Papas & Opas

Halloween ist für Kinder das Fest der Süßwaren-Orgien

Die Dosis macht das Gift, aber zwischen Kindern und Eltern gehen die Vorstellungen über diese Dosis auseinander, weiß Felix Müller.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Foto: pa/Montage BM

Diese Woche war Halloween. Am Dienstag sah ich meine achtjährige Tochter vor dem Spiegel in einem roten Seidencape mit hohem Kragen posieren. Am Mittwoch fand ich neben dem Zahnbürstenbecher ein bei Dunkelheit fluoreszierendes Vampirgebiss und eine Tube Kunstblut. Am Donnerstag kam ich abends von der Arbeit nach Hause und kämpfte mich auf der Straße durch Horden von kleinen Hexen, Zombies und sonstigen Unholden. Eine Frau schob einen Kinderwagen an mir vorbei, darin saß ein Monster. Eine Gruppe von anderen Halloween-Aufsichtspersonen, zum Teil ebenfalls kostümiert, hatte einen Stehtisch in einen Hauseingang gestellt und ließ eine Flasche Schnaps kreisen.

Ich ging nach Hause. Auf dem Sofa lagen zwei Kinder, neben sich riesige Säcke, aus denen sie gelangweilt Dutzende Snickers Mini, Storck Riesen und Maoam-Kaubonbons zogen. Ich nahm probehalber einen dieser Säcke weg. Das Geschrei war so groß, dass ich befürchtete, die Nachbarn würden gleich das Jugendamt rufen. Andererseits: Hatte ich die Nachbarn nicht eben mit einer Flasche Schnaps auf der Straße gesehen?

Die Dosis macht das Gift

Das mit dem Zucker ist wirklich ein Thema, seitdem die Kinder auf der Welt sind. Ich will ja Zucker nicht verteufeln. Die prinzipielle Verteufelung von Lebensmitteln finde ich sowieso absurd. In den Achtzigern hieß es überall, man müsse unbedingt auf Fett in seiner Nahrung achten, also löffelten alle fettreduzierten Joghurt und legten sich Diät-Salami aufs Brot. Heute ist dieses Brot eher das Problem, weil Kohlenhydrate dämonisiert werden. In beiden Fällen gilt aber, was auch für Zucker gilt – nämlich was der große Schweizer Arzt, Mystiker, Alchemist und Philosoph Paracelsus (1493-1541) schrieb: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift, allein die Dosis macht’s.“ (Auf zeitgenössischen Gemälden sieht Paracelsus übrigens recht wohlgenährt aus, fast übergewichtig, aber das ist ein anderes Thema.)

Ja, die Dosis macht das Gift, aber zwischen Kindern und Eltern gehen die Vorstellungen über diese Dosis auseinander. Ginge es nach meinen Kindern, würden sie bei jedem Restaurantbesuch je einen Liter Fanta in sich hineinschütten. Google sagt, das entspreche 32 Stück Würfelzucker pro Person. Ich finde, das ist eine Menge. Deshalb mache ich mich regelmäßig unbeliebt.

- Papa, kann ich noch was zu trinken haben?

- Du hattest schon eine Fanta.

- Aber die ist alle.

- Tja. Das ist jetzt gelaufen. Warum bestellst du dir nicht einfach noch ein Wasser?

- Aber du hast dir auch eben noch ein Bier bestellt.

- Wir wollen jetzt bitte das Thema wechseln.

Irgendeine Zeitung hat letztens das Thema mit einem Kind illustriert, das vor kokainartig ausgebreiteten Lines aus Zucker sitzt. Die Empörung war groß. Aber die Aussage deckt sich mit meiner Erfahrung: Zucker ist eine Art Droge für Kinder. Sie würden im Grunde alles für seine Beschaffung tun, sie wechseln nach dem Konsum den Zustand, und wenn die Zufuhr von Zucker ausbleibt, zeigen sie Entzugserscheinungen.

Was also tun? Kariesprophylaktische oder sonstige ernährungsphysiologische Argumente kann man vergessen. Erstens sind Kinder davon schnell gelangweilt, zweitens geraten dann schnell die Ernährungsgewohnheiten des Erziehungsberechtigten in den Fokus. Aber wie wäre es mit Greta, mit dem neuen Bewusstsein für den Planeten? Meine Kinder wollen nicht mehr fliegen, essen kaum noch Fleisch und leben umweltbewusst. Süßigkeiten produzieren Unmengen von Müll, jedes Bonbon ist einzeln verpackt.

- Sohn?

- Ja?

- Was sagst du eigentlich zu dem Müllproblem von Süßigkeiten?

- Ich sage das, was du immer sagst.

- Und das wäre?

- Wir wollen jetzt bitte das Thema wechseln.