Papas und Opas

Die Sache mit den drei Chinesen und dem Kontrabass

Einfache Songs und große Fragen: Meine Tochter übt zu Hause Gitarre und zwingt mich dazu, über die Texte nachzudenken.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Foto: Reto Klar

Berlin. In dieser Woche habe ich über Ohrwürmer nachgedacht. Ich würde zwei Sorten unterscheiden: Den selbstverschuldeten Ohrwurm und den fremdverschuldeten Ohrwurm. Ersteren denkt sich das eigene Gehirn einfach aus, um einen damit stunden-, manchmal tagelang zu foltern. Ich hatte das letztens mit dem Song „Dancing Queen“ von Abba. Ich schlug morgens die Augen auf, da war er schon da: you are the dancing queen / young and sweet / only seventeen. Ich saß in der Redaktionskonferenz: dancing queen / feel the beat from the tambourine, oh yeah! Ich putzte mir abends die Zähne: you can dance / you can jive / having the time of your life. Es wollte einfach nicht aufhören.

Und dann gibt es die fremdverschuldete Ohrwurmart, die man seinen lieben Mitmenschen zu verdanken hat. Hier kommt meine achtjährige Tochter ins Spiel. Sie hat aus dem Gitarrenunterricht ein Lied mitgebracht, das sie nun ununterbrochen zu Hause auf dem Sofa übt, inzwischen kriegt sie es sogar ziemlich gut hin: Drei Chinesen mit dem Kontrabass / saßen auf der Straße und erzählten sich was / da kam die Polizei: ja, was ist denn das? / Drei Chinesen mit dem Kontrabass.

Internationale Variationen eines Ohrwurms

Weil dieses Lied seitdem in meinem Kopf auf Dauerschleife gestellt ist, habe ich mich ein bisschen damit beschäftigt. Es gibt ja einige Ungereimtheiten in diesem Text. Vordergründig sieht es so aus, als läge hier ein klassischer Fall von Ruhestörung vor. Laute Straßenmusik, Polizei, Ruhe im Karton. Da fragt man sich ja als Berliner schon, was das soll, so ein bisschen Musik gibt es ja hier an jeder Ecke, keiner regt sich darüber auf. Und warum eigentlich Chinesen? Der Kontrabass ist ja nicht gerade als klassisches fernöstliches Musikinstrument bekannt. Andererseits: Machen sie denn überhaupt Musik? Davon steht ja nichts im Text. Da steht nur „erzählten sich was“. Aber was eigentlich? Kommt die Polizei vielleicht deshalb? Fragen über Fragen.

Meine Frau sagt, das sei ein internationaler Song, in Italien zum Beispiel kenne den auch jedes Kind.

Das ist offenbar tatsächlich der Fall. In der Internet-Enzyklopädie Wikipedia steht, dass sich auch die Dänen und Norweger von den drei Chinesen vorsingen, allerdings sitzen sie nicht auf der Straße, sondern auf dem Højbro-Platz in Kopenhagen. Die Schweden belassen sie auf der Straße, drücken ihnen aber anstelle eines Kontrabasses eine Klarinette in die Hand. In Israel sind es nicht drei, sondern zwei Chinesen. Die putzigste und zugleich interessanteste Variante findet sich in der Schweiz: Hier wird die Strophe nicht nur mit einem diskreten Jodler veredelt, nein, die Chinesen sitzen nicht mit, sondern ohne Kontrabass auf der Straße. Das ist niedlich, weil sie natürlich nicht nur ohne Kontrabass auf der Straße sitzen, sondern auch ohne alles mögliche andere, ohne Papagei zum Beispiel, ohne Basketball und mit Sicherheit auch ohne dancing queen.

Die Sache mit den betrunkenen Seeleuten

Es ist aber auch erhellend, denn die Formulierung „ohne Kontrabass“ verweist auf eine ältere Version des Liedes, in der gar kein Musikinstrument vorkommt, sie ist ebenfalls in der Schweiz erhalten geblieben. Hier heißt es „ohne Pass“. Und plötzlich ergibt das alles einen Sinn, nämlich als Erzählung von drei Flüchtlingen. Von drei Fremden ohne Aufenthaltsgenehmigung, die auf der Straße sitzen und von der Polizei verhaftet werden. Eine Geschichte, die man heute ohne weiteres genau so hören könnte und deren lustige Melodie seltsam quer zu ihrem Inhalt steht. Eine traurige Geschichte.

Und nun zu etwas ganz anderem, nämlich zu alkoholisierten Seeleuten. Das ist nämlich das zweite Lied, das meine Tochter gerade dauernd spielt: „What shall we do with the drunken sailor“, zweimal wiederholt, dann „early in the morning“. Es ist ein Song, der erkennbar nicht nur von einem betrunkenen Menschen handelt, sondern auch für betrunkene Menschen geschrieben worden ist. Ich verstehe nur nicht, was „hooray and up she rises“ heißen soll, wer ist diese „she“? Meine Recherchen dauern an.