Papas & Opas

Sogar Linus vermisst Albas Cheerleader

Was ich mit meinem Enkel in den Herbstferien erlebte und wann die schönen Erinnerungen daran immer wieder hochkommen.

Dietmar Wenck und Linus

Dietmar Wenck und Linus

Foto: Dietmar Wenck / BM

Berlin. In aufgeregten Zeiten wie diesen mit Trump, Klimawandel, Brexit und Terroranschlägen bin ich besonders dankbar, einen Enkel zu haben. Linus schafft es in Sekundenschnelle, mich auf positive Gedanken zu bringen. Er war während der Herbstferien bei uns, von Sonntag bis Freitag. Da seine Oma arbeiten musste, und nur ich Urlaub hatte, verbrachten wir beinahe die ganze Zeit miteinander. Zum Abschied sagte er: „Das war toll, Opa!“, was natürlich mein Herz groß werden ließ. Die gemeinsamen Tage wirken noch nach, denn in meinem Alltag kommen ständig Erinnerungen an einige schöne Ausflüge hoch. Bei den verschiedensten Anlässen.

Zum Beispiel, als ich vergangene Woche an meinem freien Tag auf Steinpilzjagd war. Vor seinem Besuch hatte ich Linus gefragt, was er sich am meisten wünscht. Zu meiner Überraschung kam die Antwort: „Mit dir Pilze sammeln.“ Ich habe wohl doch oft genug davon geschwärmt. Also haben wir das gemacht, zweimal sogar, und zwar mit einigem Erfolg. Zunächst lief es noch etwas schleppend, bis Linus die erste braun glänzende Kappe, unter Tannennadeln recht gut versteckt, ganz allein gefunden hatte. Von da an war er Feuer und Flamme.

Wie das leider so ist beim Pilzesammeln, gab es zwischendurch Phasen, in denen wir nichts fanden. Die Stimmung sank spürbar. „Wie weit müssen wir denn gehen?“, fragte Linus leicht genervt, und: „Wann fahren wir endlich zurück?“ Ich steuerte währenddessen zielstrebig eine ganz sichere Stelle an. Die hatte es in sich, Linus fand plötzlich einen Steinpilz nach dem anderen und als Krönung sogar drei, die zusammengewachsen waren. „Jetzt habe ich wieder Laune, Opa“, jauchzte er, was bedeuten sollte, dass er Spaß hatte. So viel, dass er drei Tage darauf auch mit seiner Mama, die ihn eigentlich nur abholen wollte, seiner Freundin Sophia und mir durch den Wald zog. Erneut erfolgreich. Wie er seinen Fund zu Hause stolz auf der Terrasse präsentiert, ist seitdem mein WhatsApp-Profilbild.

Anderes Beispiel: So oft es geht, komme ich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Allerdings habe ich jetzt den Kindersitz abmontiert, auf dem Linus immer sitzt, wenn wir Brötchen holen, oder als wir zum Hallenbad nach Hennigsdorf geradelt sind. Es war ja ein goldener Oktober, und Linus liebt diese Fahrradtaxi-Touren. Meistens fängt er nach einer Weile an, mir alles Mögliche zu berichten. Was er sieht oder neulich erlebt hat – egal. Wenn ich ihm sage, dass ich ihn wegen des Fahrtwindes (und vermutlich ein bisschen auch wegen meiner nachlassenden Hörkraft) nicht richtig verstehen kann, antwortet er lachend: „Nicht schlimm, Opa“, drückt mich einmal ganz fest und spricht danach einfach weiter.

Auch als ich Freitag bei Alba Berlins Basketballern zuschaute, musste ich an Linus denken. Wir waren nämlich vorher gemeinsam bei einem Bundesligaspiel. Ich war verblüfft, als mein fünfjähriger Enkel mich in der ersten Viertelpause fragte: „Gibt es gar keine Tänzerinnen mehr?“ Alba verzichtet seit dieser Saison auf das Danceteam, was heftige Diskussionen ausgelöst hatte. Linus war zuvor erst einmal beim Basketball gewesen, konnte sich aber offenbar erinnern, dass während der Spielunterbrechungen immer junge Damen das Feld bevölkert hatten.

Bevor ich zu einer politisch korrekten Erklärung ansetzen konnte, fiel ihm jedoch auf, dass wir gar kein Popcorn gekauft hatten. Anschließend bemerkte er einen aus seiner Sicht viel wichtigeren Nebendarsteller: „Da kommt der Alba­tros!“ Das ist das riesige Maskottchen, vor dem er beim ersten Besuch noch ziemlich großen Respekt hatte. „Gehst du mit mir hin, Opa?“, fragte er, und weil ich ja einen Presseausweis habe, schafften wir es bis zum Spielertunnel, wo der Albatros verschwunden war. Dass Alba-Stars wie Luke Sikma und Stefan Peno ihn abklatschten, nahm er lächelnd und trotzdem nur am Rande wahr. Erst als der große Vogel endlich vor ihm stand, war sein Abend perfekt. Meiner auch.