Papas & Opas

Wo ist nur unser Piratenschiff geblieben?

Beim Spielen mit Playmobil werden aus Vätern schnell wieder Kinder. Und bei der Ritterburg hilft eben das Internet.

Sportredakteur Dietmar Wenck mit Enkel Linus.

Sportredakteur Dietmar Wenck mit Enkel Linus.

Foto: Dietmar Wenck

Grundsätzlich ist mein Enkel ein sehr geselliger Typ, der gern viele Menschen um sich hat. Vor allem, wenn sie mit ihm spielen oder Quatsch machen. Aber es gibt Momente, da will selbst Linus mal seine Ruhe haben. Wenn zu viele Leute an ihm herumzerren. Ihn ständig drücken wollen. Oder fotografieren. Wenn Opa irgendwelche überflüssigen Befehle erteilt. Oder alles zusammen passiert. Wenn ihn die Erwachsenen zu sehr nerven, verkriecht sich Linus. Mal unters Wohnzimmersofa, wenn er auf die Schnelle keinen besseren Fluchtweg entdeckt. Mal in eines unserer vier verwaisten Kinderzimmer, um etwas zu malen oder ein Buch anzuschauen.

Diesmal will er sich unter dem Bett seines Onkels Bosse verstecken. Eigentlich ein super Plan, eine Decke macht ihn quasi unsichtbar. Nur ist sein Papa ihm auf der Spur und warnt vor Risiken und Nebenwirkungen: „Pass auf, da ist bestimmt Staub drunter.“ Eine bösartige Unterstellung, das nur am Rande. Trotzdem ist kaum eine Sekunde später der Lockenkopf von Linus schon wieder zu sehen. Er ist aufgeregt, doch der Grund dafür ist keine Stauballergie-Panik. Vielmehr hat der Junge unverhofft einen Schatz entdeckt. Mühevoll zieht er eine große, flache Kiste auf Rädern hinter sich her. „Ist das Playmo?“, prustet er. Seine Eltern nicken. „Da ist noch so eine Kiste unterm Bett“, sagt Linus. Voll mit Hunderten kleiner und größerer Teile.

Sogar unsere Nachbarin Sophia ist beeindruckt. „So viel Playmo habt ihr!“, staunt sie. Tja, das kann passieren, wenn man vier Kinder hat und früher immer gefragt wurde: „Was wünscht er/sie sich zum Geburtstag?“ Falls es keine andere Idee gab: Playmobil ging immer. Cousin und Cousine haben auch großzügig ihre Schätze weitergereicht. So hat sich im Laufe der Jahre vieles gesammelt, einschließlich der großen Ritterburg, die ungezählte Male auf- und wieder abgebaut wurde. Alles von Playmo wurde selbstverständlich aufgehoben – falls mal Enkelkinder kommen! Nur, wo ist eigentlich das coole Piratenschiff geblieben? Niemand weiß Genaueres. Aber Aktenzeichen XY ungelöst muss nicht ran: Es ist immer noch genug da.

Zum Glück gibt es Ole

Normalerweise ist Oma extrem gut im Aufheben lebenswichtiger Unterlagen. Rechnungen, Verträge, Bauanleitungen von Ikea und so. In einem Regal in meinem Arbeitszimmer finden sich Beschreibungen von Geräten, die wir längst nicht mehr haben. Sie wegzuschmeißen, traue ich mich trotzdem nicht. Die Anweisung für den Aufbau der Ritterburg allerdings – sie ist genauso verschwunden wie das Piratenschiff. Aber erstens ist Oma modern. So etwas schaut man heutzutage im Internet nach, Opa! Und zweitens haben wir ja Ole dabei.

Der Papa von Linus scheint jedes Teil wiederzuerkennen, obwohl es auch schon fast 20 Jahre her ist, dass er sie zusammengesetzt hat. „Diese Hüte passen nur zu den Kindern“, klärt er mich auf. „Das kommt auf die großen Gewehre“, sagt er und reicht mir ein winziges Bajonett. „Das hier gehört zu einem Schreibtisch, glaube ich.“ Ausnahmsweise muss er kurz nachdenken. Nicht lange, ruckzuck hat er auch die übrigen Teile gefunden, und fertig ist das Büromöbel. „Mit diesem Kran kann man Töpfe und Eimer in die Burg befördern.“ Linus legt gleich los. Und dieses Teil hier? „Ach, Opa, das ist von der Mauer um die Ritterburg, weißt du das denn nicht mehr?“

Nein, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich in dieser kreativen Phase der Kinder doch etwas zu häufig bei der Arbeit war statt zu Hause. Jetzt rächt sich das. Höchstens für niedrige Dienstleistungen wie die Suche nach den kleinen Gold- und Silbermünzen bin ich noch zu gebrauchen. Linus befördert alles in die Ritterburg, auch den Schreibtisch. Waren wohl fortschrittliche Ritter. Schüchtern reiche ich ihm die Tonnen mit den Geldstücken. Er versteckt sie an verschiedenen Stellen in den Türmen. „Gut gemacht, Opa“, murmelt er. Wie lieb von ihm. Die größten Schätze findet man eben nicht in Kisten unter Betten.