Papas & Opas

Wenn der Löwe gebrüllt hat, geht’s ins Bett

Ob das mit der Tischtennis-Karriere meines Enkels noch etwas wird? Momentan fühlt sich Linus eher dem Yoga zugeneigt.

Dietmar Wenck ist Sportredakteur. Hier mit Enkel Linus.

Dietmar Wenck ist Sportredakteur. Hier mit Enkel Linus.

Foto: BM

Manchmal male ich mir aus, was Linus mal für ein Sportler wird. Ob er überhaupt Lust darauf hat? Ich würde mich jedenfalls freuen, schon von Berufs wegen.

Auf die Sportart bin ich gar nicht so festgelegt. Von mir aus kann er anfangs ein bisschen Fußball spielen. Das tun ja die meisten Kids gern, und schließlich hat er auch brasilianische Wurzeln. Spätestens, wenn die Jungs darüber nachdenken, ob sie lieber Tattoos hätten wie Toni Kroos oder wie Davie Selke und wie man einen unberechtigten Freistoß schindet, muss man ihn da allerdings herausholen. Quasi zum Charakter-Selbstschutz. Dann wäre es aus meiner Sicht an der Zeit, zu einer Sportart für echte Kerle zu wechseln. Muss ja nicht gleich Rugby sein. Aber vielleicht Handball? Hockey? Judo? Zehnkampf?

Unsere Kinder waren früher alle mal im Sportverein, und zwar mit großer Begeisterung. Sie haben dabei ziemlich viel ausprobiert. Unsere Tochter Lisa tut das immer noch, zuletzt zum Beispiel Trampolin, Badminton und Piloxing. Das kannte selbst ich nicht: Es handelt sich um eine geheimnisvolle Verknüpfung von Pilates mit Boxen.

Po hoch, Po runter, auf die Zehenspitzen steigen

Die Söhne waren mehr in den Ballsportarten unterwegs, Fußball, Handball, Basketball, Football, Tischtennis. In letzterer Sportart für leicht Durchgeknallte („Verdammter Netzroller – tschakkaaa!“) fühlt sich auch der Opa seit über 40 Jahren wohl. So viel zur Fantasie, wie es kommen könnte. Oder hätte kommen können.

Neulich nämlich, als Linus bei uns zu Besuch war, wurde ich mit der knallharten Realität konfrontiert. Gemeinsam mit seiner Oma und seiner Mama saß er auf dem Teppich im Wohnzimmer. Wobei: Sie saßen gar nicht, sondern machten allerlei gymnastische Übungen. Po hoch, Po runter, Bein heben, Seitstellung, im Kreis drehen, auf die Zehenspitzen steigen.

Die Anweisungen dazu kamen aus unserem Fernseher von einer jungen Frau, die ein paar Kinder um sich versammelt hatte. Manchmal kam auch von Oma ein Hinweis: „Du kannst ruhig ein bisschen mehr in die Knie gehen dabei, Linus!“ Als ich von ihm wissen wollte, was das sei, bekam ich die dreieinige Antwort: „Das ist Yoga, Opa!“

Er verdreht seinen Körper und hat Spaß dabei

Okay, Yoga also. Als ich so alt war wie Linus, wurde das noch mit J geschrieben und war für uns ungefähr so weit weg wie der Mond, außer man gehörte zufällig der Hare-Krishna-Bewegung an. Das traf auf die wenigsten Menschen in meinem Bekanntenkreis zu. Aber wo ich gerade so zurückdenke, hat meine – unauffällige – Kariere als Sportler ja auch nicht mit Tischtennis begonnen; meine Mutter schickte mich damals zum Turnen. Sie meinte, das sei als Grundlage für alles gut.

Im Prinzip haben wir da anfangs ganz ähnliche Sachen gemacht wie Linus beim Yoga. Der gravierendste Unterschied: Ich hatte dabei längst nicht so viel Spaß wie mein Enkel.

Kaum eine Sekunde wendet er seinen Blick vom TV-Gerät. „Wenn die Mäuse in den Zirkus gehen“, sagt die Stimme aus dem Zirkus der Sunlight Kids, „weißt du, wie sie sich im Zirkuszelt bewegen?“ Klar weiß Linus das. Er verdreht seinen Körper fast genau wie seine Oma, seine Mama und die Dame auf der Mattscheibe.

Wie ein Löwe brüllen kann er auch

Ganz nebenbei erfahre ich, dass er diese Sendung abends regelmäßig mit seiner Mama anschaut, danach lässt er sich ganz friedlich von seinem Papa ins Bett bringen. Die Mäuse also, um beim sportlichen Thema zu bleiben, sie tanzen ganz leis „und drehen sich auch fröhlich im Kreis“, sagt er. Noch besser gefällt ihm der Löwe, weil der auf seinem Thron sitzt und einen lauten Ton machen darf. Mein Enkel kann auch das, sehr überzeugend.

Nachdem drei dieser Filmchen durchexerziert sind, verabschiedet sich Linus ohne Murren mit „gute Na-acht“. Ist irgendwie toll, dieses Yoga. Wenn er das nächste Mal zu uns kommt, frage ich die drei, ob ich mal mitmachen darf, ich schlafe doch nicht so gut in letzter Zeit. Und einen lauten Ton wie ein Löwe: Den werd ich schon hinkriegen.