Kolumne

Wer braucht noch ein Hausaufgabenheft? Es gibt doch Whatsapp

Kinder sollten nicht zu viel Zeit am Handy verbringen, keine Frage. Spannend ist aber auch, was sie mit den Dingern so anstellen.

Schüler diskutieren heutzutage in Whatsapp-Gruppen über die Hausaufgaben.

Schüler diskutieren heutzutage in Whatsapp-Gruppen über die Hausaufgaben.

Foto: pa,BM / pa/BM

Ich denke schon länger darüber nach, das Foto für diese Kolumne auszutauschen. Wer es außerhalb seines Kontextes sieht, muss glauben, ich würde auf Barbiepuppen und Plastikdinosaurier stehen. Das stimmt natürlich nicht, aber das ist ja das große Ding im Netz: Dekontextualisierung.

Man reißt irgendwas aus dem Zusammenhang, kommentiert es mokant, und schon hagelt es überall ­Häme, Likes und Herzchen. Vielleicht macht das Bild schon in der Filterblase der Barbieverächter die Runde, wer weiß das schon. Vielleicht bin ich aber auch nur paranoid.

Entscheidend ist etwas anderes. Meine Tochter ist jetzt acht, mein Sohn elf Jahre alt, und natürlich haben sie mit Barbies und Dinosauriern gar nichts mehr am Hut. Der Tyrannosaurus rex steht bei mir im Büro herum, seitdem wir damals das Kolumnenfoto gemacht haben. Und die Barbie liegt unbekleidet und mit wirrer Frisur in einer Ecke des Tochterkinderzimmers, als habe sie eine wilde Nacht hinter sich.

Das Handy ist für Kinder das wichtigste Spielzeug

Auf dem Foto müsste ich inzwischen eigentlich zwei Handys hochhalten. Das sähe sicher sagenhaft bescheuert aus – wie eine dieser Werbeanzeigen, auf denen Frauen mit glückseligem Lächeln sich einen Telefonhörer ans Ohr halten. Es wäre aber wenigstens ehrlich. Denn für meine Kinder und alle Kinder in meinem Bekanntenkreis sind Handys längst das wichtigste Spielzeug.

Ja, da sollte man einen Riegel vorschieben und sich Gedanken über Nutzungszeiten und solche Dinge machen. Das tun wir auch, das Thema ist daheim ein Dauerbrenner. Man sollte sich aber auch einmal anschauen, was die Kinder mit dem Handy eigentlich genau machen. Wie sie zum Beispiel miteinander kommunizieren, wenn sie mal gerade nicht ihre Lieblingsyoutuber anhimmeln.

Meine Tochter mailt mit ihrer Freundin

Meine Tochter benutzt ein altes iPhone von mir mit zersplittertem Bildschirm. Sie hat keinen Whatsapp-Account. Sie mailt deshalb mit ihrer Freundin. Ich lese das manchmal, weil sie meinen Mail-Account benutzt. Ich musste ihr erst erklären, wie das geht, E-Mail.

- Hä? Das sind ja gar keine Sprechblasen wie bei Whatsapp.

- Nein. Das ist mehr wie Briefeschreiben.

- Das ist ja wahnsinnig unpraktisch. Gehen wenigstens Emojis?

- Ja, glaub schon.

Die Gespräche der beiden Mädchen kreisen im Wesentlichen um die Frage, wer von beiden cooler ist. Der Smiley mit Sonnenbrille wird sehr oft benutzt. Die eine sagt: Ich bin cooler als du, gefolgt von gefühlt 300 Smileys. Die andere ­entgegnet: Nein, ich bin cooler, und dann sind es 400 Smileys. Und so weiter. Man könnte das für etwas eintönig halten, aber aus meiner Sicht unterschreitet es das diskursive Niveau politischer Talkshows im deutschen Fernsehen nur geringfügig.

Hausaufgaben werden im Whatsapp-Klassenchat besprochen

Mein Sohn dagegen nutzt einen Whatsapp-Klassenchat. Darin tauschen die Sechstklässler gegen Abend Vermutungen darüber aus, was eigentlich nochmal die Hausaufgabe in Englisch war oder welches Gedicht sie auswendig lernen sollten. Auf die Frage, wozu es eigentlich Hausaufgabenhefte gibt, zieht mein Sohn ein ratloses Gesicht. Manchmal machen im Klassenchat auch abfotografierte Seiten aus dem Mathelehrbuch die Runde, als wären es geleakte Dokumente.

Zwischendurch werden Personalentscheidungen in der Fußball-Bundes­liga kommentiert („Klinsmann HAHAHAHAHA!“). Letzteres könnte, wenn ich mir Twitter genauer anschaue, auch durchaus von einem Erwachsenen stammen. Es gibt also eigentlich keinen Grund, hier in Kulturpessimismus zu verfallen.

Die Frage nach dem Kolumnenfoto ist damit allerdings noch nicht ansatzweise beantwortet. Erste Idee: Ich drucke mir zwei Smileys mit Sonnenbrillen aus, klebe sie an Bleistiften fest und halte sie in die Höhe. Meine Kinder würden ­sicher die Augen verdrehen: Oh Gott, schon wieder so peinlich! Papa druckt das Internet aus!