Papas & Opas

Rocky wird bei uns nicht heimisch werden

Es fällt nicht leicht, Kindern etwas abzuschlagen. Je größer der Wunsch, desto schwieriger. Zum Beispiel, wenn es um Haustiere geht.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Foto: Reto Klar

Berlin. Es war eigentlich klar, dass das Thema irgendwann aufkommen würde. Meine achtjährige Tochter war letztens mit einer Freundin übers Wochenende weg. Diese Freundin hat einen Hund. Am Sonntagabend kam meine Tochter zurück, betrat vor Zuversicht strahlend die Wohnung und verkündete, sie wolle jetzt auch einen haben. Und sie wisse auch schon, wie er heißen werde: Rocky.

- Rocky? Warum denn Rocky?

- Total schöner Name!

- Warum nicht gleich Rambo?

- Wer heißt denn so?

- Sylvester Stallone.

- Hä?

- Egal. Jedenfalls können wir keinen Hund anschaffen. Das geht nicht.

An dieser Stelle hatte ich eigentlich damit gerechnet, dass sie nach Gründen fragen würde. Aber sie stürzte in derart schweren Kummer, dass sie gar nicht dazu in der Lage war. Ich sah ein bibberndes Häufchen vor mir sitzen, das gerade jeder Lebenshoffnung beraubt worden war. Fortan würde sie ein armes Leben in stiller Verzweiflung führen müssen. Ich wollte das Gefühl nicht zulassen, aber sie tat mir wahnsinnig leid.

Mir fiel der Hund ein, den meine Eltern sich vor vielen Jahren angeschafft hatten. Ein Großer Schweizer Sennenhund, ein Rüde. Wir gaben ihm den Namen Bootsmann, weil es dem Roman „Ferien auf Saltkrokan“ von Astrid Lindgren einen riesigen Bernhardiner gibt, der auch so heißt.

Bootsmann war ganz kurz der niedlichste Welpe aller Zeiten, dann war plötzlich ein riesiges und sehr kräftiges Tier aus ihm geworden, das permanent nach Bewegung dürstete. Wir versäumten es, ihn angemessen zu erziehen, aber wir liebten ihn auch dafür, dass er so ein Rowdy war. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, rannte er mich vor Freude einfach um, was sich immer so anfühlte, als wäre ein Sumoringer auf mich losgegangen. Von unseren Spaziergängen kam ich mit Muskelkater in den Armen zurück, weil ich dieses Ungeheuer mit der Leine einfach nicht zu bändigen wusste. Bootsmann war in der Lage, ein dickes Kristallglas mit seinem wedelnden Schwanz in der Mitte einfach glatt durchzuschlagen. Aus mir unerfindlichen Gründen fraß er manchmal die Seife in der Gästetoilette, um danach, offenbar durstig geworden, ausgiebig aus dem Klo zu trinken. Er kam auch nicht damit klar, dass der Postbote keine Angst vor ihm hatte, und er führte deshalb obskure Tänze in unserer Einfahrt auf, ohne dabei irgendwie gefährlich zu wirken. Als der Postbote ungerührt das Tor zur Einfahrt öffnen wollte, sprang er aus Verzweiflung von innen dagegen, um es geschlossen zu halten. Wir mussten alle sehr lachen. Ein paar Jahre später starb er, wir waren traurig. Ach, Bootsmann.

Später am Abend saß ich bei meiner Tochter im Zimmer. Sie war jetzt wieder etwas gefasster.

- Aber du hattest doch auch mal einen Hund! Bootsmann, du hast mir doch von ihm erzählt.

- Ja, aber wir haben damals nicht mitten in der Stadt gelebt, sondern am Rand. Wir hatten einen Wald gleich vor der Haustür. Und wir mussten jeden Tag mit ihm raus, mindestens dreimal, eigentlich immer mindestens eine Stunde. Hunde werden unglücklich ohne viel Bewegung.

- Aber das kann ich doch machen.

- Glaub mir, das ist zu viel für Dich. Für uns alle.

Ein paar Tage später hatte sie es eingesehen. Aber weil ihr die Kunst des Verhandelns in den Genen liegt, ist sie nicht mit leeren Händen aus der Sache rausgegangen. Stattdessen hat sie meiner Frau und mir die Zusage abgerungen, dass wir in naher Zukunft ein Meerschweinchen kaufen werden. Alle paar Tage kommt sie darauf zu sprechen. Manchmal schrecke ich auf und denke: Was hast du da bloß versprochen? Wie oft genau muss so ein Meerschweinchenkäfig eigentlich gereinigt werden? Und vor allem: von wem? Machen die Lärm? In welchen Ecken der Wohnung werde ich Möhrenreste und dubios feuchte Sägespäne finden?

Ich werde berichten.