Kolumne

Auf das Auto möchte Linus nicht verzichten

Greta kennt mein Enkel noch nicht. Natur, Tiere und Pflanzen sind ihm trotzdem schon wichtig. Aber alles hat seine Grenzen.

Foto: dpa/BM

Missmutig schauen Linus und ich aus dem Fenster. Unsere Terrasse steht unter Wasser. Wir wollten Weintrauben pflücken und Saft draus machen. Kannste knicken, ärgere ich mich, ausgerechnet an meinem freien Tag regnet es Bindfäden – es ist mal wieder die reinste Klima-Katastrophe. Kaum ist mir dieser Gedanke durch den Kopf geschossen, frage ich meinen Enkel: „Kennst du eigentlich Greta?“ Könnte ja sein, dass der Name in seiner Kita oder bei seinen Eltern mal gefallen ist. Er antwortet „Nein“, will aber im nächsten Moment wissen: „Was macht die?“

Tja, Opa, nun erkläre mal einem Fünfjährigen Greta Thunberg. „Sie kommt aus Schweden, genau wie Pippi Langstrumpf“, sage ich, hat auch Zöpfe, nur länger und nicht so abstehend: Damit kann Linus was anfangen. Allerdings ist Greta nicht so lustig wie Pippi, hebt keine Pferde hoch oder geht den Erwachsenen mit Streichen auf die Nerven. Greta ärgert sie anders. Schlimmer. Mit unangenehmen Wahrheiten. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Eltern würden doch behaupten, ihre Kinder über alles zu lieben. Gleichzeitig machten sie die Welt kaputt, um ihr Luxusleben nicht zu gefährden. Woraus Greta schließt: „Ihr scheißt auf meine Zukunft.“

Das ist ein bisschen drastisch ausgedrückt. Ich antworte Linus vorsichtiger: „Greta ist ein Mädchen, das nicht okay findet, wie die Erwachsenen mit der Natur umgehen. Sie macht sich Sorgen um die Zukunft der jungen Menschen und der ganzen Welt. Sie sagt das ganz offen.“ Wobei – so viel muss sie gar nicht sagen. Dass Gletscher schmelzen, die Temperaturen steigen, es bei uns im Winter nicht mehr schneit, kriegt ja jeder mit. Selbst Linus weiß schon, „dass die Eisbären bald kein Eis mehr haben“. Das steht heute in Kinderbüchern, und als wir gemeinsam die niedliche Hertha im Tierpark besucht haben, hat’s ihm außerdem sein Opa erzählt.

Dass wegen des Klimawandels inzwischen viele Kinder auf der Welt wie Greta demonstrieren und die Schule schwänzen, wusste Linus nicht. Mit ihrer Beharrlichkeit und Sturheit schafft sie es, dass viele Menschen ihre Sorgen inzwischen ernster nehmen. Sogar Politiker, denen man das gar nicht zugetraut hätte, schreiben plötzlich den Umweltschutz auf ihre Fahnen. Nur Christian Lindner nicht – der will nicht auf Kinder hören. Nur auf Profis. Mal sehen, wie lange noch.

Ich staune über meinen kleinen Enkel. Sehr ernst sagt er: „Die Natur ist wichtig! Die Tiere und Pflanzen sind auch wichtig!“ Mag sein, dass in der Kita Greta noch nicht erwähnt wurde. Aber die Umwelt war wohl schon mal Thema. Zum Glück kommt er als Schulschwänzer noch nicht infrage – er muss ja erst nächstes Jahr hin.

Ich habe das Gefühl, er würde gern von seinem Opa wissen, ob ich eine Art Lösungsvorschlag habe. Zumindest, was wir hier für seine Zukunft tun. Allzu viel ist es nicht, ehrlich gesagt, für den Anfang nur ein paar kleinere Dinge. Wir benutzen fast keine Plastiktüten mehr. Wenn wir Gemüse kaufen, nehmen wir dafür Stoffsäckchen mit, in die wir alles reinstopfen. Hat Oma besorgt, gute Sache. An der Wursttheke unseres Lieblings-Supermarktes bin ich bereits gefürchtet, weil ich meinen Schinken in der Tupper-Box abwiegen lasse, um den Plastik-Wahnsinn ein wenig zu bremsen.

Wir haben unser zweites Auto abgeschafft, fahren lieber mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das dauert immerhin pro Strecke eine halbe Stunde (Oma) beziehungsweise eine ganze (Opa). Stolz berichte ich, dass wir darüber nachdenken, als nächstes ganz aufs Auto zu verzichten. „Na, wie findest du das, Linus?“ Mein Enkel sieht mich erschrocken an: „Nicht schön, Opa!“, sagt er. Greta hin oder her: Wie soll er denn in Zukunft vom S-Bahnhof zum Haus seiner Großeltern kommen? Und wollen wir ihn gar nicht mehr in Cottbus besuchen?

Willkommen, Linus, in der Gedankenwelt der Erwachsenen.