Papas & Opas

Abendliche Gespräche mit meiner Tochter

Will man mit Kindern über ihr Leben reden, ergeben sich manchmal Dialoge, die von Loriot stammen könnten, beobachtet Felix Müller.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Foto: Reto Klar

Berlin. Mittwochabend, gegen 21 Uhr. Erschöpft vom Tag liege ich im Bett, habe den Laptop aufgeklappt und scrolle entscheidungsschwach durch das Netflix-Angebot. Plötzlich steht die achtjährige Tochter vor mir, die ich eigentlich schon im Tiefschlaf vermutet hatte.

- Du bist ja noch wach.

- Ja. Papa, kann ich hier schlafen?

- Aber du hast doch ein eigenes Zimmer.

- Ja. Aber.

Das macht sie oft so. Sie hat eigentlich kein Argument und sagt dann „aber“ auf diese unendlich niedliche Tochterart. Sie zuckt dabei mit den Schultern. Das lässt mich leider viel zu oft schwach werden. Auf diese Weise habe ich erst letztens dem Kauf eines Meerschweinchens zugestimmt, das ich eigentlich nicht wollte. Es soll Rocky Alexander heißen, obwohl es sich um ein Weibchen handelt. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal. Jetzt liegt die Tochter mit weit geöffneten Augen neben mir. Weil ich so eh nicht Netflix schauen kann, suche ich ein Gesprächsthema.

- Und wie war’s heute in der Schule?

- Gut.

- Geht das auch ein bisschen präziser?

- Wir haben so Experimente gemacht.

- Experimente?

- Ja. Ich kenn jetzt den Trick, wie man bei Salzwasser das Salz vom Wasser trennt.

- Ah. Den kenn ich auch.

- Kennst du nicht.

- Doch. Man braucht eine Wärmeplatte, einen Topf mit Salzwasser und eine Glasplatte.

- Falsch.

- Wie, falsch?

- Das geht ganz anders.

- Aber so geht es auch. Man erwärmt das Salzwasser, bis es kocht, hält dann die Glasplatte über den Wasserdampf...

- Papa?

- Ja?

- Kannst du ein bisschen rücken? Es ist wirklich eng hier.

- Wie jetzt, eng? Das ist mein Bett! Und eigentlich ist es nur für eine Person gedacht. Wenn du es bequem haben willst, dann würde ich dir empfehlen, einfach in dein eigenes...

- Papa?

- Ja?

- Wie geht das jetzt mit der Glasplatte?

- Also, du musst das Kondenswasser auffangen. Das Salz bleibt im Topf, das Kondenswasser...

- Papa! Kondenswasser! Langweilig!

- Du hast doch danach gefragt.

- Ich erkläre dir jetzt mal, wie das geht. Du nimmst einen Bunsenbrenner und erhitzt das Salzwasser. Das Wasser verdampft. Fertig.

- Aber dann ist das Wasser doch weg.

- Wie, weg?

- Also, du musst wissen, das es Wasser in verschiedenen Aggregatszuständen gibt.

- Oh Gott.

- Ja. Es kann gefroren sein, flüssig oder gasförmig.

- Ich liege immer noch sehr unbequem, Papa. Rück mal.

- Nein. Du drückst mir gerade deinen Ellenbogen in den Bauch. Das ist auch sehr unbequem.

- Okay. Dann schlafe ich jetzt.

Sie schlief dann tatsächlich ein, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Ich fand nichts auf Netflix und las im Netz etwas über einen Trend, der gerade zu Ende geht, was man immer daran erkennt, dass auch klassische Medien darüber berichten. Es geht um die Redewendung „Ok Boomer“. Mit diesen Worten reagieren digital aufgewachsene Menschen auf Vorträge, die ihnen ältere Menschen halten. Du verbringst zuviel Zeit mit dem Handy? Ok Boomer. Instagram macht dich eitel und dumm? Ok Boomer. „Boomer“ werden dabei die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Wer „Ok Boomer“ sagt, gibt also zu erkennen, dass er diese Vorträge nicht braucht und sie ohnehin nicht besonders ernst nimmt.

Obwohl ich kein Boomer bin, sondern der Generation Golf angehöre, fühlte ich mich an das Gespräch erinnert, das ich eben geführt hatte. Ich werde die Lehrer meiner Kinder mal fragen, ob sie den Spruch „Ok Boomer“ kennen.