Papas und Opas

Beim Aufbau von Ikea-Möbeln wird man zum Möbelgott

Angeblich ist es ein Kinderspiel, Ikea-Produkte zusammenzubauen. Nach jüngsten Erfahrungen sagt Felix Müller: Es kommt drauf an.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Felix Müller hat eine Tochter und einen Sohn.

Foto: Reto Klar

Berlin. Es gibt Menschen, die laufen 100 Meter in 9,58 Sekunden. Wieder andere verantworten die Statik für Gebäude mit mehreren Hunderttausend Tonnen Gewicht. Und dann gibt es noch solche, die derart schöne Musik komponieren, dass man auch noch viele Generationen später darüber Tränen vergießen muss.

Ich dagegen habe an meinen letzten drei Feierabenden für meine Kinder fünf Möbelstücke von Ikea zusammengeschraubt. Genauer: die Rollcontainer „Erik“ und „Idasen“, den Kleiderschrank „Stuva“, das Hochbett „Kura“ und das Bettgestell „Nordli“. Ich bin der Meinung, dass darin ebenfalls eine herausragende Leistung besteht. Ich kann gern kurz erklären, warum.

"Was baust du zuerst auf, Papa?"

Erstens: das Umfeld. Als Usain Bolt am 16. August 2009 im Finale der Leichtathletik-Weltmeisterschaften die neue Bestzeit über 100 Meter lief, jubelte ihm das Berliner Olympiastadion begeistert zu. Ich kann nicht behaupten, dass ich es bei der Möbelmontur mit einer vergleichbaren Atmosphäre zu tun gehabt hätte. Ich kam am Mittwochabend nach Hause und stolperte über einen riesigen Haufen Möbelpakete. Meine achtjährige Tochter steuerte sofort erwartungsfroh auf mich zu.

– Was baust du zuerst auf, Papa?

– Keine Ahnung. (Ich wies unschlüssig auf das erstbeste Paket.)

– Das war ja klar! Nie baust du meine Sachen zuerst auf! Und ich kann wieder sehen, wo ich bleibe! Weißt du eigentlich, wie sich so etwas anfühlt?

– Aber ich wusste doch gar nicht ...

– Jetzt auch noch rausreden! So typisch!

Dann verschwand sie irgendwohin. Wäre eine Tür in Reichweite gewesen, sie hätte sie sicher aus den Angeln geknallt. So sollte es auch an den folgenden Abenden bleiben: Sie nahm jedes Eifersuchtsdrama mit, das sie kriegen konnte. Aber auch ich steigerte mich immer wieder in extreme Gefühlsausbrüche hinein.

Möbel zu zweit aufbauen? Das geht gegen die Ehre

Zweitens: der Aufbau. Ich ging die Sache mit zwei freiwilligen Handicaps an. Erstens ist unser Akkuschrauber im Eimer, ich musste also gefühlte 1000 Schrauben mit dem normalen Schraubendreher bearbeiten. Zweitens ignorierte ich selbstbewusst den von Ikea per Piktogramm gegebenen Hinweis, die Sache doch bitte zu zweit zu machen. Für mich ist so etwas eine Frage der Ehre. Die anderen Hindernisse hat dagegen Ikea frei Haus geliefert: Da ist zum Beispiel das Schubladensystem. Dafür muss man in den Möbelstücken so Ausziehelemente aus Metall festschrauben.

Jedes dieser Elemente hat zig vorgebohrte Löcher zur Auswahl (ich nehme an, damit sie für möglichst viele Möbelstücke passen). Damit erhöht sich die Fehlerwahrscheinlichkeit dramatisch, wenn man mal gerade nicht so genau auf die Anleitung geschaut hat. Wer jemals verschwitzt und schnaufend eine Schublade auf diese Schienen gesetzt hat und feststellen musste, dass alles krumm und schief ist, der weiß, wie schnell der Zorn in einem Menschen hochsteigen kann. So ging es mir in den letzten Tagen etliche Male.

Ich spüre den Stolz des Statikers am Hochbett meiner Tochter

Drittens: das Ergebnis. Aber welches Glücksgefühl, als Freitag in der Nacht das ganze Zeug endlich aufgebaut war! Mit schmerzenden Handgelenken stand ich vor meinem Werk. Solche Pracht! Eigentlich habe ich schon vor Jahren damit begonnen, mich langsam von der Ikea-Ästhetik zu entfremden – was nicht nur mit dem Aussehen zu tun hat, sondern auch mit Umzügen und den Folgen für diese Möbel. Drei Abende Arbeit hatten mich davon kuriert. Ich stand grinsend vor dem Hochbett meiner Tochter und spürte den Stolz des Statikers, dass es so stabil geworden war. Im Zimmer meines Sohnes betrachtete ich den Bettkasten mit den Schubladen. Der Sohn schlief schon nebenan, nun würde ich ihn hinüber tragen und er würde morgens in seinem neuen Bett erwachen, welche Freude würde das wohl sein?

Viertens: Epilog. Der Morgen, 7 Uhr.

– Morgen, Sohn! Wie findest du es?

– Was?

– Dein neues Bett natürlich!

– Ganz ok. Was gibt’s zum Frühstück?