Papas & Opas

Harte Zeiten für Pilzsammler

Linus möchte nicht nur Pfifferlinge essen, sondern sie vorher auch finden. Aber sollen wir deshalb bis nach Kärnten fahren?

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus.

Dietmar Wenck, Sportredakteur, mit Enkel Linus.

Foto: BM

Berlin. Das ist mir auch noch nicht passiert: dass ich meine Kolumne umschreiben musste. Gerade, als ich am Dienstag den letzten Punkt gesetzt hatte, begann es zu regnen. Pünktlich, sozusagen. Leider passte es hier nicht rein, vor allem, dass es seitdem gar nicht mehr aufhören will. Hatte ich doch soeben beweint, wie hart der Klimawandel Linus und mich trifft, weil hier bei uns zwischen April und Oktober kaum mehr ein Tröpfchen vom Himmel fällt. Jetzt können wir hoffen.

Schließlich will ich meinem Enkel unbedingt beibringen, was ich in seinem Alter als Fünfjähriger längst konnte: einen Steinpilz vom Gallenröhrling unterscheiden, eine Marone vom Butterpilz und die Rotkappe vom Birkenpilz. Pfifferlinge erkennt eh jeder, der sich Mühe gibt. Allein mit meinen Erzählungen habe ich ihn ganz heiß gemacht. Er isst sogar total gern Pilze, obwohl die manchmal echt schwabbelig sind.

Seit zwei Jahren bereits fragt er mich immer wieder: „Opa, wann gehen wir e-n-d-l-i-c-h mal Pilze sammeln?“ Doch es war in diesem Jahr bisher genauso verhext wie im vergangenen: Im Juli vertröste ich ihn auf den August, im August auf September, im September auf Oktober. Und dann ist die Saison vorbei. Inzwischen sagt Linus bei der Begrüßung manchmal schon von sich aus: „Hat nicht genug geregnet, Opa.“ Den Rest muss er gar nicht aussprechen. Dann haben wir gemeinsam ein paar Minuten schlechte Laune. Das ist schon wieder lustig, wenn ein Opa und sein Enkel wegen so etwas richtig grummeln können.

Sein Interesse rührt sicher daher, dass bei Wencks das Pilzesammeln Tradition hat. Und dass sein Opa gern davon erzählt. Zum Beispiel, wie mein Vater mich am Wochenende in der Lüneburger Heide besuchte, wo ich in Linus‘ Alter eine Weile bei Tante und Großeltern lebte. Sie hatten ein Haus im Wald, so war klar, was wir in den Sommermonaten machten: Pilze sammeln.

War der Vater nicht da, habe ich trotzdem gesucht und die kleinen gelben Dinger mit Blättern oder Nadeln zugedeckt, damit sie kein Spaziergänger zufällig finden konnte. Keine hundert Meter vom Haus entfernt stand eine große alte Eiche, unter der Pfifferlinge wuchsen. Kam mein Vater dann zu Besuch, habe ich ihm meine versteckten Schätze gezeigt. Ich war stolz, und ich glaube: Er war es auch.

Ich könnte jetzt noch von Linus‘ Urgroßonkel erzählen, der in Kärnten lebt und kiloweise Pilze vom Berg holt, weil niemand sonst seine Stellen kennt. Wenn wir mal dort Urlaub gemacht haben, hatten wir danach jahrelang eingekochtes Material im Keller stehen. Oder wie meine Mutter mich fragte, ob ich zufällig wüsste, wo im Wald Pilze stehen; sie würde gern eine schöne Sauce machen. Sofort war ich verschwunden, eine Stunde später stand ein Körbchen mit der heißen Ware auf dem Küchentisch. Oder die Geschichte, wie ich mit Oma vor vielen Jahren an die Nordsee verreist war und wir uns jeden Morgen vornahmen, abends im Restaurant essen zu gehen. Dummerweise war da ein Wald in der Nähe, und so gab es immer Rührei mit Pfifferlingen. Hallo: war lecker und unser billigster Urlaub aller Zeiten!

Mykologen, das sind Leute, die sich mit Pilzen besonders gut auskennen, haben herausgefunden, dass ihr Genuss gesund sein soll. Sogar von Mykotherapien habe ich gelesen, keine Ahnung, was da dran ist. Ich kann nur aus meinem Leben berichten, dass das Pilzesammeln einen Menschen ganz schön glücklich machen kann. Die Pilze stehen da, bewegen sich nicht von der Stelle, müssen nur noch entdeckt werden. Ist wie Versteckspielen mit Belohnung. Das Gefühl möchte ich Linus in keinem Fall vorenthalten.

Aber was tun, wenn es nicht wie früher mal zwei Wochen am Stück regnet und dabei mollig warm wird? Dann wachsen Pilze am besten. Doch die Meteorologen versprühen für die nächsten Tage ja Hoffnung. Vielleicht klappt es dieses Jahr also doch noch. Andererseits kann man Pilzen nicht die Sporen geben. Kenner wissen: Die haben sie schon.