlich sprachen sie häsisch. Einmal hörten wir „Weihnachten ist wirklich schön“, dann verschwand er gleich wieder in seiner Fantasiewelt.

Aus Gemälden entstand ein Bilderbuch

Ein andermal begann er zu malen – mithilfe eines dieser neumodischen Programme auf dem Handy seiner Mutter. Das Bild gefiel ihm so gut, dass er fragte: „Kann man das ausdrucken?“ Konnte man. Groß gefiel es ihm noch besser, uns auch, und so folgten weitere Kunstwerke. Danach wollte er tuschen. Am Abend war aus den Gemälden mit Omas Hilfe ein ganzes Bilderbuch entstanden.

Diese und andere Unikate waren bis Donnerstag in unserem ganzen Haus verteilt. Wenn die Ideenfabrik von Linus erst mal angesprungen ist, produziert er wie eine Maschine. Man kann nicht alles aufheben, deshalb haben seine Eltern beschlossen, vor ihrer Abreise aufzuräumen. Ich hoffe nur, sie heben so viel wie möglich auf.

Wir freuen uns heute noch manchmal über die Schätze unserer Kinder. Sicherheitshalber habe ich schon mal eine Papprassel beiseitegeschafft, gebastelt aus dem Innenteil einer Klopapierrolle und gefüllt mit Papierschnipseln. Mein Antrag, den Kandinsky aus unserem Wohnzimmer zu verbannen und den kleinen Affen prominenter zu platzieren, muss aber im Familienrat erst noch diskutiert werden.