Papas & Opas

„Verschont mich mit Kamillen, um Gotteswillen“

Linus hat sich ein Freundebuch gekauft, in dem viele niedliche Wünsche stehen. Schon sein Opa schrieb früher in Poesiealben.

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus

Foto: BM

Es gibt ein paar Dinge, die sind auch in diesen modernen Zeiten zwischen Facebook, Instagram und Snapchat nicht so leicht totzukriegen. Linus zeigte uns gerade sehr stolz sein Buch „Der kleine Siebenschläfer – meine Kindergartenfreunde“. Früher nannte man so etwas Poesiealbum. Jetzt heißt es eben Freundebuch und erfüllt im Prinzip den gleichen Zweck: Menschen, die man mag, dürfen da etwas hineinschreiben, meistens mit einem Foto von sich. So hat man später eine schöne Erinnerung an seine Freunde aus der Kindheit. Linus wollte dieses Buch unbedingt. Er hat es selbst bezahlt, mit Geld, das er von seiner Uroma in Brasilien geschenkt bekommen hatte.

Im Falle des „kleinen Siebenschläfers“ ist es so, dass die Kinder ihren Namen und Geburtstag eintragen und wo sie mit wem wohnen – Mama, Papa, Hund und vier Hasen zum Beispiel. Um Augen-, Haar- und Lieblingsfarbe zu beschreiben, werden mit Buntstiften Blumen ausgemalt. Aus einer Herde von kleinen Schafen wird jenes eingekreist, in dessen Körper das Alter des Kindes steht. Dazu wird erzählt, welche Lieblingsspeise man hat, welches Lieblingstier oder was man tut, wenn man nicht schlafen kann.

Linus hat für sich praktischerweise auch eine Doppelseite in Beschlag genommen, ist schließlich sein Buch. So lerne ich, dass er bei Schlafproblemen einen Schluck Wasser trinkt. War mir noch gar nicht aufgefallen. Dass er gern Höhlen baut, Linus nennt sie Buden, und am liebsten Spaghetti Bolognese mag, das schon. Man darf dem Freund auch etwas wünschen, und da hat Linus für Linus ausgewählt: „Dass du jeden Tag Geburtstag hast." Leonardo, dessen Lieblingstier eine Schlange ist, wünscht ihm viele Freunde. Leon hat den Wunsch vergessen, aber er findet die Formel 1 toll, deshalb hat er auch nicht sein Lieblingstier, sondern sein Lieblingsauto gemalt, das einem Ferrari ziemlich ähnlich sieht. Man erkennt ihn sehr gut an der roten Farbe. Victoria spielt am liebsten „Schnipp, schnapp“ und mag Katzen. Das ist alles sehr niedlich.

Beim Lesen fiel mir ein, wie ich in der zweiten Klasse von einem Mädchen das Poesiealbum bekommen habe. Ich wusste nicht, was man reinschreibt, sie schlug ein Gedicht vor. Guter Tipp, ich kannte sogar eins. Das handelte von Kamille, ich fand es überragend. Da ging es um Bauchweh und den Menschen in seiner Pein im Allgemeinen. Das große Finale: „Er schreit nach Pillen. Verschont mich, sagt er, mit Kamillen, um Gotteswillen!“ Eine halbe Stunde später hatte das Mädchen die Poesie zurück. Ihren Namen habe ich leider vergessen, aber nicht den Blick, mit dem sie mich ansah.

Als ich das irritiert meiner Mutter erzählte, hat sie gelächelt und mir einen Rat gegeben. Ich habe also am nächsten Tag darum gebeten, das Album noch einmal ausleihen und die peinliche Kamille-Seite heraustrennen zu dürfen. Durfte ich. Das neue Gedicht reimte sich zwar meiner Meinung nach längst nicht so gut, und es fehlte ihm auch irgendwie an Dramatik. Es kam trotzdem besser an. Diesmal erntete ich ein Lächeln statt des bösen Blicks und sollte danach in weitere Bücher meine Gedichte schreiben.

Bei Familientreffen wird diese Geschichte gern mal aufgetischt, wenn zufällig das Wort Kamille fällt. Dann haben alle was zu lachen. Als ich sie Linus erzählte, fand er sie auch komisch. Aber deshalb hat er natürlich sein Freundebuch nicht mitgebracht. Auch nicht nur, um es Oma und Opa zu zeigen. Der Hauptgrund war, dass unsere Nachbars-tochter Sophia etwas hineinschreiben sollte. Die beiden spielen doch immer so toll zusammen und lachen dabei die meiste Zeit.

Sie hat so schön wie niemand sonst die Blumen ausgemalt und dazu ein Pferd, ihr Lieblingstier. Vor allem hat sie meinem Enkel etwas ganz Liebes gewünscht: „Dass du nie krank wirst." Linus hat sich sehr darüber gefreut. Ist schon schön, dass es neben all den digitalen auch noch solche Freunde gibt.