Papas & Opas

Ohne Nikolaushaus? Das geht gar nicht!

Wie Linus mit unserer Familie die Zeit bis Weihnachten genießt – und Oma uns allen einen ziemlichen Schrecken einjagte.

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus

Foto: BM

Oma und ich haben feste Rollen bei diesem Einsatz, immer kurz vor Weihnachten, immer in einem Geschäft an der Bleibtreustraße. Opa kämpft als Zulieferer mit dem Begleitpersonal anderer Kinder um Pinsel, Schwämme und Farbtuben und macht nachher alles sauber. Oma achtet als künstlerische Leiterin vorsichtig darauf, dass die Malerei nicht gar zu wild ausfällt. Linus ist auch meist folgsam.

Nur wenn er seinen Stil durchsetzen will, kommt schon mal ein klares „Doch!“. Diesmal hat er sich für Orange entschieden und malt konzentriert: Erst die Grundierung, dann kommen Punkte in vielen Farben auf die Keramikteile. Am Ende sind die farbenfrohen Exponate für den Küchenschrank seiner Eltern fertig. Tasse, Kanne, Teller, Schale – was genau, wird nicht verraten. Soll ja wieder eine Weihnachtsüberraschung sein.

Wir pflegen in unserer Familie Traditionen zum Fest. Nicht stur, es werden auch welche angepasst oder ­– siehe oben – neue eingeführt. Linus malt mit wachsender Begeisterung, seit er zwei Jahre alt ist, im Januar wird er sechs. Er weiß, dass im Advent Sterne, bärtige Männer, andere Deko-Schätze und das Engel-Orchester im Wohnzimmer platziert werden. Er weiß auch genau, wo.

Bei seinem ersten Besuch in Berlin rennt er alle Stationen ab und sieht sofort, wenn etwas verändert ist. In diesem Jahr staunte er, dass der Stall mit Kuh und Esel schon da war, nur ohne Christkind in der Krippe. „Und warum stehen Maria und Josef so weit weg vom Stall?“, fragte er verwundert. „Ist ja noch nicht Weihnachten, warte mal ab“, entgegnete seine Oma. Die Sache ließ ihm aber keine Ruhe, und so war er sehr erleichtert, als er die kleine Jesus-Figur endlich unter dem Tisch gefunden hatte. Dort, wo immer die Keksdosen stehen. Wir brauchen ein neues Versteck. Eigentlich zwei.

Der Familienrat hat beschlossen: Treffen immer am 1. Advent

Im Zuge unserer familiären Erweiterung sind ständig Modifikationen erforderlich, damit alle zu ihrem Spaß kommen. Weil unser ältester Sohn Lasse eine Mexikanerin geheiratet hat, reisen beide über Weihnachten nun immer nach Amerika zu ihren Eltern. Das versteht schweren Herzens jeder. Seitdem treffen wir uns auf Beschluss des Familienrats bereits am 1. Advent alle in Berlin, quasi als kleine Vorfeier.

So haben wir innerhalb kurzer Zeit zweimal die Bude voll. Keine Sorge, wir lieben das. Und wir haben den Weihnachtsmarkt bei uns in der Nähe im Tegeler Forst entdeckt. Linus mag das Stockbrot dort, alle anderen mögen alles andere. Hat Potenzial zur Tradition. Veränderungen müssen also nicht schlecht sein. Auch dass die Mama von Linus sich lieber vegan ernähren möchte, webt Oma geschmackvoll in die Speisekarte ein.

Neulich stieß aber selbst ihre Belastbarkeit mal an Grenzen. Sie eröffnete der Familie, dass nach fast 25 Jahren der Nikolaus ihr mitgeteilt habe, er werde in Zukunft kein Pfefferkuchenhaus mehr bei uns vorbeibringen. Oma hat so argumentiert: Alle Kinder seien schließlich ausgezogen, am 6. Dezember ist außer uns Alten niemand da. Der Lebkuchen wird bis Weihnachten hart. Tradition hin oder her: Sie selbst will im Job noch einmal angreifen und hat keine Zeit für den Nikolaus.

Lebkuchenhaus mit Smarties und Gummibärchen an Fenstern und Türen

Nicht nur Linus war erschrocken. Adventszeit ohne Lebkuchenhaus? Ist das der Anfang vom Ende Weihnachtens, wie es immer war? Keine Smarties und Gummibärchen an Fenstern und Türen? Kein Domino-Schornstein auf dem Dach? Nie mehr diese wunderbare Angst beim Bauen, dass der Zuckerguss nicht hart wird und alles zusammenbricht? Was geschieht mit den Plastikfiguren Hänsel, Gretel, der Hexe und ihrer Katze, die noch aus DDR-Zeiten stammen? Früher hat der Papa von Linus die immer umgeschubst, seine Geschwister haben erst geschimpft, später gelacht. Diesmal kam der Stoß von Linus, sehr zur Freude seines Vaters. Das alles: aus und vorbei?

Das konnte Opa nicht zulassen. Ich habe mich bereit erklärt, die Aufgabe zu übernehmen. Meine Familie, ich spüre das, sie liebt mich dafür. So lange ich nicht auch noch beginne zu malen.